Wenn das Netz zur Sucht wird

Von: Pia Wilbrand
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Inzwischen verbringen Mädchen
Inzwischen verbringen Mädchen ähnlich viel Zeit im Internet wie Jungen. Foto: Wilbrand

Jülich. Ist mein Kind internetsüchtig? Vorschnell wird darauf geschlossen, wenn Junior länger als zwei Stunden vor dem PC sitzt, doch ist nicht der Zeitfaktor allein entscheidend, sagt Doris Amberg, zuständig für die Suchtberatung im Sozialpsychatrischen Dienst des Kreises Düren in Jülich.

„Zunächst ist es wichtig, deutlich zu machen, was eine Sucht überhaupt ausmacht”, sagt sie. Bis zu einem suchtartigen Verhalten sei es in der Regel ein längerer Weg. Eine Sucht geht grundsätzlich - und so auch hier - mit Entzugserscheinungen einher.

Diese können von Unruhe, über Kopfschmerzen, Schlafstörungen bis hin zu unangenehmen Gefühlen reichen. Trotz solcher negativen Auswirkungen gehe ein Betroffener weiter seiner Sucht nach und erleide einen fast vollkommenen Kontrollverlust. „Das passiert zum Beispiel, wenn das Leben auf ein virtuelles Leben abgestimmt wird, um dort Termine wahrzunehmen.”

Beispiel: Anstatt ins Bett zu gehen, weil am nächsten Tag eine Klassenarbeit ansteht, spiele der Betroffene bis in die Nacht zum Beispiel Computer. Somit kämen allmählich frühere Interessen abhanden. „Mithilfe des Computers versuchen Süchtige dann, ihre Gefühle zu regulieren. Nur die Sucht macht sie vermeintlich noch glücklich.”

Ein Sucht-Sammelbegriff

In Bezug auf den Computer und das Internet gibt es laut Amberg viele potenzielle Süchte, die unter dem Sammelbegriff „Internetsucht” zusammengefasst werden. „Das sind Computer- und Glücksspiele, das Chatten, zielloses Surfen und Kaufen im Internet. Also eine Art „Lost in Space”-Situation: Die Betroffenen verlieren sich im Internet.”

Potenziell könne jeder Mensch diesen Süchten verfallen, der Zugang zu einem Computer und zum Internet hat. Die Fachfrau: „Die Fälle häufen sich aber bei den Personengruppen, denen viel Zeit zur Verfügung steht oder die keine alternativen Aufgaben und Ziele haben.”

Insgesamt seien bundesweit etwa 0,5 bis 0,7 Prozent der Bevölkerung als „internetsüchtig” eingestuft. Bei Jugendlichen zwischen 13 und 18 Jahren beträgt die Zahl 1,5 bis 3 Prozent, wobei Mädchen und Jungen inzwischen ähnlich häufig betroffen seien. „Aber die Experten sind sich längst nicht darüber einig, wo die Übergänge zwischen einer unbedenklichen und einer bedenklichen Nutzung und dann der Sucht liegen. Die sind fließend.”

So sei es unbedenklich, wenn ein Nutzer drei Stunden intensiv für eine Hausaufgabe oder ein Referat recherchiert, einen Text bearbeitet oder Produkte im Internet vergleicht. „Bedenklich wird es erst, wenn gleichzeitig noch das Mail-Programm läuft, Facebook aufblinkt oder ,World of Warcraft gespielt wird, denn dann gleitet die Konzentration von der eigentlichen Aufgabe ab, und der Nutzer verliert das Gefühl für Zeit und für die Relevanz der Aufgaben.”

Abhängigkeit beginne nach mancher Betrachtung erst ab 8,5 Stunden täglich, andere halten die Internetsucht für ein Verhalten, bei dem mehrere Faktoren zu betrachten sind: Persönlichkeit und deren Anfälligkeit, Spezifisches der „Droge” (wie Erfordernis des verbindlichen Online-Mitspielens), soziale Umgebung der Betroffenen.

Auch an die Beratungsstelle des Gesundheitsamtes in Jülich wenden sich immer wieder besorgte Eltern und Freunde, selten Betroffene selbst. Dabei gehe es hauptsächlich um so genannte Online-Rollenspiele wie „World of Warcraft” (WoW).

„Die meisten Leute registrieren es, wenn jemand im näheren Umfeld sieben bis zehn Stunden am Computer verbringt”, sagt Doris Amberg. „Betroffene fühlen sich dann oft missverstanden und ziehen sich erst recht ins Internet zurück.” Besser sei es aber, mit dem Jugendlichen darüber zu sprechen und sein Interesse am Computerspiel nachzuvollziehen. Doris Amberg glaubt, dass es sich in diesem Fall weniger um ein Internetproblem als vielmehr um einen Generationen- oder Familienkonflikt handele. „Denn Internetsucht ist meist eine Folgeerscheinung von anderen Problemen, wie familiären oder schulischen.”

Im Rahmen von Beratungs- und Therapiestunden versucht die Beraterin, den Eltern bewusst zu machen, welchen Reiz das Spiel auf ihre Kinder ausübt. „Bei WoW sind die Spieler in einem Team organisiert, in einer Gilde. Um überhaupt aufgenommen zu werden, muss der Spieler hohe Erfolge aufweisen, die durchaus Konzentration und strategisches Geschick erfordern. Meist bekommt er dann auch noch eine Position oder Aufgabe, die ihm Kompetenzen und Entscheidungsgewalt überträgt.”

Der Spieler fühle sich dann verpflichtet, sein Team zu unterstützen und zuverlässig sowie verantwortungsbewusst zu handeln: Eigenschaften und Fähigkeiten, die im realen Leben erwünscht sind. „Nimmt man einem exzessiven Spieler diese Aufgaben und Rollen, mit denen er sich identifiziert, plötzlich weg, so kann dies auch gefährlich sein.”

Wie im richtigen Leben seien eine Übergangszeit und eine Trauerphase wichtig, bevor man sich endgültig vom exzessiven Spielen lösen kann. Die Lösungsstrategie, die in der Beratung angewendet wird ist, den Alltag des Betroffenen neu zu strukturieren und zum Beispiel mit den Eltern feste Computerzeiten zu vereinbaren. Eine Rückbesinnung auf frühere Interessen und das Aufzeigen alternativer Ziele sind weitere Maßnahmen. Vor allem aber versuchen Berater, jungen Menschen Medienkompetenz zu vermitteln.
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