Vortrag: Wenn das Gehirn die Notbremse zieht

Von: ptj
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Arzt und Migräne-Experte Jan
Arzt und Migräne-Experte Jan Brand referiert in der Schlosskapelle, gibt den interessierten Besuchern Tipps und beantwortet individuelle Fragen zu der Erkrankung. Foto: Jagodzinska

Jülich. „Migräne ist eine chronische Erkrankung, vererbt, nicht heilbar, aber gut behandelbar”, nahm Mediziner Jan Brand gleich vorweg. Der Leiter der Migräne- und Kopfschmerz-Klinik Königstein im Taunus, der auf Einladung der AOK-Gesundheitskasse in der gut gefüllten Schlosskapelle referierte, setzte nach: „Sie entsteht durch eine Überreizung des Gehirns und man kann sie selbst in den Griff kriegen.”

Ihre Krankheit selbst in den Griff gekriegt hat auch Lucia Gnant, dank Jan Brand. Die Migränepatientin, die sich noch vor dem Referat dem Publikum vorstellte, erlitt vor mehr als zwei Jahren ihren letzten Anfall. Ihre „Odysee” bewältigte sie in drei Phasen: Im ersten Anlauf erfolgte ein Medikamentenentzug, im zweiten eine Ernährungsumstellung, erst im dritten fand sie „den richtigen Weg”.

Vorboten einer Migräne

Wie Brand in seinem Vortrag ausführte, leiden 10 bis 14 Prozent der Weltbevölkerung unter Migräne, darunter 9,2 Millionen Deutsche. 15 Prozent der Betroffen sind weiblich, 7 Prozent männlich, 12 Prozent Kinder und Jugendliche. Die direkten Behandlungskosten beliefen sich auf 27 Milliarden Euro. Eine klassische Migräne kündige sich meist durch eine ein- bis zweitägige, individuell verlaufende „Prodomalphase” an. Heißhunger auf Süßes kann ebenso Vorbote sein wie Euphorie oder Depression, erhöhte Leistungsfähigkeit oder Müdigkeit.

Die folgende, etwa einstündige Aura trete häufig mit Seh- und Sprachstörungen oder Kribbeln in Händen oder Armen auf. Die eigentliche Kopfschmerzphase dauert bei Kindern vier bis fünf Stunden, bei Erwachsenen bis zu vier oder fünf Tagen. Sie geht etwa mit Übelkeit, Erbrechen, Licht-, Lärm- und Geruchsempfindlichkeit, Durchfall, Schwindel und vermehrtem Wasserlassen einher.

Letzte Phase ist die der Erholung, die Stunden und Tage dauern kann. Die Auslöser, sogenannte Trigger, können emotionaler Art oder mit kurzfristiger Extrembelastung verbunden sein.

Eine chronische Erkrankung

Wichtig ist: „Migräne ist eine chronisch-neurologische, keine psychosomatische Erkrankung.” Sie kann genetisch bedingt bereits im zarten Kindesalter auftreten. Es handele sich dabei um eine Störung im Gehirnstoffwechsel, eine Art Reizverarbeitungsstörung. Gewissermaßen sei sie eine Notbremse des überlasteten Körpers: „Wenn sie alles 200-prozentig machen und schwer Nein sagen können, dann wechselt noch das Wetter oder der Hormonspiegel, schon ist es soweit”, veranschaulichte es der Experte.

Die Bekämpfung setze bei der Ursache, beim fallenden Serotoninspiegel an, und zwar mit der Einnahme eines Triptanmedikamentes, das „nicht die Leber schädigt”. Brand riet: „Zu Beginn der Kopfschmerzphase nicht erst Kaffee, Zitrone und Paracetamol einnehmen und abwarten, sondern gleich zu ihrem Spezialmedikament greifen.”

Unter Umständen ist auch eine Prophylaxe mit oder ohne Medikamente zu erwägen.

Goldene Regeln

Zu den Goldenen Regeln eines Migränepatienten zähle zunächst das Führen eines Migränekalenders mit Eintragung der Stressauslöser.

Ferner seien die Überprüfung der Ernährungsgewohnheiten und eventuell ein Nahrungsmittel-Unverträglichkeitstest ratsam. Wichtig seien zudem zum Beispiel regelmäßige Entspannungsübungen für die Muskulatur, Ausdauersport sowie Abbau von Stress und überhöhten Ansprüchen oder Erwartungen. Empfehlenswert sei es zudem, sich einer Migräneliga anzuschließen.

Als weiterer Gast erläuterte Marlies Wetzler, Vorsitzende der Migräne-Selbsthilfegruppe Düren, die Ziele einer Migränegruppe. Zur eventuellen Gründung einer solchen in Jülich bat sie zum Abschluss der Veranstaltung Interessierte an ihren Tisch. In einer Selbsthilfegruppe steht etwa neben umfassender Information: „Wir untereinander verstehen uns ja in der Migräneliga.”
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