Wenn Teenager schwanger werden, hilft Hebamme Anja Bedacht

Von: Daniela Martinak
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Die Jülicher Hebamme Anja Bedacht erklärt einer schwangeren Jugendlichen was sie alles benötigt, wenn das Baby auf der Welt ist. Unter anderem gehört natürlich auch eine Wiege oder ein Bettchen dazu. Foto: Martinak

Jülich. Ricarda (Name von der Redaktion geändert) wirkt kein bisschen verunsichert. Dabei wird die 15-Jährige Jülicherin von vielen Leuten schräg angeschaut. Doch das Mädchen geht erhobenen Hauptes weiter die Einkaufsstraße entlang. Plötzlich bleibt sie stehen und beugt sich zu dem Kinderwagen hinunter, den sie vor sich herschiebt.

 „Meine Kleine hat Hunger“, weiß Ricarda sofort mit einem Blick auf die Uhr. Am nächsten Café macht sie Halt, setzt sich etwas abseits der anderen Gäste an einen Tisch und legt ihr zwei Monate altes Baby an. Die beiden sind gerade auf dem Weg zur Hebamme. „Nur noch mal zeigen, dass ich es wirklich kann“, sagt die stolze Mutter. Doch ihre Hebamme macht sich darüber keinerlei Sorgen. „Die Teenager sind teilweise sicherer im Umgang mit ihren Kindern als erwachsene Mütter“, betont Anja Bedacht, Hebamme aus Jülich. Die 32-Jährige ist seit neun Jahren selbstständige Geburtshelferin. Spezialisiert hat sie sich auf Teenagerschwangerschaften. Warum? Anja Bedacht: „Ganz einfach, ich habe mich entschieden auch den Menschen zu helfen, die es nicht so einfach haben und die oft mit Vorurteilen behandelt werden.“

Im vergangenen Jahr begleitete sie insgesamt 60 werdende Mütter. Davon acht Minderjährige im Alter zwischen 14 und 17 Jahren. Oft stammten die jungen Mütter aus sozial schwachen Familien, dass sei aber nicht immer so. Entgegengesetzt der Meinung vieler Menschen seien auch diese Babys oft Wunschkinder. Bedacht: „All das, was sie nie bekommen und sich immer gewünscht haben, wollen diese jungen Mädchen geben“, und weiter: „Die Familien der schwangeren Teenager brauchen oft nicht nur meine Hilfe. Das macht die Situation manchmal echt schwierig. Das Jugendamt muss eingeschaltet werden und das macht den Jugendlichen Angst, obwohl sie diese nicht haben brauchen“, versichert die Hebamme. Dennoch mache ihr gerade die Vor-, und Nachsorge solcher Schwangerschaften die meiste Freude. Bedacht: „Die jungen Mütter werden leider oft nicht ernst genommen, weder von den Ärzten noch von anderen Teilnehmern in Geburtsvorbereitungskursen. Deshalb gehen sie meist erst gar nicht dahin. Aber ich kann versichern, dass all diese Vorwürfe und Vorurteile in den meisten Fällen absolut nicht gerechtfertigt und einfach unfair sind.“

Dabei gibt es doch ein solch positives Beispiel im Jülicher Land: In Aldenhoven etwa setzt sich der evangelische Pfarrer Charles Cervigne für eben solche jungen Mütter ein, gibt ihnen Rückhalt, bietet ein offenes Ohr. Und das muss auch die Jülicher Hebamme häufig haben. Die gesamte Familie wird nämlich bei der Vorbereitung der Geburt miteinbezogen. Schließlich ist es nun mal so, dass die Mutter der werdenden Mutter eigentlich noch das Sagen hat.

Mangelndes Selbstbewusstsein

Dennoch, Teenagermütter wie Ricarda mangelt es nicht an Selbstbewusstsein. Unsicherheit ist laut Anja Bedacht ganz selten eine Eigenschaft. Im Gegenteil. „Es ist richtig schön zu sehen, dass die Mädchen ihre Entscheidungen aus dem Bauch heraus treffen. Das ist tatsächlich meist der bessere Weg. Und es funktioniert. Die müssen nicht lange nachdenken was das Baby hat, warum es schreit und was zu tun ist.“ Und auch während der Schwangerschaft sei es ganz anders als bei erwachsenen Müttern: „Die wissen genau wo es zieht und drückt und wie oft das Baby getreten hat und was sie nicht vertragen haben.“

Und nicht nur das, sie wüssten auch nach der Geburt instinktiv was das Baby hat, wenn es weint. Während sich meist die erwachsenen Mütter durch etliche Elternratgeber blättern würden, sei das Verständnis der Teenagermütter teilweise um einiges besser. Warum das so ist? Die Jülicher Hebamme kann es nicht genau sagen, hat aber eine Vermutung: „Es ist einfach typisch für Kinder und Heranwachsende nicht nachzufragen, sondern zu handeln und sich der Sache zu stellen, wie sie ist. Erwachsene - ich ertappe mich ja selbst oft dabei - stellen vieles in Frage und wollen meistens etwas ändern.“

Das, was sie aber nach der Geburt instinktiv wüssten, sei vor der Geburt übersehen worden. Nämlich was ein Baby fordert und braucht. Da wären nämlich neben der Zeit noch ein paar „Kleinigkeiten“ wie: eine Wiege, einen Wickeltisch, Fläschchen, Kleidung, ein Kinderwagen und so weiter und so weiter...

Meist müsse die Hebamme mehrere Male darauf hinweisen, die Dinge anzuschaffen. Doch über materielle Sachen werde oft nicht nachgedacht: „Diese Mädchen hatten meist selbst nicht viel und wollen nun alles geben. Damit meine ich nicht Geld, sondern Liebe und Geborgenheit.“ Das Gefühl Verantwortung zu übernehmen bedeutet ihnen alles, genauso wie es ihre Kinder tun.

„Wenn ich meine Klientinnen nach der Geburt besuche, stehen mir oft die Tränen in den Augen. Es ist wunderschön zu sehen, wie sehr sie ihre Kinder lieben und wie sie mit ihnen umgehen.“ „Leider“, so muss die Hebamme zugeben „ bleiben, nicht immer aber häufig, die Kinder auf der Strecke. Und auch ihre jugendlichen Mütter. Die können nämlich keine Ausbildung machen, sofern sich niemand anders um das Baby kümmern kann und wenn die Kinder dann ein Jahr alt sind und tatsächlich 24 Stunden lang Aufmerksamkeit und Abwechslung einfordern, dann wird es oft kompliziert.“

Oft rate sie deshalb in einem Mutter-Kindheim unterzukommen. Dort lernen die Teenager Selbstständigkeit und geregelte Tagesabläufe, die nun einmal mit und für das Baby wichtig sind. Die Väter seien meist schon während der Schwangerschaft weg. Die „Pille danach“ sei heutzutage gefragt wie nie.

Für Ricarda kam das nicht in Frage, aber eines möchte sie noch loswerden: „Bevor die Leute mich verurteilen sollen sie mich doch einfach ansprechen und mich und mein Kind und meine große Liebe zu ihm kennenlernen.“

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