Aldenhoven - Überfall auf Pfarrer: „Das vergiftet die Seelen der Menschen“

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Überfall auf Pfarrer: „Das vergiftet die Seelen der Menschen“

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„Es geht mir gut“, sagt Pfarrer Cervigne. Der Überfall auf ihn hat Spuren hinterlassen - seinem Glauben an das Gute im Menschen aber keinen Abbruch getan. Foto: Uerlings

Aldenhoven. Pfarrer Charles Cervigne (56) wurde vor einer Woche am Eingang seines Hauses in Aldenhoven angegriffen und verletzt – mutmaßlich von Tätern aus dem rechten Spektrum, was aber noch nicht erwiesen ist.

Der evangelische Geistliche hat zahlreiche Solidaritätsbekundungen entgegen genommen und selbst bemerkenswert reagiert: Er will mit dem Täter sprechen. Im Interview mit unserem Redakteur Volker Uerlings redet er über den Überfall und die möglichen Hintergründe.

Zunächst: Wie geht es Ihnen nach dem Angriff?

Cervigne: Gut. Was ich von Anfang an gesagt habe, war ehrlich: Ich nehme das nicht ganz so schwer wie vielleicht der Unbeteiligte und frage warum, warum Du und warum so.

Hatten Sie damit gerechnet?

Cervigne: Nein, gerechnet hatte ich nicht damit.

Die Öffentlichkeit fragt sich, wer das gemacht hat. Sie vermuten, dass der oder die Täter aus der rechten Ecke stammen. Gibt es neue Erkenntnisse?

Cervigne: Der Staatsschutz sitzt alle zwei Tage mit traurigen Augen vor mir und sagt: Kannst Du uns nicht helfen. Aber ich habe ja in der Nacht nichts gesehen, kann nicht sagen, war das eine Person, waren das zwei, war das ein Mann oder eine Frau – nichts. Man kommt vom Hellen ins Düstere. Dann sieht man erst einmal nichts. Dann folgte der Schlag, es wurde gesprüht. Du reagierst nur noch. Ich habe einfach die Tür zugehauen und musste mich mit mir selbst beschäftigen, weil das Blut schoss.

Ich habe um Hilfe gerufen, und meine Familie kam. Etwas später lag ich draußen auf der Terrasse und habe hyperventiliert, weil das Pfefferspray auch in die Lunge geht. Dann habe ich realisiert, dass ein Polizist über mir stand und mir Fragen stellte. Der wollte testen, ob ich bei Bewusstsein war. Nächster Satz: ,Haben Sie Feinde?‘ Ich habe gesagt, dass mir in Aldenhoven keiner eine runterhaut, weil die Leute wissen, was sie an mir haben.

Sie haben dann von Erfahrungen in den sozialen Medien berichtet?

Cervigne: Ich habe von meinen Facebook-Erfahrungen erzählt, die sich seit sechs Wochen abspielen. Da waren auch Drohungen. Tenor: Man müsste Dir eins in die Fresse hauen. Wir wissen, wo Du wohnst. Das ist aber auch die Umgangsweise dieser Leute. Ich mische mich immer auf einer Seite der sogenannten ,Reichsdeutschen‘ ein. Da gab es das Thema Selbstjustiz, und ich hatte einen ganz massiven Konflikt mit einem, dessen Namen ich nicht mehr weiß. Das ist inzwischen gelöscht. Hier hat jemand für sich in Anspruch genommen, man müsste in bestimmten Fällen selber mal Hand anlegen.

Dem habe ich vehement widersprochen und gefragt, welchen Staat willst Du eigentlich? Er wurde auf einmal ganz aggressiv, und dann kamen die drohenden Sätze. Es hat sich in dem Forum plötzlich ein anderer gemeldet und mir erklärt, dass vor Jahren das Kind des Selbstjustiz-Anhängers misshandelt worden und der Täter total glimpflich davon gekommen ist. Seitdem hat der mit diesem Staat gebrochen. Jetzt denke ich mir, weil es der einzige konkrete Anhaltspunkt ist: Was habe ich durch eine dahergesagte Äußerung bei diesem Menschen oder auch mehreren ausgelöst, dass sie gezielt mich ausgesucht haben.

Das klingt fast selbstkritisch?

Cervigne: Ich frage mich schon, wie wir miteinander reden, was lösen wir bei anderen aus. Das entschuldigt einen Täter nicht, aber wenn es so gewesen wäre, würde ich mich gern mal mit ihm unterhalten und sagen: Ok, da muss ich demnächst mal ein bisschen empathischer sein.

Gab es für Ihr verstärktes Facebook-Engagement einen Auslöser?

Cervigne: Ich komme viel unter Menschen und habe festgestellt: Dieses hysterische Gefühl hat in den letzten Monaten irrsinnig zugenommen. Die Leute sind desorientiert, und die Seelen sind nicht mehr glücklich. Die haben alle Angst vor irgendwas, obwohl sich ja rein äußerlich nichts geändert hat. Keiner von uns hat weniger Geld, keiner hat seine Wohnung verloren. Für mich gehört es zur Seelsorge zu sagen: Das Leben ist doch anders, guckt mal nach.

Bewirkt das etwas?

Cervigne: Ja, sonst würde ich es nicht machen. Es gibt viele auch in der rechten Szene, die mir gesagt haben: Wir sind nicht d‘accord mit Dir, aber Du hast Deine Berechtigung, so zu denken. In Facebook gibt es nun Rechte, die sich offen von dem Vorfall distanziert haben.

Überspitzt gesagt: In der Flüchtlingsdiskussion schwingen sich manche zum Retter des christlichen Abendlandes auf, und Extreme von denen braten nun einem Pfarrer eins über...

Cervigne: Es geht prinzipiell ums Menschenbild. Das versuche ich schon unseren Jugendlichen beizubringen. Wir haben ein christliches Menschenbild und das ist ganz eindeutig: Jeder Mensch hat seinen Wert. Man darf noch nicht einmal verbal über Menschen so herziehen, dass man sie als Pack oder Dreck tituliert. Jeder hat das Recht, anders zu sein als der andere, und jeder hat das Recht, dabei ungeschoren zu bleiben und zu leben, wie er es möchte.

Das möchte ich auf alle Menschen anwenden. In der Flüchtlingsfrage werden schlimmste Gerüchte verbreitet. Die sagen dann, die Presse verschweigt was und behaupten irgendwas. Es bleibt immer etwas hängen. Und das vergiftet die Seelen der Menschen – gerade auch der wehrlosen Menschen, die kein Differenzierungsvermögen haben. Es muss ganz viele geben, auch die Presse, die sagen: So ist die Welt nicht, so sind die Menschen nicht.

Gibt es eine beständige Entwicklung nach rechts, seit die Flüchtlingsfragen allgegenwärtig sind, oder reden jetzt die, die schon immer so gedacht haben?

Cervigne: Kein Mensch soll von sich behaupten, dass er vor Angst resistent wäre. Man wird mit vielen Informationen bombardiert, und wir reagieren darauf. Feststellbar ist: Das Bombardement der schlechten Nachrichten, das Versagen und die Desorientierung der Politik verunsichern ganz viele einfache Menschen. Sie müssen mit ihrer Angst irgendwo hin. Und die, die schon immer so gedacht haben, sehen ihre große Stunde und fördern das durch Tricks.

Agitation?

Cervigne: Ja, Agitation. Erzählt wird eine Mischung aus Lüge und Wahrheit. Die Frage ist: Wie bewerte ich das? Unsere Realität ist aber keine andere. Wir beschreiben das selbe Glas, für den einen halbvoll, für den anderen halbleer. Vor etwa eineinhalb Jahren gab es noch eine Leichtigkeit. Jetzt sehen manche existenzielle Bedrohungen. Kann ich mich noch auf die Straße trauen? Das hat sich viel getan. Man kann sehen, wohin Agitation führt. Und wenn Du Menschen so weit gebracht hast, ist es nicht mehr weit, dass sie irgendwann nach etwas anderem rufen als Demokratie. Sie gilt bei einigen als System, das versagt hat. Es gibt aber keine Alternative, wenn wir frei leben wollen. Es ist allerdings ein anstrengendes System, das den mündigen Bürger fordert, der sich informiert und abwägen kann.

Es werden wohl noch viele Flüchtlinge kommen. Wie begegnen Sie Menschen, die das besorgt?

Cervigne: Dass die Belastbarkeit von Kommunen nicht grenzenlos ist, sagt mir auch mein Menschenverstand. Das erlebe ich jeden Tag. Das ist aber der politische Bereich. Den kann ich direkt überhaupt nicht beeinflussen. Mein Blickfeld ist: Was machen wir mit den Leuten, die hier sind? Wenn die Flüchtlinge sagen, wir fühlen uns hier sicher und wohl, obwohl kein Deutscher so leben wollte, haben wir auch den sozialen Frieden. Der Blick gehört zu den Menschen.

Ist der Gottesdienst am Sonntag ein besonderer für Sie?

Cervigne: Die Leute werden erwarten, dass ich etwas Grundsätzliches sage. Nichts über mich. Und das werde ich machen. Ich will den Gottesdienst anfangen mit dem wunderschönen Lied ,Du lass Dich nicht verhärten‘.

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