Warteschlangen vor dem Warenhaus der Armen in Aldenhoven

Von: Thorsten Pracht
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Martina Schulz (rechts) und ihre Kolleginnen vom „Aldenhovener Tisch“ bei der Essensausgabe. Foto: Thorsten Pracht
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Aus einem Eimer zieht Schulz Lose mit den Namen der Hilfeempfänger, um die Reihenfolge der Ausgabe festzulegen. Foto: Thorsten Pracht
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Die Hilfebedürftigen warten auf die Ausgabe. Foto: Thorsten Pracht

Aldenhoven. Mittwochmorgen, kurz nach halb elf. Im Vorraum der Evangelischen Kirche in Aldenhoven sammeln sich die ersten Menschen. Von Minute zu Minute werden es mehr, bis der Flur hinter dem Gemeindesaal voll ist. „20 Leute kommen immer. Wir hatten auch schon 70“, sagt Martina Schulz.

Die 52-Jährige kümmert sich an jedem Montag, Mittwoch und Freitag mit ihren Kollegen beim „Aldenhovener Tisch“ um diese Menschen. Sie kommen, um etwas zu essen zu bekommen.

Üppig ist das Angebot an diesem Mittwoch nicht. Brötchen und Brot, Nudeln, etwas Obst und Gemüse. Von Ostern sind noch ein paar Schokoladenhasen übrig. „Seit der Kaiser's in Jülich geschlossen hat, ist unser Angebot zurückgegangen“, sagt Martina Schulz. Wer berechtigt ist, von der Tafel Waren zu beziehen, Hartz-IV-Empfänger, Rentner oder Flüchtlinge etwa, weiß nie, was am jeweiligen Tag gerade im Regal liegt. Damit niemand benachteiligt wird, entscheidet das Los, in welcher Reihenfolge die Interessenten die Stufen in den Vorratskeller des Aldenhovener Tisches hinuntersteigen dürfen.

Ihr Grundsatz sei „jeden mit demselben Respekt zu behandeln“, sagt Martina Schulz. Jeder habe sein Schicksal, viele ihrer Klienten seien krank. „Die Leute bringen ihre Alltagsprobleme mit. Und wir finden eigentlich für alles eine Lösung“, sagt die ehemalige Krankenschwester. Auch sie hat ihre Geschichte: Scheidung, alleinerziehende Mutter von drei Kindern, Krankheit, Frühverrentung. Das Haus ist längst verkauft. Seit vielen Jahren arbeitet sie ehrenamtlich in der Gemeinde mit.

„Für mich ist das wie eine Therapie“, erzählt sie, zieht das nächste Los und bittet eine junge Mutter mit zwei Kindern ins Warenlager. Die meisten hier, sagt Martina Schulz, würden längst nicht mehr daran glauben, dass ihr Leben noch mal eine Wendung zum Besseren nimmt. Hier und da bekämen die Helfer der Tafel diesen Frust auch zu spüren. Ohne Geld könnten die Menschen nicht am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Von „kultureller Armut“ spricht Martina Schulz. Da hilft auch der offene Bücherschrank vor der Kirche nichts.

Pfarrer Charles Cervigne benutzt einen anderen Begriff. Er spricht von „relativer Armut“. Man müsse „auch mal das deutsche Sozialsystem würdigen“, sagt er. In Äthiopien oder der Ukraine bedeute Armut, dass die Menschen ums nackte Überleben kämpfen. „Bei uns gibt es Nahrung, ein Dach über dem Kopf und ein Recht auf Bildung“, sagt Cervigne. Zwar würden die Betroffenen es dennoch als absolute Armut empfinden, aber „man sollte die Dimensionen nicht verkennen“.

Dennoch blickt er mit Sorge auf die Situation. Die Anfragen häuften sich seit Jahren, er spricht von einem „klaren Trend. An der Basis erleben wir seit Jahren eine Steigerung“. Dies habe nichts mit der – aktuell relativ niedrigen – Zahl der Flüchtlinge zu tun. Nein, Cervigne spricht explizit vom Anteil der deutschen Bevölkerung, der „abgehängt ist und das auch bleiben wird“. Die Armutstendenzen seien nunmal durch die Einführung von Hartz IV massiv beschleunigt worden. Was tun also, um künftig mehr zu schaffen als das Stillen der Grundbedürfnisse? Wie soll sie gelingen, die derzeit viel beschriebene Gerechtigkeit? Dazu brauche es wohl einen Systemwandel, mutmaßt der Aldenhovener Pfarrer. „Ich glaube nicht, dass man das durch kleinere Reparaturen hinbekommt.“

Für diese These spricht ein Blick in den Sozialbericht NRW 2016. Es ist der aktuellste vorliegende Report der Landesregierung über Armut und Reichtum. Dort heißt es unter dem Punkt Armut auf Seite 37: „Im Dezember 2014 lag die Zahl der Empfängerinnen und Empfänger von Mindestsicherungsleistungen bei rund 2,0 Millionen. Das waren rund 104.000 mehr als im Jahr 2010. Damit ist im Beobachtungszeitraum seit 2005 ein Höchststand erreicht.“

Die Mindestsicherungsquote sei ein Indikator für monetäre Armut. Und diese Quote dürfte in der Realität noch höher ausfallen. Wörtlich heißt es: „So geht das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) auf Basis einer Simulationsrechnung davon aus, dass zwischen 34 und 42 Prozent der Personen, die einen Leistungsanspruch auf Grundsicherungsleistungen haben, diesen nicht geltend machen.“ Die Dunkelziffer ist also beträchtlich.

Ein weiterer Wert steigt. Als „armutsgefährdet“ gilt laut Sozialbericht, wer weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens der NRW-Bevölkerung zur Verfügung hat. Diese Schwelle liegt für das Jahr 2014 bei 895 Euro netto für einen Single-Haushalt oder 1879 Euro bei zwei Erwachsenen und zwei Kindern. Auch hier setzt sich der Trend fort: „Im Jahr 2014 waren 16,2 Prozent der nordrhein-westfälischen Bevölkerung von relativer Einkommensarmut betroffen. Damit lag die Armutsrisikoquote um 1,5 Prozentpunkte höher als im Jahr 2010. Seit 2006 ist ein leichter, nahezu kontinuierlicher Anstieg der Armutsrisikoquote zu verzeichnen.“

Der Trend, den die Helfer in Aldenhoven verzeichnen, täuscht also nicht. Die Ehrenamtler werden weiter alles dafür tun, um das Warenlager im Keller der Kirche mit dem Nötigsten zu füllen.

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