Werken von Christian Morgenstern neues Leben eingehaucht

Von: ptj
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Der brillante Rezitator Oliver Steller erweckt in der Jülicher Stadtbücherei den deutschen Dichter und Dramaturgen Christian Morgenstern zum Leben. Foto: Jagodzinska

Jülich. Poppige Gitarrenklänge mit einer Prise Blues untermalten heiter-ernste Poesie, frappante Gestik paarte sich mit ausdrucksstarker Mimik. „Frag nicht lang“ nennt Rezitator Oliver Steller sein Programm, mit dem er dem deutschen Dichter und Dramaturgen Christian Morgenstern in der Stadtbücherei buchstäblich Leben einhauchte.

Themengebend ist die Insel „Fragnichtlang“ im humorvoll-phantastischen Morgenstern-Gedicht, auf der „die Lampe mit Reformkleid aus grünem Tang steht“. Sogleich gab sie auch den Blick frei auf das komödiantische Talent des Rezitators – das Publikum zeigte sich amüsiert. Steller war im doppelten Wortsinn ein Geschenk, das die stellvertretende Fördervereinsvorsitzende Christa Bartel sich selbst und vielen Gästen zum Geburtstag machte – fast auf den Tag genau zum Wiegenfest des Dichters.

Der erblickte am 6. Mai 1871 als Sohn einer Pianistin und eines Landschaftsmalers das Licht der Welt. „Immer zurückgeworfen auf sich selbst, erweckt er Dinge zum Leben“, veranschaulichte Steller dessen Wirken und tat es ihm nach. Wie beim „Butterbrotpapier im Wald, da es beschneit wird, fühlt sich kalt...“

Als Morgensterns Mutter an Lungentuberkulose stirbt, ist der junge Dichter erst neun, der Vater fühlt sich überfordert. Seiner Trauer gibt der Junge im Sinngedicht „Vöglein Schwermut“ Ausdruck. Steller interpretierte zwei von vier Elementarphantasien Morgensterns, die Flamme, mit der er die „Welt entfachen“ will, und die Meeresbrandung als Pendant zum Lärm des beginnenden 20. Jahrhunderts.

Der Rezitator träumte Morgensterns Traum von den drei Hasen, die sich als Mensch, Möwe und Reh entpuppten und widmete sich dessen berühmten „Galgenliedern“, derer er 42 geschrieben hat. Dazu zählten etwa „Der Werwolf“, der sich an „eines Dorfschullehrers Grab“ grammatisch beugen lässt. Wieso Galgenlieder?

Einen Galgenbruder beschreibt Morgenstern als „beneidenswerte Zwischenstufe zwischen Mensch und Universum. Man sieht vom Galgen die Welt anders an und man sieht andre Dinge als andre“. Erklärend vorangestellt hatte Morgenstern ein Nietzsche-Zitat: „Im echten Mann ist ein Kind versteckt, das will spielen“. Das oft scherzhaft verwendete Zitat: „Weil, so schließt er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf“, stammt im Übrigen aus Morgensterns Gedicht „Die unmögliche Tatsache“ aus dem Zyklus „Palmström“.

Nicht ohne Grund wurde der Poet von Kurt Tucholsky der „Wilhelm Busch unserer Tage“ genannt. Auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen schrieb Morgenstern die Gedichte „Das ästhetische Wiesel“, das sich „um des Reimes willen“ reimt, oder „Das Geierlamm“, das um die Jahrhundertwende „vernichtende Kritiken“ erntet.

Als Christian Morgenstern am 31. März 1914 in Meran an den Folgen seiner Erbkrankheit stirbt, kommentiert er das Leben rückblickend als „schlimmstenfalls entbehrlich“. Die begeisterten Beifallskundgebungen des Publikums hingegen deuteten einen Vortragsabend mit Oliver Steller als unbedingt erforderlich.

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