Rödingen - Wie die Nazis den Fußball gleichschalteten

Wie die Nazis den Fußball gleichschalteten

Von: ptj
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„Einer der profiliertesten deutschen Fußballautoren“ referierte im LVR-Kulturhaus Landynagoge: Das Thema des Vortrags von Dietrich Schulze-Marmeling lautete „Juden und Fußball“. Foto: Jagodzinska

Rödingen. Wenige Stunden vor der ersten EM-Begegnung Deutschlands hielt Fußballexperte Dietrich Schulze-Marmeling vor interessiertem Publikum im LVR-Kulturhaus Landsynagoge einen Vortrag zum Thema „Juden und Fußball“.

Schulze-Marmeling, „einer der profiliertesten deutschen Fußballbuchautoren“, wie Judaistin Monika Grübel es ausdrückte, schrieb unter anderem „Davidstern und Lederball“ und „Der FC Bayern und seine Juden“. Letzteres wurde 2011 zum Fußballbuch des Jahres gewählt. Sein Referat warf sowohl einen Blick auf die lange vernachlässigte Rolle jüdischer Akteure im Fußball als auch hinter die Fassaden der Geschichte des Deutschen Fußballbundes (DFB). In ihrer Aufarbeitung werde nämlich gerne „ein schönes harmonisches Bild bruchloser Geschichte gezeichnet“, wobei manches Detail in der schleichenden jüdischen Vertreibung komplett verschwiegen wird.

So forderte bereits 1932 ein Artikel im Hetzblatt „Der Stürmer“ den 1. FC Nürnberg mit drastischen Worten dazu auf, seinen Trainer Jenö Konrad zu entlassen: „Der 1. Fußballklub Nürnberg geht am Juden zugrunde. Konrad kann wohl sein Riesengehalt einstecken, aber den Klub zum Siege führen, das bringt der Jude nicht fertig. Klub! Besinne Dich. Gib Deinem Trainer eine Fahrkarte nach Jerusalem. Werde wieder deutsch, dann wirst du wieder gesund!“

Konrad „reagiert prompt und verlässt Deutschland“. Am 9. April 1933 verabschiedeten schließlich die an den Endspielen um die süddeutsche Fußballmeisterschaft beteiligten Vereine des Süddeutschen Fußball- und Leichtathletikverbandes eine Erklärung, in der sie dem nationalsozialistischen Regime ihre Mitarbeit anbieten und alle Folgerungen mittragen, „insbesondere in der Frage der Entfernung der Juden aus den Sportvereinen“.

Besonders interessant ist folgende Mitteilung: „Der Vorstand des Deutschen Fußball-Bundes und der Vorstand der Deutschen Sport-Behörde halten Angehörige der jüdischen Rasse in führenden Stellungen der Landesverbände nicht für tragbar. Die Vereinsvorstände werden aufgefordert, die entsprechenden Maßnahmen zu veranlassen.“

Neben einem „Kulturtransfer im Donaufußball“ stellte Schulze-Marmeling einige jüdische Fußballgrößen in Kurzporträts vor: So die Mitbegründer des DFB, Walther Bensemann und Gustav Randolph „Gus“ Manning. Bensemann wurde ferner 1920 Herausgeber und Chefredakteur des „Kicker“, Manning Mitbegründer des FC Freiburg und Initiator des FC Bayern München (beides 1897). Außerdem war er 1948 erster (emigrierter) US-Amerikaner im FIFA-Exe-kutivkomitee.

Porträtiert wurden auch der erste jüdische Nationalspieler Gottfried Fuchs, der 1912 zehn Tore beim 16:0-Erfolg der DFB-Elf gegen Russland erzielte. Er wurde gemeinsam mit Nationalspieler Julius Hirsch 1910 Deutscher Meister mit dem Karlsruher FV. Hirsch wurde 1943 deportiert und in Auschwitz ermordet. Ebenfalls porträtiert wurden Kurt Landauer, der in vier Etappen in der Zeit von 1913 bis 1951 Präsident des FC Bayern war, Bayern-Trainer Richard Dombi und der „bis heute jüngste Meistertrainer“ Arpad Weisz, der 1944 in Auschwitz ermordet wurde, BAK-Budapest-Spieler Ernö Erbstein, der von 1928 bis 1938 Bari, Cagliari, Luccese und den AC Turin trainierte und 1945 bis 49 technischer Direktor und Trainer des AC Turin und mit letzterem dreimal Meister war. Er kam 1949 mit der gesamten Mannschaft bei einem Flugzeugabsturz ums Leben.

1972 schrieb Altbundestrainer Sepp Herberger an den DFB und rief Gottfried Fuchs als „einen der besten Fußballspieler seiner Zeit“ in Erinnerung. Als „Versuch der Wiedergutmachung willfährigen Unrechts“ bat er darum, Fuchs als (Ehren)gast zum Länderspiel gegen die Sowjetunion einzuladen. In seiner Antwort schrieb der damalige DFB-Schatzmeister Hubert Claessen, es bestünde „leider keine Neigung der Mitglieder des Präsidiums, im Sinne des Vorschlags zu verfahren“. Man wollte einen Präzedenzfall vermeiden, zudem sei „die Haushaltslage sehr angespannt“.

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