Wahrheit über „Hänsel und Gretel“ in der Stadtbücherei Jülich

Von: ptj
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Ein Sketch führt in die Märchenwelt ein: v. r. Erzähler Guido von Büren (Geschichtsverein), die gute Fee Sieglinde Plum (Overbach), Aschenputtel Thomas Arndt (FZJ), Prinz Christoph Fischer (Zitadelle) und die Schwestern Karin Stobbe (GHS) und Beatrix Roth (FH). Foto: Jagodzinska

Jülich. Es ging um Wahrheit und Glaubwürdigkeit, um Märchen und historische Befunde – und um viel schauspielerisches Talent. „Die Wahrheit über Hänsel und Gretel“ hatte der Arbeitskreis Jülicher Bibliotheken seinen spannenden und vielschichtigen Abend in der Stadtbücherei überschrieben, ein Beitrag zur bundesweiten Bibliothekenwoche vom 24. bis 31. Oktober.

Vor dem Hintergrund des 200-jährigen Jubiläums der „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm widmete sich der Veranstalter diesen. Zur Einführung in die Märchenwelt diente ein Sketch zu „Aschenputtel“. Als Erzähler fungierte Guido von Büren (Geschichtsverein), die gute quirlige Fee spielte Sieglinde Plum (Overbach). Als besonders monoton redendes männliches Aschenputtel verblüffte Thomas Arndt (FZJ), der vor Arroganz sprühende Prinz war Christoph Fischer (Zitadelle). Nicht zuletzt trugen die vermeintlich hässlichen und eifersüchtigen Schwestern Beatrix Roth (FH) und Karin Stobbe (GHS) zur guten Unterhaltung bei. Mit ihren zumeist kurzen monotonen Sätzen erheiterten die sechs schwarz gekleideten Darsteller, mit großen Sonnenbrillen auf der Nase, das Publikum. So betonte etwa Prinz Fischer: „Ich bin so schön. Ich werde dich heiraten“. Aschenputtels Antwort lautete kurz und knapp. „Okay“.

Guido von Büren bot einen Überblick über die verschieden edierten Fassungen des Märchens „Hänsel und Gretel“, um dann Spannung zu verheißen: „Niemand kennt Georg Ossegg, aber jeder kennt Heinrich Schliemann, der tatsächlich Troja entdeckt hat“. Ossegg sei 1919 in Prag geboren, er begab sich als 45-jähriger Aschaffenburger Studienrat im Spessart auf Spurensuche. Als Kind hatte er Märchen und Mythen verschlungen, Hänsel und Gretel las er als Tatsachenbericht. In Interviewform befragte von Büren nun Christoph Fischer über die einzige bedeutende Entdeckung Osseggs als Amateur-Wissenschaftler.

Jener „analythische Geist“ hatte auf seiner Route Fudamente eines Holzhauses im Wald gefunden, dazu die Reste von vier Backöfen. Gruseligster Fund war ein zum Teil verkohltes Skelett einer höchstens 35 Jahre alten Frau in einem der Ofen-Fragmente, wie spätere wissenschaftliche Analysen offenlegten. „Wichtigster Fund“ der Spürnase war am 15. Juli 1962 eine kleine eiserne Truhe mit Backgerät und Kuchenresten und einem handgeschriebenen, halb verwitterten Rezept.

Hexenbäckerin vor Gericht

Bei seinen Recherchen stieß Ossegg auf einen Hexenprozess. Angeklagt war die „Hexenbäckerin“ Katharina Schrader aus Wernigerode, die den Prozess mit Not überstand und in das einsam gelegene Haus am Engelesberg im Spessart floh. Dort sei sie vermutlich von Hofbäcker Hans Metzler und seiner Frau Grete aufgespürt, wegen ihres Rezeptes getötet und in einen der Backöfen geworfen worden. Ossegg sei „in die Reihe der herausragenden Laienforscher durchaus mit einzureihen“, fasste Fischer zusammen. War also Hänsel und Gretel in Wahrheit eine romantische Verfälschung eines Raubmordes? Die Antwort gab von Büren erst nach der Pause mit Lebkuchen und Getränken: Es gab Ossegg und alle seine Recherchen gar nicht. Der Karikaturist und Satiriker Hans Traxler hatte alles frei erfunden. Glaube und Unglaube hielten sich schon damals die Waage: Sogar 18 ausländische Verlage hatten sich, eine Sensation witternd, um die Lizenzausgabe des Traxler-Buches beworben.

Der japanische Gerichtsmediziner Professor Takemura hatte um Übersetzungsrechte gebeten, eine Frankfurter Studienrätin wollte mit ihrer Abiturienten-Klasse die Reste des Hexenhauses besuchen. Den Faden vom „falschen Bart“ nahm im Anschluss Peer Kling in seinem ernsthafteren Beitrag wieder auf. Sein mit kleinen Anekdoten gewürzter Vortrag widmete sich Grafiker und Zeichner Ludwig Emil Grimm, jüngerer Bruder von Jacob und Wilhelm Grimm. Kling zeichnete dessen Erfolgsleiter zum Kasseler Akademieprofessor nach und nahm andere spätromantische Künstler in den Blick – so auch Landschaftsmaler Johann Wilhelm Schirmer. Dieser „passte ziemlich gut zu Ludwig Emil Grimm. Schade, dass sie sich nicht kennengelernt haben“. Die vielen Zuhörer spendeten begeisterten Applaus für einen außergewöhnlichen märchenhaften Abend.

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