„Wie Europa gelingt“: Amüsantes Theaterstück in der Stadthalle

Von: Hilde Viehöfer
Letzte Aktualisierung:
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Familienaufstellung mit EU-Mitgliedern. Foto: Wolfgang Emde

Jülich. Kann systemische Therapie Europa retten? Kann die mysteriöse und fachlich sehr umstrittene Familienaufstellung einiger verbliebener EU-Mitglieder die Union retten? Diese Fragen stellten sich dem Besucher in der Jülicher Stadthalle bei dem Theaterstück „Wie Europa gelingt“.

Die Autorin Katja Hensel, die auch als Hauptdarstellerin fungierte, hatte das Bühnenstück für die neue Aufführungsreihe 2017 aktualisiert.

Das Scheitern der EU steht im Mittelpunkt des Geschehens, Hintergründe werden allerdings weniger beleuchtet, als das Seelenleben der Vertreter von sieben Mitgliedsstaaten. Sie sollen sich bei einer „Familienaufstellung“ mit dem Thema Grenzen befassen.

Dabei greift die Therapeutin und Vertreterin der Bundesrepublik Deutschland ganz tief in die Trickkiste der Psychologie. Die Familienaufstellung ist eine wissenschaftlich umstrittene Methode, die ein Verfahren bezeichnet, bei dem Personen stellvertretend für hier Mitglieder eines Zusammenschlusses von Ländern konstellativ angeordnet werden, um aus dieser Wahrnehmungsposition gewisse Muster erkennen zu können. Systemrelationen können durch die Sicht von außerhalb innerlich distanzierter erlebt werden.

Gefühle und Gedanken sollen entwickelt und Verstrickungen erkannt werden. Diese Methode ist nicht eingebettet in eine Psychotherapie, gehört also eher zur Alternativpsychologie, ein durchaus in Fachkreisen umstrittenes, mysteriöses Feld.

Mit großem Körpereinsatz

Die Hauptdarstellerin und Autorin Katja Hensel, die gleichzeitig die Vertreterin der Bundesrepublik Deutschland war, spielte die Rolle der Therapeutin überzeugend exzessiv, mit großem Körpereinsatz, manchmal etwas überzogen anstrengend. Man hätte ihr in manchen Szenen einen guten Therapeuten gewünscht.

Die Vertreter der Länder boten ein buntes Bild. Christian Dieterle mimte den emotional labilen Finnen, den das Thema Wald-Wut beschäftigte. Christian Kaiser legte als barfüßiger Schotte ein gewisses relaxtes Verhalten an den Tag, Andreas Erfurth vertrat das geteilte Zypern.

Etwas merkwürdig gelang die Darstellung von Tschechien durch Tilla Kratochwil. Das lag aber mehr an ihrem etwas gewöhnungsbedürftigem Outfit als an ihrer verbal angelegten Rolle. Köstlich als Vertreterin von Spanien erwies sich die quirlige, emotional und temporeich agierende Barbara Wurster. Micha Stobbe als Vertreter Polens spielte in vielen Szenen eine zentrale Rolle.

Starke, emotionale Dialoge mit Tiefgang wechselten mit Szenen, die eher an Slapstick erinnerten. Satire, Drama, Komödie – viele Elemente vereinte dieses Theaterstück. Allemal war es sehr unterhaltsam, wenn auch nicht unbedingt erkenntnisreich, wenn es um Europa ging.

Alle Länder und ihre Vertreter erwiesen sich als traumatisiert. Auch größere Portionen Knete halfen nicht aus dem Dilemma. Therapeuten allerdings konnten sicherlich große Erkenntnisse gewinnen.

Angerissen wurden viele Probleme, Tiefgründigkeit fehlte, große Politik blieb außen vor. Das Psychospektakel war groß inszeniert. Trotzdem oder gerade deswegen erlebten die Zuschauer einen amüsanten und kurzweiligen Theaterabend, der die Dauer von 75 Minuten auch nicht groß hätte überschreiten dürfen.

Resümé: Deutschland ist schuld am Untergang der EU. Ein großer Stapel Stühle symbolisierte die Probleme der Welt, wobei auch Trump als Problemstuhl nicht fehlen durfte.

Großer Applaus für einen unterhaltsamen Theaterabend und ein quirliges, spielfreudiges Ensemble.

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