Jülich - „Verrückte haben's auch nicht leicht“: Kein Auge bleibt trocken

„Verrückte haben's auch nicht leicht“: Kein Auge bleibt trocken

Von: ptj
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Fingierter Herzanfall: Protagonist Jonas Doppelstein (l., Sascha Massmann) simuliert, während der honorarversessene Chefarzt Professor Fabian Scheinheiler (Nicholas Heck) und Schwester Jasmin (Seda Demirok) erst Notiz von ihm nehmen, als das Wort „privatversichert“ fällt. Foto: Jagodzinska
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Geeignet fürs Musical: Das Damenquartett „Tonalita“ interpretiert in einer Theaterszene detailreich die Medizinerparodie „Atemnot“ Foto: Jagodzinska

Jülich. „Loss mer uns ein bissche Freud machen“, lud Wolfgang Schulz, Vorsitzender der Stetternicher Gesellschaft „Frohsinn“, die Zuschauer zur Premiere im ausverkauften Saal des Kuba ein. Gesagt, getan.

Wie angekündigt startete der Abend „langsam“ und bedächtig mit dem klangvollen Damenquartett „Tonalita“ unter Leitung von Inge Duwe. Das klar und rein zu Gehör gebrachte Repertoire zum ausgewählten Thema „Musik“ begann klassisch im 18. Jahrhundert. Es reichte von „Wo Musik sich frei entfaltet“ von Mozart über „Art thou troubled“ von Händel bis hin zum wesentlich flotteren „Musik, Musik, Musik“ (Ich brauche keine Millionen) und „Thank you for the music“ von Abba und erntete reichlich Applaus.

Zweideutige Dialoge

Kein Auge blieb trocken beim anschließenden Theaterstück „Verrückte haben‘s auch nicht leicht“ von Bernd Spehling, untermalt von harmonischen Begleitgesängen des achtköpfigen und vierstimmigen, bislang namenlosen Männerchores, der bei der „Frohsinn“ eine lange Tradition hat – am Piano von Inge Duwe begleitet. Weil Regisseurin Angelika Ponten-Drzewiecki um „echte Türen“ in der Kulisse gebeten hatte, hatte die Gesellschaft „einen Teil unserer Bühne aus Stetternich mitgebracht“, wie Schulz es ausdrückte. Ein spielfreudiges zehnköpfiges Ensemble sorgte in einem turbulenten Chaos mit zweideutigen Dialogen und eindeutigen Situationen, in denen das Pflegepersonal gelegentlich die Verrücktheit seiner Patienten überbot, für strapazierte Lachmuskeln.

Der erst 36-jährige Protagonist Jonas Doppelstein (Sascha Massmann) hat beschlossen, in seinem Leben genug gearbeitet zu haben und liebäugelt mit der Frührente. Das konkrete Ziel vor Augen, lässt er sich in eine Kurklinik einweisen, um die Ärzte von seinem Dachschaden zu überzeugen. Ihm zur Seite steht sein Freund und Kollege Manfred Heuler (Meinhard Bock). Diese Freundschaft untermalte der Männerchor etwa mit „Ein Freund, ein guter Freund“ von den Comedian Harmonists. Ein Höhepunkt des Zweiakters ist eine Szene, in der Doppelstein wieder einen Herzinfarkt simuliert hat und bewegungslos am Boden liegt. Sodann erschien das Damenensemble „Tonalita“ in weißer Schwesternkleidung auf der Bühne und interpretierte musikalisch und detailreich das Stück „Atemnot“, eine Medizinerparodie von „Atemlos durch die Nacht“ von Helene Fischer.

Für Leben in der Kurklinik und Spaß im Publikum sorgten ferner der türkische Patient Mehmet Özgül (Julian Heck), der türkische Verhandlungsstrategien bei Apfeltee und Zigaretten liebt. Der flippige Praktikant Sven Ungetüm (Anton Fatjanov), der in den Genuss einer diesbezüglichen Lehrstunde kommt. Die attraktive und stets kaugummikauende Krankenschwester Jasmin (Seda Demirok), die genauso wie Masseuse Rita Greifmöller (Saskia Robinius) leichtes Opfer von Doppelsteins Triebhaftigkeit wird. Auch die anfangs streng scheinende Psychologin Dr. Else Schoppenhauer mit französischem Akzent (Sandrine Cowling) und die herrlich depressive Patientin Tatjana Simmel (Petra Vallentin) lassen sich auf verschiedene Weise vom ambitionierten Frührentner bezirzen.

Honorarversessener Chefarzt der Klinik ist Professor Dr. med. Fabian Scheinheiler (Nicholas Heck), der Neuankömmlinge erst zur Kenntnis nimmt, wenn das Wort „privatversichert“ fällt. Im zweiten Akt trifft schließlich die skeptische Ehefrau Chantal Doppelstein (Ines Ponten) in der Klinik ein. Sie gewinnt einen Blick hinter die Kulissen und sorgt dafür, dass ihr Ehemann am eigenen Leib erfährt, dass „Verrückte es nicht leicht haben“. Zum Schein wird der Simulant von zwei Pflegehelfern aus dem Männerchor in weißen Kitteln in die Zwangsjacke gesteckt, um ihn später wieder voll arbeitsfähig schreiben zu lassen. Donnernder Applaus schloss sich der bestens gelungenen Aufführung an.

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