Jülich - Vor 99 Jahren stellte das Bahnwerk die Weichen in Jülich neu

Vor 99 Jahren stellte das Bahnwerk die Weichen in Jülich neu

Von: Guido Jansen
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Museum Zitadelle
Neben dem heutigen Forschungszentrum hat Jülich in der jüngeren Neuzeit nichts so stark verändert wie das Eisenbahnausbesserungswerk. Foto: Museum Zitadelle
Museum Zitadelle
Als bekanntwurde, dass in der Region ein großes Eisenbahnausbesserungswerk entstehen sollte, sah die Stadt Jülich ihre Chance gekommen. Foto: Museum Zitadelle
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Die Produktivität steigt immer weiter: In den 1930er Jahren wurden pro Jahr 900 Lokomotiven im Ausbesserungswerk repariert. Foto: Museum Zitadelle
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Heute erinnert daran nur noch wenig: Das Ausbesserungswerk glich vor dem Zweiten Weltkrieg einem großen Rangierbahnhof. Foto: Museum Zitadelle
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Hat sich mit der Geschichte des Werks beschäftigt: der Historiker Prof. Günther Bers. Foto: Jansen

Jülich. Das Jülicher Land stand am Anfang des vergangenen Jahrhunderts auf dem Abstellgleis. Keine 5000 Einwohner, kaum große Industrie. Das hat sich vor 99 Jahren schlagartig geändert. 1916 begann der Bau des Eisenbahnausbesserungswerks, am 1. August 1918 wurde es eröffnet.

Da, wo heute das Mechatronikzentrum der Bundeswehr einer der größten Arbeitgeber in Jülich ist, kamen 1918 auf einen Schlag 2000 Arbeiter nach Jülich, die mit ihren Familien dafür sorgten, dass sich die Einwohnerzahl verdoppelte. Mit ihnen entstand für damalige Verhältnisse fast über Nacht der Stadtteil Heckfeld. „Für Jülich war das Fluch und Segen zugleich“, sagt Günther Bers, gebürtiger Jülicher und emeritierter Geschichtsprofessor an der Uni Köln. Eines ist sicher: Neben dem heutigen Forschungszentrum hat Jülich in der jüngeren Neuzeit nichts so stark verändert wie das Eisenbahnausbesserungswerk.

Die industrielle Revolution war in den Jahrzehnten zuvor am einstigen Sitz der großen Herzöge vorbeigerollt. Auch wegen der größten Hinterlassenschaft der Herzöge, der Zitadelle, hatte Jülich den Anschluss an die Bahn verpasst. „Es gab um 1835 Pläne, die Bahnstrecke von Köln über Aachen nach Antwerpen über Jülich laufen zu lassen“, sagt Günther Bers. „Das preußische Kriegsministerium hatte aber die Sorge, dass die Festung Zitadelle mit der Bahnlinie auch für Feinde zu einfach zu erreichen gewesen wäre.“ Die Strecke wurde über Düren gebaut, und Jülich hinkte seitdem hinterher.

Militärisch spielte die Zitadelle damals kaum mehr eine Rolle, trotzdem wurde um sie herum geplant, als hätte sie noch das Gewicht aus der Zeit der Herzöge gehabt. Zwar wuchsen Familienunternehmen wie Gissler oder Eichhorn. Aber mit Düren konnte Jülich ohne Bahn nicht mehr mithalten. Lediglich eine weniger wichtige Bahnstrecke verlief durch Jülich.

Als bekanntwurde, dass in der Region ein großes Eisenbahnausbesserungswerk entstehen sollte, sah die Stadt Jülich ihre Chance gekommen. Mit dem preußischen Forstfiskus bot sie der Königlich-Preußischen Eisenbahndirektion ein großes Stück Wald für das Werk an. Kostenlos. Außerdem wurden Selgersdorf, Altenburg und Daubenrath eingemeindet, weil Teile der Fläche sonst nicht auf Stadtgebiet gelegen hätten.

Stadtoberen verschätzten sich

Mit dem Ersten Weltkrieg und den Plänen des Kaiserreichs, Truppen per Bahn schnell in Richtung Frankreich und Belgien verlegen zu können, hatte das Ausbesserungswerk übrigens nichts zu tun. Im Gegenteil: Der Krieg und die resultierende Materialknappheit verzögerten den Bau. Für Jülich bedeutete das neue Werk mehr als Einwohnerwachstum. „Die Arbeiter kamen aus Köln, Aachen oder dem Ruhrgebiet. Sie waren alle gewerkschaftlich organisiert. Viele von ihnen waren in der SPD“, schildert Bers.

Im November 1918 wurde im Heckfeld der erste SPD-Ortsverein in Jülich gegründet. „Vorher waren die Roten in Jülich völlig undenkbar. Jülich war christlich-konservativ geprägt“, erklärt der Historiker.

Die Stadtoberen hatten sich in mehreren Punkten verschätzt. Finanziell war das Werk von Anfang an ein Problem. „Als staatliches Unternehmen zahlte das Werk keine Steuern an die Stadt. Gleichzeitig musste Jülich viele Infrastrukturmaßnahmen bezahlen: Wohnungen, Straßen, Schulen waren nötig“, sagt Bers. Gestartet war das Werk 1918 mit rund 2000 Arbeitern, die Zahl schrumpfte bis in die 1930er Jahre auf die Hälfte. Gleichzeitig nahm die Produktivität zu.

1922 dauerte es vier Monate, bis eine Lokomotive generalüberholt war. 1931 waren es noch 18 Tage. „Viele Facharbeiter verloren ihre Stellen und fanden hier nichts Neues. Damals bedeutete das, dass sie auf Kosten der Stadt lebten. Für Jülich war das Bahnausbesserungswerk in den ersten Jahren finanziell eine Katastrophe“, lautet Bers' Einschätzung.

„Das Werk, das übrigens erst ab 1925 Reichsbahnausbesserungswerk hieß, ist ein noch weitgehend unerforschtes Thema“, erklärt Bers. Zu gerne würde er beispielsweise die Protokolle des Betriebsrates studieren. Die sind Mitte der 50er Jahre in den Besitz der Bundesbahndirektion Köln gekommen und mutmaßlich vernichtet worden.

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