Vortrag: Geistige Verwirrtheit früh erkennen

Von: ptj
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Veranstaltung in der Reihe „Gesundheit im Alter“: (v.l.) Andreas Pieper, Chefarzt der Geriatrie im Elisabeth-Krankenhaus, Frank Muckel vom städtischen Amt für Familie, Generationen und Integration, und Ruth Tavernier-Schwab, Vorsitzende des Seniorenbeirats. Foto: Jagodziska
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Andreas Pieper, Chefarzt der Geriatrie im Jülicher Krankenhaus, referiert über das „Delir“.

Jülich. „Ein Delir muss erkannt werden und ist stets Warnsignal. Suche nach der Ursache!“ Diesen Merksatz stellte Andreas Pieper, Chefarzt der Abteilung für Geriatrie und interdisziplinäre Altersmedizin im St.-Elisabeth-Krankenhaus, bei einer Vortragsveranstaltung des Seniorenbeirats im Neuen Rathaus heraus.

Anzeichen und Bedeutung eines „Delirs“ erkannte schon Hippokrates (460-377 vor Christus): „Bei akutem Fieber, Lungenentzündung, Meningitis, Phrenitis (Wahnsinn) und akuten Kopfschmerzen beobachte ich, dass die Patienten mit den Händen in der Luft umherfuchteln, auf der Bettdecke Flusen zupfen und Spreu von der Wand pflücken. Alle diese Zeichen sind ungünstig, im Grunde tödlich.“ Laut Pieper wurde die Bedeutung des „Delirs“ lange unterschätzt, deshalb ist die frühere Bezeichnung „Durchgangssyndrom“ überholt.

Ebenso deckt das Thema „Gestern war noch alles normal – Akute Verwirrung nach der Operation“ in der Reihe „Gesundheit im Alter“ nur einen Teilbereich ab. Immerhin sind aber bis zu 60 Prozent postoperativ davon betroffen. Stationär behandelte Patienten erkranken generell zu 50 Prozent, auf Intensivstationen zu 70 bis 90 Prozent daran. Dabei wird unterschieden zwischen einem „hyperaktiven Delir“ mit motorischer Unruhe, Rufen, Schreien, Aggressionen oder Nesteln und dem gefährlicheren „hypoaktiven Delir“, verbunden mit dem Rückzug der in sich gekehrten Patienten. Gemeinsamkeiten sind Aufmerksamkeitsstörungen, Desorientiertheit, Schlafstörungen, Verwirrtheit.

Im Gegensatz zu Depressionen und Demenz treten die im Tagesverlauf wechselnden Störungen akut auf und dauern wenige Monate. Unbehandelt stellen sie ein gewaltiges Risiko für eine „Abwärtsspirale“ mit dauerhafter Verschlechterung der Alltagskompetenz und dauerhaft erhöhtem Pflege- und Betreuungsbedarf dar. Zudem beträgt das Sterblichkeitsrisiko wie bei einem Herzinfarkt 23 bis 76 Prozent.

Als Ursache nannte Pieper das „Durcheinandergeraten“ von Botenstoffen wie Acetylcholin, Dopamin oder Serotonin im Gehirn. Die größten Risikofaktoren bezeichnete Pieper als „Verletzbarkeiten“. Das sind hohes Alter, Demenz und Gebrechlichkeit, gefolgt von Mehrfacherkrankungen, sensorischen Störungen, Anämie, Alkohol/Medikamenten, Depression und Isolation.

Die größten „Gifte“ seien chirurgische Eingriffe, Medikamente, Intensivstation und akute Infektionen, unter anderem aber auch freiheitseinschränkende Maßnahmen und fremde Umgebung.

Was kann das Krankenhaus dagegen tun? „Höchstes Ziel ist es, das Delir-Risiko zu minimieren“, deshalb benötige das Personal Kenntnis und Fortbildung. Warnsignale müssen erkannt, Orientierung und Vertrauen geschaffen werden. Dabei können Angehörige einen große Hilfe sein, bedürfen aber auch der Aufklärung. „Existenziell ist die interdisziplinäre Teamarbeit.“ Das Elisabeth-Krankenhaus verfügt über ein zertifiziertes Alterstraumazentrum, in dem „Operateure und Geriater zum Wohl des Patienten uneitel zusammenarbeiten“. Die Ansprechpartner bleiben gleich, auf Stationswechsel und Intensivstation wird nach Möglichkeit verzichtet.

An die Stelle der Prämedikation tritt die „verbale Sedierung“. Das heißt, der Patient wird mit beruhigenden Worten statt mit weiteren Medikamenten auf die OP vorbereitet, bei der Funktionalität und Zeitfaktor eine entscheidende Rolle spielen. Nach der OP wird etwa auf eine angepasste Schmerztherapie, Flüssigkeitsausgleich und Medikamentenüberwachung Wert gelegt. Der „Fixierung“ des Patienten wird die sofortige Mobilisierung entgegengesetzt.

In dem an das Referat anschließenden Austausch gingen die Teilnehmer auf das erwähnte, sehr erfolgreiche Projekt im Franziskus-Hospital in Münster ein, in dem Altenpflegerinnen Delir-gefährdete Patienten kontinuierlich begleiten, was den Ablauf erleichtert und letztendlich Kosten spart. Natürlich sprengt solch ein Projekt „den Etat eines kleinen, konfessionellen Krankenhauses“. Pieper wiederholte die Wichtigkeit, die „Bedeutung dieses Krankenbildes zu verstehen“ und in der Folge etwa „Katheder schneller rauszuziehen, Medikamente zu prüfen usw.“.

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