Jülich - Von Jülich hat Czeslaw Parchatko immer geträumt ...

Von Jülich hat Czeslaw Parchatko immer geträumt ...

Von: gep
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Czeslaw Parchatko, früherer Zwangsarbeiter aus Polen, legt am Jülicher Mahnmal einen Kranz nieder. Foto: gep

Jülich. „Davon habe ich geträumt”. Im September 1944 konnte Czeslaw Parchatko (82) während eines Bombenangriffs der Alliierten dem Zwangsarbeiterlager Iktebach gegenüber dem damaligen Reichsbahnausbesserungswerk (RAW) Jülich entfliehen. Im Mai 2010 steht er am Denkmal an der Leo Brandt-Straße, das an die 1500 Zwangsarbeiter aus Russland, Ukraine, Polen und Belgien erinnert, legt einen Kranz nieder und zündet zwei Lichter an.

„Im Gedenken an die Verstorbenen des Septembers 1944. Der Überlebende Czeslaw Parchatko” steht auf der Kranzschleife. 120 bis 400 Lagerinsassen kamen damals ums Leben, als die Baracken in Flammen aufgingen.

Der polnische Oberstleutnant a.D., der seit 40 Jahren in Wroclaw (früher Breslau) wohnt, hat seine Erlebnisse in Jülich auf 106 maschinengeschriebenen Seiten zu Papier gebracht und dem Stadtarchiv übergeben - ein einzigartiges Zeugnis über den Lageralltag.

Im August 1944 kommt er mit 600 Leidensgenossen aus dem besetzten Europa im Jülicher Bahnhof an, er gehört einem mobilen Schanzkommando an, das Panzer- und Schützengräben ausheben soll. Im Lager Iktebach ist er in „in der letzten Baracke am Wald” untergebracht.

Er erinnert sich, dass ein Leidensgenosse bei einem Außeneinsatz mit dem Knüppel totgeprügelt wurde, weil er ein Widerwort gewagt hatte. Er erinnert sich an den fast 60-jährigen Wachmann „Opa”, der kleiner war als der Karabiner, den er trug, und der „ein gutes Herz” hatte.

Jeden Tag mussten die Zwangsarbeiter in bis zu 15 Kilometer Entfernung vom Lager schanzen. Zwei Mal am Tag gab es Essen - „schlechtes Essen”: dünne Rübensuppe mit macnhmal „ein bisschen Fleisch” von notgeschlachteten Pferden, das Brot aus Schrot war mit Sägespänen gestreckt, und zum Schluss auch fünf Zigaretten am Tag. Unterwegs kamen sie an Obst und Kartoffeln. Ausruhen konnten sie sich nur, wenn es bei Fliegeralarm „Deckung” hieß und sie sich auf den Rücken legten.

16 Jahre alt war Parchatko damals, der amtlich als „Josef Pavekatka” mit der Nummer 9478 registriert war. Der Bombenangriff vom 29. September „war meine Rettung” erzählt er. Es brach eine derartige Panik aus, dass sich die Zwangsarbeiter, sofern sie den Bombenhagel überlebt hatten, am Haupteingang gegenseitig tottrampelten.

Er selbst kroch mit einem polnischen Landsmann unter dem Zaun durch und schlug sich Richtung Köln durch - auf Feldwegen, um den Kontrollen durch die berüchtigten „Kettenhunde” der Feldgendarmerie zu entgehen.

„Gute Leute” halfen ihm, steckten ihm Brot und Kleidung zu. Ein Bauer nahm ihn auf seinem Fuhrwerk mit und gab ihn an einem Kontrollpunkt als „landwirtschaftlichen Helfer” aus. Im Zug nach Paderborn nahm sich eine Frau seiner an. Sie setzte ihn auf ihren Koffer und gab sich als seine Tante aus.

14 Jahre alt war Parchatko, als er in seiner Geburtsstadt Tschenstochau am 8. Februar 1942 von der deutschen Polizei verschleppt wurde - gemeinsam mit einem Cousin. Erst am 15. August 1945 wird er Tschenstochau und seine Familie wiedersehen.
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