Wenn der Zug zur Zeitmaschine wird

Von: ptj
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Barmen. „Es ist nicht selbstverständlich, dass ein Kind, das in einem anderen Kontext aufgewachsen ist, sein Leben in einer völlig anderen Kultur meistert”, lobte Studiendirektor Stefan Wouters bei seiner Begrüßung den Gast des 23.

„Overbacher Specials”, den Jülicher Autor Stefano Polis. Ein weiteres Lob galt dem „sonst kühlen, kalten Raum” im Science College, der zur gut besuchten Lesung des Buches „Milch in Papier” durch Blumen und Teelichter auf Caféhaustischen in fast romantisches Ambiente getaucht war.

Der Autor, ein „Kofferkind”

Der Autor selbst, ehemaliges „Kofferkind” aus Griechenland, war entsprechend aufgeregt, war doch die Lesung aus seinem Erstlingswerk eine Premiere. Um so souveräner meisterte Polis die Präsentation seiner aus 13 Kapiteln bestehenden, lebendig geschriebenen Autobiografie, die eigentlich den Zweck hatte, „Erinnerungen für die Familie und Interessierte schriftlich festzuhalten”.

Die Kapitel, deren Lesung ihm „zu sehr ans Herz” gegangen wären, übersprang der sympathische Wahl-Rheinländer. „Milch in Papier” beginnt am Grab seiner Tante Lina, die ihm eine zweite Mutter geworden war. Dort „verschmelzen Gegenwart und Vergangenheit miteinander”: Der inzwischen erwachsene „Stefanaki” blickt zurück auf ein verwirrendes Leben zwischen zwei Kulturen und zwei Familien.

Den schmerzvollen Abschied von seiner geliebten Mutter, die im Rahmen des deutsch/griechischen Anwerbeabkommens von 1960 Arbeit in Baden-Württemberg findet, sparte Polis aus. Er las weiter vom „langen Weg”, als er im fünften Lebensjahr vom Gedanken beseelt war, sein Elternhaus wiederzufinden, in der Hoffnung, alles sei nur ein böser Traum. „Milch in Papier” ist das Kapitel überschrieben, das seinem Buch den Namen gab. Dort erinnert sich Polis an die Briefe seiner Mutter aus Deutschland, die seine „kindliche Fantasie aus der Bahn werfen”.

Am neugierigsten ist er auf Milch in Papiertüten, dieses Geheimnis wollte seine kindliche Fantasie unbedingt lüften. Ein größerer Zeitsprung führte zum Kapitel „Fritten mit Mayo”, in der er sein Leben mit Familie und Freunden in Düren beschreibt. Es reicht vom deutschen Grundsatz „gut Ding will Weile haben” bis zum griechischen „Kafenion” (Café), das für griechische Männer wie seinen Vater „ein Stück lebendige Heimat” bedeutete. Amüsant, mit etlichen Lachern der Zuhörer gespickt, gestaltete sich die Lesung des Kapitels „Meine deutsche Verlobte und die Soldaten”, in der der heutige Friseur für eine goldblonde Modellpuppe in einem Friseursalon schwärmt und als nicht sexuell aufgeklärter Junge zum „Hanswurst in unserer Straße” wird.

Ein erneut großer Sprung beschreibt seinen ans Herz gehenden endgültigen Abschied von Griechenland und seiner Tante: Als 16-Jähriger reist er mit dem Zug, den er mit einer Zeitmaschine vergleicht, wieder zu seiner Familie nach Deutschland.

„Wo gehöre ich eigentlich hin?”

Warum war er alleine in Griechenland, getrennt von seiner Familie? Diese Frage von vielen beantwortete Polis mit der griechischen Auffassung, dass der älteste Sohn mit Blick auf die Zukunftssicherung eine gute Schule in der Heimat besuchen muss, in die Familie Polis eigentlich hatte zurückkehren wollen. „Wir sind die letzte Familie (von 34 alleine aus seinem Dorf Petraná), die hier in Deutschland geblieben ist”, wie der Autor betonte.

Bei seinem ersten Deutschland-Aufenthalt hatte er die griechisch/integrative Martin-Luther-Schule in Düren besucht, an der der griechischsprachige Unterricht überwog. Die ewige Frage „Wo gehöre ich eigentlich hin”, beantwortet Polis für sich 1980, als er sich als 16-Jähriger entschied, „Rheinländer” sein zu wollen, was für ihn einem Befreiungsschlag gleich kam.

Das Publikum spendete nach der Lesung kräftig Applaus, etlichen Zuhörer stellten Fragen zu seiner Geschichte und kauften das Buch, das Polis natürlich gerne signierte.
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