Inden/Altdorf - Weihnachten bei „Wikingern“: Beim Ball wird um den Baum getanzt

Weihnachten bei „Wikingern“: Beim Ball wird um den Baum getanzt

Von: Antonius Wolters
Letzte Aktualisierung:
13693822.jpg
Überall Kerzenschein: Sjöfn und Daniel Müller Thór machen es sich und der Familie im Pfarrhaus neben der Evangelischen Kirche in Inden/Altdorf während der Adventszeit sehr gemütlich. Ihre vier Kinder wachsen mit den Bräuchen beider Kulturen auf. Foto: Wolters

Inden/Altdorf. Wer erinnert sich nicht an die isländischen „Wikinger“, die mit ihren wilden Fans die Fußball-EM in Frankreich geprägt haben. Wie im hohen Norden an Weihnachten gefeiert wird, erzählen Sjöfn und Daniel Müller-Thór.

Wer das Domizil des Pfarrer-Ehepaars neben der Evangelischen Kirche in Inden/Altdorf besucht, wird von einer Licht-Installation empfangen, die in Art und Umfang ihresgleichen sucht. Das ist für Sjöfn eine Reminiszenz an die Heimat, wo „jedes Haus hell ist und alle extrem dekorieren“, wie die 40-Jährige erzählt. Kennengelernt hat sich das Paar auf einem Seminar einer kirchlichen Jugendorganisation, die in ganz Europa wirkt. Da Daniel Müller – damals noch ohne Thór – als Generalsekretär tätig war, und Sjöfn dem Vorstand angehörte, sahen sie sich regelmäßig und wurden ein Paar, das vier Jahre lang eine Fernbeziehung zwischen Brüssel und Island führte, bis sie in Island geheiratet haben.

Ein Jahr lang lebten die Eheleute im isländischen Reykhólar, in den Westfjorden. Dort liegt auch Patreksfördur, Sjöfns Heimat, und nach ihren Worten „das westlichste Dorf Europas“, wo sich alles um Fischfang und -verarbeitung dreht.

Nach einer Zwischenstation in Nideggen lebt die Familie, zu der vier Kinder im Alter von sechs bis 17 Jahren gehören, seit 2008 in Inden/Altdorf, wo Daniel Müller Thór die Evangelische Kirchengemeinde Inden-Langerwehe leitet.

Gattin Sjöfn hat einige Jahre Vertretungen innerhalb des Kirchenkreises Jülich übernommen, beispielsweise als Religionslehrerin in Wassenberg (Kreis Heinsberg), doch die Übernahme einer Gemeinde stand nie zur Debatte, da ihre in Island erworbenen Abschlüsse hierzulande nicht anerkannt worden sind. Dafür ist sie inzwischen Pfarrerin für die isländische Gemeinde in Luxemburg. Im Großherzogtum gibt es eine bis zu 1000 Menschen umfassende Gruppe Isländer, seit 1960 dort die Fluggesellschaft Iceland Air und später Cargo Lux gegründet wurden.

Die junge Frau ist mit ihrer Berufswahl übrigens in die Fußstapfen ihres Großvaters getreten, der ebenfalls als Geistlicher wirkte.

Seit der Finanzkrise 2008, die insbesondere Island arg gebeutelt hat, ist die Zahl der Gemeindemitglieder zwar auf etwa 500 Personen geschrumpft, doch die Pfarrerin reist regelmäßig ins Nachbarland, um dort Gottesdienste mit Taufen, Konfirmationen oder Hochzeiten zu feiern.

„Da ist Weihnachten viel los“, sagt Sjöfn und meint damit ihre Heimat Island, wo spezielle Traditionen gepflegt werden. Die beginnen schon mit dem Advent, wenn es Konzerte ohne Ende gibt, die stets gut besucht werden. So ist es den Müller-Thórs schon häufiger gelungen, isländische Sänger für einen Auftritt in hiesigen Gefilden zu gewinnen. Das war zuletzt Anfang Dezember mit Hafsteinn Thórlfsson der Fall.

Eine besondere Bewandtnis hat es mit den 13 Nächten vor Weihnachten auf sich, in denen die Kinder ihre Schuhe ins Fenster stellen, in denen über Nacht kleine Süßigkeiten landen. Es gibt auch die 13 Weihnachtsmänner, bei denen es sich der Sage nach um böse Trolle handeln soll, die mit den Menschen ihren Schabernack treiben.

Wenn die Menschen im isländischen Marathon-Winter, der sich meist von September bis Mai erstreckt, draußen mit der Natur in Form von Sturm und viel Schnee kämpfen, möchten sie daheim an den dunkelsten Tagen des Jahres eine kuschelig-behagliche Atmosphäre schaffen.

Warmes Kerzenlicht erhellt deshalb auch im Indener Pfarrhaus die Dunkelheit, obwohl hier die Sonne täglich erheblich länger zu sehen ist als in Island, wo sie sich nur wenige Stunden blicken lässt. Zur besonderen Stimmung tragen im hohen Norden auch Polarlichter bei, die über das nächtliche Firmament ziehen.

„Die Atmosphäre im Advent und an Weihnachten ist in Island bezaubernd“, sagt Daniel Müller Thór und empfiehlt diese Zeit für einen Besuch im Land der Schneestürme und heißen Quellen.

Fürs Festmahl an Heiligabend wird Schneehuhn oder Kasseler mit Honigkruste bereitet, wozu eine Mischung aus Fanta und Malzbier, das sogenannte Weihnachtsbier gereicht wird – „Normalbier“ war nämlich bis 1986 verboten. Andere weihnachtliche Gaumenfreuden, die tagelang vorbereitet werden, sind etwa Fischspezialitäten und geräuchertes Lamm.

Am zweiten Feiertag geht‛s zum Weihnachtsball, bei dem um den Baum getanzt und von gebuchten Weihnachtsmännern mit oder ohne Sack allerlei Blödsinn veranstaltet wird – ein großer Spaß.

„In Island ist Fußball Frauensport“, sagt Sjöfn noch, die als Spielerin des TuS Langerwehe mit gutem Beispiel vorangeht und bereits Tickets für die Frauen-EM im kommenden Jahr in den Niederlanden besorgt hat, wo Islands Frauen am Start sind.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert