Vortrag: Der Judenhass des großen Reformators Martin Luther

Von: ptj
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„Luther taugt nicht als Heiliger“: Prof. Dr. Ursula Rudnick aus Hannover hält in der überfüllten ehemaligen Synagoge im LVR-Kulturhaus in Rödingen einen höchst interessanten Vortrag über Martin Luthers Judenfeindlichkeit und ihre Folgen. Foto: Jagodzinska

Rödingen. War Luther ein Judenfeind? „Ja. Und er überschreitet das in seiner Zeit übliche Maß an Antisemitismus.“ Das betonte Professorin Dr. Ursula Rudnick aus Hannover, die in der überfüllten ehemaligen Synagoge im LVR-Kulturhaus aus Anlass des Reformationsjubiläums einen Vortrag zu „Martin Luthers Judenfeindschaft und ihre Folgen“ hielt.

Rudnick ist Beauftragte für das christlich-jüdische Gespräch der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers und Studienleiterin des Vereins „Begegnung Christen und Juden“ Niedersachsen. Unlängst wurde ihr mit anderen Vorstandsmitgliedern der „Konferenz Landeskirchlicher Arbeitskreis Christen und Juden“ die „Buber-Rosenzweig-Medaille“ 2017 verliehen.

Eigene Wahrheit vermitteln

Ihr in den religiös-theologischen und den politischen Bereich aufgegliedertes Referat begann mit dem als „Judensau“ bezeichneten Relief aus dem Jahr 1305 an der Wittenberger Stadtkirche. Es zeigt einen Rabbiner, der einem Schwein unter den Schwanz schaut, und Juden, die an den Zitzen der Sau trinken. Auf dieses Bild bezieht sich Luther in seinem 1543 geschriebenen Buch „Vom Schem Hamphoras und vom Geschlecht Christi“, in dem er die Juden in obszöner Sprache diffamiert und dämonisiert. „Schem Ha Mphoras“ ist der hebräisch-rabbinische Name für den unaussprechlichen Namen Gottes.

„Die andere Auslegung der Schrift ist in Luthers Augen Gotteslästerung. Er meint, die Diffamierung der Juden und des Judentums diene der Ehre Gottes“, erläuterte die Referentin und fügte hinzu: „Luthers Schrift richtet sich an die Christen, um die eigene Wahrheit vermeintlich heller erstrahlen zu lassen“.

In sieben Schritten, die er zynisch als „scharfe Barmherzigkeit“ bezeichnete, habe der Reformator zur Zerstörung von Synagogen und Wohnungen aufgerufen, zu Raub, Zwangsarbeit und Vertreibung. Zu den ersten Kritikern von Luthers „schweinigem, kotigen Schemhamphorasch“ zählte Heinrich Bullinger aus Zürich.

Dabei waren in Luthers früher Schrift: „Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei“ aus 1523 „noch einige freundliche Worte“ zu lesen, auch wenn „ihn die Juden nur als Bekehrungsobjekt interessierten“. Mit ausbleibender Judenbekehrung wurden die weiteren Schriften des Reformators immer judenfeindlicher und Luther „sah die Möglichkeit, ein evangelisches Kirchenwesen zu erschaffen und die Politik zu beeinflussen“.

Im 19. Jahrhundert entstand der politische Antisemitismus und Pfarrer wie der radikale Berliner Hofprediger Adolf Stoecker betrieben „aktiven politischen und religiösen Antisemitismus und griffen immer wieder auf Luther zurück“. Sieben Landeskirchen standen „an der Front des historischen Abwehrkampfes und wollten schärfste Maßnahmen gegen die Juden ergreifen“. Zu den wenigen, die widersprachen, zählte Dietrich Bonhoeffer.

Viele Jahre später arbeiteten evangelische und katholische Kirchen gemeinsam an „einer neue Theologie“. Darin haben „jüdische Auslegungen des Alten Testamentes ihre eigene Berechtigung“, durch die Christen lernen und eine Bereicherung im eigenen Glauben finden könnten. Ferner „war und ist jüdisches Leben in der Diaspora nicht theologisch als Ausdruck von Gottes Strafe zu interpretieren. Der Bund Gottes mit seinem Volk ist nicht gekündigt“.

1984 wollte der Lutherische Weltbund „die wüsten antijüdischen Schriften des Reformators weder billigen noch entschuldigen“. 2015 erst sah die Synode der Evangelischen Kirchen Deutschlands in Luthers Sicht des Judentums einen „Widerspruch zum Glauben an den einen Gott“. Im November 2015 wurde der Luther-Statue in Wittenberg die Augen verbunden, als Zeichen seiner Blindheit. Viele Fragen schlossen sich dem Referat in der anschließenden Runde an.

Sie zielten auf die Ursachen des christlichen Antisemitismus überhaupt ab, das Verhalten der katholischen Kirche in dieser Sache und auf Unterschiede in den reformierten Kirchen. Diese Fragen will Judaistin Monika Grübel mit einer jeweils eigenen Veranstaltung zu diesem Thema klären. Abschließend beantwortete die Referentin die Frage nach der Auswirkung der drastischen Aussagen Luthers auf ihren eigenen Glauben: „Luther taugt nicht als Heiliger.“ Sie empfiehlt, „selbst zu denken, kritisch zu sein und ein erwachsenes Verhältnis zum Glauben zu haben“.

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