Waldwandel von ganz oben betrachtet

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Jede Turmetage haben die Wissenschaftler des Forschungszentrums Jülich und die Industriekletterer der Euskirchener Firma „Erfahrungssache” von Hand nach oben gezogen und montiert. Foto: Nationalparkforstamt/ A. Schnurr

Nordeifel/Jülich. Meter um Meter hebt sich das Turmelement am Seil in die Höhe. Oben lenkt ein Kran die Last um, unten schwitzen Mitarbeiter des Forschungszentrums Jülich. Angeleitet von Industriekletterern stemmen sie die Füße in den Boden des Nationalparks Eifel und ziehen.

„Vorsicht”, ruft ein Kletterer, der oben auf dem Turm den Überblick hat. Das Turmteil schlägt laut gegen die schon stehenden Etagen. „Langsam”, ist die nächste Anweisung, und „Stopp!”.

Endlich hören die Forscher am Boden erlösend von oben: „Jetzt ein wenig ablassen.” Noch ein paar richtende Hammerschläge, sichernde Splinte und die nächste Etage des neuen Forschungsturms ist errichtet.

Es ist die siebte Etage. Gut zwölf Meter ist der Turm damit hoch - 36 Meter werden es. „Je höher desto besser”, sagt Dr. Thomas Pütz vom Institut Agrosphäre des Forschungszentrums Jülich. Er koordiniert die Arbeiten.

Es ist unter anderem sein Verdienst, wenn Umweltwissenschaftler aus ganz Deutschland zukünftig Daten aus dem Nationalpark Eifel anfordern. Denn die Station ist eingebunden in das bundesweite Projekt „Tereno”, das Stoffflüsse und -haushalte vor dem Hintergrund des Klimawandels und veränderter Landnutzung durch gesellschaftlichen Wandel untersucht.

Mit Messgeräten, die hoch über dem Nationalparkwald hängen, lässt sich zum Beispiel feststellen, welche Mengen Kohlendioxid (CO2) der Waldboden und die Bäume binden, erklärt Pütz. CO2 ist ein Treibhausgas, das die Erderwärmung vorantreibt und der Mensch setzt es in immer größeren Mengen frei.

Die Technik, die der Turm bald beherbergen wird, ist ausgeklügelt und teils einzigartig in Deutschland.

Einmalig macht diese Forschungsstation allerdings ihr Standort. Hier können die Wissenschaftler überprüfen, wie sich Waldwandel auf den Stoffhaushalt der Natur auswirkt. Denn der Turm steht mitten in einem rund 60 Jahre alten Fichtenwald, den die Nationalparkverwaltung in den nächsten Jahren fällen wird, um die Entwicklung eines Laubmischwalds einzuleiten.

Pütz und seine Kollegen wollen diesen Prozess wissenschaftlich begleiten. Etliche Fragen hoffen sie durch das Projekt beantworten zu können. Denn was passiert, wenn Fichten plötzlich großflächig als CO2-Speicher wegfallen? Ab wann speichern die nachwachsenden Bäume wieder mehr CO2 als das Ökosystem während des Wandels abgibt? Welche Stoffe gelangen zwischenzeitig in den Kreislauf?

1350 Bodensensoren

Neben den Ergebnissen vom Turm nutzen die Forscher dazu Messwerte eines Netzwerkes von 1350 Bodensensoren im Umfeld und Daten aus dem Bach des örtlichen Wassereinzugsgebiets, die sie teilweise schon seit Jahren sammeln.

Das Nationalparkforstamt Eifel, Universitäten und andere Institutionen profitieren ebenfalls von dem Projekt. Sie können weitere Messsysteme neben denen des Forschungszentrums am Turm anbringen und die Projektdaten nutzen.

Vom Regenscanner bis zum Fledermausdetektor wird in luftiger Höhe einiges vertreten sein. „Die Daten fließen in ein Netzwerk ein, das alle Kooperationspartner verwenden können”, lobt Dr. Michael Röös vom Fachgebiet Forschung der Nationalparkverwaltung Eifel.

„Wissenschaftler reisen oft nach Tibet oder in die Mongolei, um Umwelt zu erforschen. Hier können wir vor der eigenen Haustür untersuchen, was passiert”, sagt Pütz. Er krempelt beherzt die Ärmel hoch und greift wieder zum Seil, um mitzuhelfen. Denn die nächste Etage des Forschungsturms muss jetzt hochgezogen werden.
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