Jülicher Land - Vor 100 Jahren: Hungerwinter im Jülicher Land

Vor 100 Jahren: Hungerwinter im Jülicher Land

Von: Antonius Wolters
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Die Garnison mit dem „grünen Daumen“: Das in der Zitadelle stationierte Erste Bataillon des Reserve-Infanterie-Regiments 65 hatte während des Ersten Weltkriegs frühzeitig seine Selbstversorgung auf- und großflächig Gemüse angebaut. Foto: Stadtarchiv Jülich
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Um die Rationierungen umzusetzen, wurden schon früh Lebensmittelkarten ausgegeben. Repro: Wolters
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Gab dem „Hungerwinter“ seinen Beinamen: Das Prachtexemplar einer Steckrübe. Foto: Laurenz Grobusch

Jülicher Land. „Heute traf der seit Oktober erwartete Waggon Kartoffeln hier ein. Es wurde an Ort und Stelle auf dem Bahngleise verkauft. Um pünktliches Erscheinen brauchte nicht gebeten werden“, notierte der Indener Hauptlehrer Franz Grafen am 16. Januar 1917 in sein Schul-, Orts- und Kriegstagebuch.

Dass die Lieferung besonders hervorgehoben wurde, ist verständlich, denn 1916/17 herrschte im Jülicher Land ein schlimmer Hungerwinter, fehlten doch die Kartoffeln nach einer vorangegangenen Missernte fast gänzlich, was bis in die ländlichen Gebiete spürbar wird. „Prozessionsweise finden sich hungernde Leute in den Dörfern ein“, schreibt Grafen am 5. Februar 1917 auf. „Die Bauern vermögen sich der Ankömmlinge kaum zu erwehren.“ Auch für die Dorfbewohner spitzt sich die Versorgungssituation weiter zu, denn am 4. April notiert der Hauptlehrer, dass gemäß Bekanntmachung die Brotration von 250 auf 170 Gramm pro Tag gesenkt worden ist.

Von der Euphorie, die noch zu Beginn des Ersten Weltkriegs geherrscht hatte, ist nichts übrig geblieben angesichts der vielen langen und immer länger werdenden Lazarettzüge, die durch Inden Richtung Jülich rollen und die Verwundeten von den Schlachtfeldern an der Somme ins Reich transportieren. Auch Zeppelin-Luftschiffe und Doppeldecker-Flugzeuge werden regelmäßig über den Dörfern an Inde und Rur gesichtet, wie aus den Tagebuch-Aufzeichnungen hervorgeht. Veröffentlicht hat dieses Tagebuch Laurenz Grobusch im reich illustrierten Jahrbuch 1987/88 des Geschichtsvereins der Gemeinde Inden unter dem Titel „Heil dir im Siegerkranz 1912 – 1920“, in dem das Ende der Kaiserzeit und die ersten Nachkriegsjahre behandelt werden.

Wilhelm Vogt, damals Bürgermeister der Stadt Jülich, kann in einer ausführlichen „Weihnachtszeitung“ im Dezember 1917, die an alle Jülicher einschließlich der Soldaten im Felde geht, die prekäre Versorgungslage in den Wintermonaten 1916/17 ziemlich genau beziffern: Bei Kartoffeln habe sich im Kreis Jülich ein Fehlbedarf von rund 130.000 Zentnern ergeben.

Rettung durch die Steckrübe

„Als ein Retter in der Not erschien damals die Erdkohlrabi oder Steckrübe“, schreibt Vogt weiter. „Hätten wir diese nicht gehabt, so würden wir – das kann man heute offen sagen – die Bevölkerung in diesem Winter und Frühjahr nicht haben ernähren können.“ In jedweder Form sei die Steckrübe auf dem Speiseplan erschienen: nicht nur als Gemüse, sondern auch als Suppe, als Kuchen, als Pudding, frisch, getrocknet und wie Sauerkraut eingemacht sei sie verwendet worden, berichtet Wilhelm Vogt. „Dem einen schmeckte sie, dem anderen nicht“, stellt er lapidar fest.

„Freunde und Gegner der Steckrübenzeit sind aber jedenfalls heute darüber froh, dass diese Steckrübenzeit der Vergangenheit angehört und einig darin, dass unsere guten Kartoffeln sich auf dem Mittagstisch besser ausmachen“, resümiert Vogt.

Während ausweislich der Zeilen des Bürgermeisters Ende 1917 neben Fleisch auch Zucker, Teigwaren, Griesmehl, Graupen und Haferflocken auf Lebensmittelkarten ausgegeben werden, sind Milch und Butter knapp geworden. So wird zur restlosen Erfassung und besseren Verarbeitung der Milch zu Butter im Kreis Jülich der Molkereizwang eingeführt. Die Molkereien in Jülich, Linnich, Mersch, Welldorf, Aldenhoven und Inden verarbeiteten täglich 25.000 bis 30.000 Liter Milch. „Die Stadt Jülich hat die frühere Molkerei Vereinigter Landwirte angekauft und wird diese demnächst selbst betreiben“, kündigt der Bürgermeister an, der zudem über die städtischen Erfolge in der Viehzucht berichtet.

In seinen im Kreisjahrbuch 2017 erschienenen Streifzügen durch die Ernährung im Düren-Jülicher Land beschreibt Guido von Büren eine besondere Form der Eigeninitiative der Jülicher Garnison. Deren Kommandeur, Major Schell, ließ die Soldaten zahlreiche dem Militär unterstellte Flächen mit Gemüse anbauen. Die erfolgreichen gärtnerischen Aktivitäten dürften dazu geführt haben, dass sie während der Kriegsjahre weniger stark unter den Versorgungsengpässen litten, als das anderswo der Fall war.

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