Wenn Kontrolle dem Hunger Einhalt gebietet

Von: Lars Brepols
Letzte Aktualisierung:
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Schönheitsideal: Laut einer Studio wollen immer mehr Mädchen schlanker sein. Foto: ddp

Jülich. Linda ist blass und wirkt fahrig. Ihre Hände sind bläulich angelaufen und eiskalt. Sie zittert und friert ständig. Sie trägt weit geschnittene Klamotten, um ihre dünnen Arme und Beine zu kaschieren.

Obwohl sie wie ein Häufchen Elend aussieht, lehnt sie jegliche Hilfe ab. Ihr Ehrgeiz, stets die Beste und in allem perfekt zu sein, treibt sie, trotz körperlicher Schwäche, zu auffallend guten Leistungen in der Schule.

Doch so langsam geht ihr die Energie aus. Lediglich zwei grüne Äpfel und ein Magermilchjoghurt reichen einfach nicht aus, um ihren Körper zu versorgen. Ein schleichender Tod kündigt sich an, denn Linda ist schwer krank: Sie ist magersüchtig.

So wie Linda leiden immer mehr Mädchen in Deutschland an dieser oftmals tödlichen Krankheit. Auch Jülich bleibt vom traurigen Trend nicht verschont, sagt Dagmar Ahrens: „Die Störungen werden heftiger und die Mädchen immer jünger.”

Die diplomierte Psychologin ist seit 1991 bei der Jülicher Beratungsstelle von „Frauen helfen Frauen” tätig. „Über die Jahre ist es fast normal geworden, kontrolliert und diszipliniert zu essen, anstatt dann, wenn man Hunger verspürt.”

Gängiges Schönheitsideal

Ein Grund dafür ist das gängige Schönheitsideal unserer Gesellschaft, das durch TV-Sendungen wie „Topmodels” verstärkt wird. Die aktuelle Dr. Sommer-Studie 2009 belegt, dass 27 Prozent der befragten Mädchen lieber schlanker sein möchten, 2006 äußerten hingegen nur 18 Prozent diesen Wunsch.

Die betroffenen Mädchen entwickeln oftmals eine Wut auf ihren eigenen Körper und beginnen dann mit Diäten, die zu einem gestörten Essverhalten oder einer Essstörung führen.

„Der empfundene Druck, schlank und schön sein zu müssen, wird für die Mädchen zu einer gewaltigen Belastung”, weiß Ahrens aus Erfahrung. Bereits im Kindergarten sei dies ein Thema. „Häufig sind es die Eltern, die derartige Problemthemen in die Köpfe ihrer Kinder transferieren”, hat Ahrens festgestellt.

Doch nicht nur Magersüchtige suchen Rat bei der Jülicher Beratungsstelle, auch Bulimikerinnen und adipöse Menschen. „Die Bulimikerin ist meist eine Perfektionistin, die jedem gefallen will und häufig sehr erfolgreich im Berufsleben oder der Schule ist.

Genau wie die adipösen Frauen nehmen sie bei einer Fressattacke bis zu 30.000 Kalorien auf, die sie allerdings anschließend wieder erbrechen”, erklärt die Fachfrau die Unterschiede.

Unabhängig von der Essstörung versucht das Team um Dagmar Ahrens in einem ersten Schritt herauszufinden, welche Ursachen das gestörte Essverhalten bewirkt haben.

„Oft sind Gewalterfahrungen in der Familie die Auslöser. Häufig auch sexueller Missbrauch”, sieht Ahrens psychosomatische Störungen als Hauptursache für alle drei Formen von Essstörungen.

Anfangs bietet die Expertin den Mädchen und Frauen eine Beratung im Wochenrhythmus an, anschließend nur noch alle zwei Wochen. „Wir sind an die Grenzen unserer Kapazität gelangt und müssen deshalb viele Frauen an niedergelassene Psychotherapeuten verweisen”, berichtet Ahrens. Sie beziffert Heilungschancen grundsätzlich auf etwa 50 Prozent.

„Es ist ein sehr langer Weg. Die Heilung dauert meist so lange, wie die Essstörung akut war.” Nach anfänglichen Erfolgen halten viele Betroffene dem Druck nicht stand und brechen ab.

Eine traurige Tatsache, denn gerade Magersucht ist nach wie vor die psychische Störung mit der höchsten Sterberate. Ahrens: „Zehn Prozent aller Magersüchtigen sterben.”

Eine Beratung durch das Jülicher Team ist der erste Schritt in die richtige Richtung, um einer schier aussichtslosen Situation zu entkommen und in ein normales Leben zurückzufinden...
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