Turbulente Zeiten als einzige Frau im Lehrerkollegium

Von: Guido Jansen
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Man könnte es Gruppenbild mit Dame nennen: Die Aufnahme zeigt das Zitadellen-Kollegium im Jahr 1965. Roswitha Richter steht in der Mitte und spricht davon, dass das Verhältnis zu vielen Kollegen gut war, zu einigen aber nicht. Foto: Archiv Gymnasium Zitadelle
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Sie kam in einer markanten Phase der jüngeren Stadtgeschichte als junge Lehrerin nach Jülich: Roswitha Richter. Foto: Jansen

Jülich. Jülich war nie das Ziel aller Träume der Roswitha Richter. „Da gibt es nur Rübenbauern“, lautete ein Vorurteil, das viele junge Kollegen damals ihr gegenüber geäußert haben. Und Roswitha Richter, die junge Lehrerin, hat das vor 1965 eigentlich auch gedacht.

Daraus macht die heute 80-Jährige keinen Hehl. Die Landesregierung schickte die wenigen jungen Lehrer damals dahin, wo die Not am größten war, quasi in die Lehrer-Diaspora. Richter hatte die Wahl: Oberhausen oder Jülich. Richter entschied sich für Jülich, „weil ich von da aus schneller bei meinen Eltern in Mönchengladbach war“.

Warum sie heute noch in Jülich lebt, obwohl sie sich damals – wie viele andere junge Lehrerinnen – vorgenommen hatte, sich irgendwann wieder aus dem Staub zu machen, das hat mit einem besonderen Kapitel der jüngeren Geschichte der Stadt zu tun.

Prügelstrafe verboten, aber...

Am Anfang dieser Geschichte ist sie die einzige junge Frau am Gymnasium Zitadelle. 1965 war die Zitadelle noch eine reine Jungen-Schule. „Da waren zwei ältere Damen im Kollegium“, erinnert sich Richter, die Namen fallen ihr nicht mehr ein, auf dem Foto des Kollegiums aus dem Jahr 1965 sind sie auch nicht drauf. Die junge Lehrerin kollidierte mit den Altvorderen im Kollegium. „Die Prügelstrafe war da längst verboten. Trotzdem gab es noch einige wenige, die sie einsetzten.

Dagegen bin ich vorgegangen und habe Recht bekommen“, erinnert sie sich. Ihre ersten Jahre an der Zitadelle waren geprägt vom Generationenkonflikt. „Ich habe mir von einigen Kollegen anhören müssen, dass ich als Frau an den Herd gehöre und nicht in einen Beruf“, erzählt sie von einem Phänomen, das heute Mobbing genannt werden würde. Es gab, so erzählt sie, eine Beschwerde aus dem Kollegium bei der Landesregierung über sie. Der Grund: Sie sei mehrfach beobachtet worden, wie sie das Magazin „Der Spiegel“ unter dem Arm trage. „Damit galt ich dann wohl als Kommunistin“, mutmaßt Richter. „Die Landesregierung hat da aber glücklicherweise entsprechend drauf reagiert und mich bestärkt.“

Eine Art Abschluss des Generationenkonflikts erlebte sie in den 70er Jahren, als sie Mutter zweier Kinder war und trotzdem unterrichtete. „Ein Kollege mutmaßte dann, dass es meinen Kindern schlecht gehen müsse. Mutter und Lehrerin gleichzeitig – das konnte er sich nicht vorstellen.“ Erst später stellte sie noch einen Unterschied fest, wegen dessen sie den älteren Kollegen möglicherweise suspekt war. „Sie haben nicht verstanden, dass mir das Unterrichten Freude macht. Für sie war das mehr eine Pflichterfüllung.“

Zwei Gründe nennt sie dafür, dass sie sich nicht hat unterkriegen lassen. Sie war ehrgeizig und fleißig als Lehrerin, hatte in allen Lehrproben gute Noten. Und dann waren da die Jülicher Schüler. „Sie waren viel netter und intelligenter als die in Köln“, sagt sie und schiebt noch ein „da gibt es kein Vertun“ hinterher.

Als die Akademiker kamen...

Während ihres Referendariats wurde sie kreuz und quer durchs Rheinland an verschiedene Schulen geschickt, unter anderem nach Köln. Deswegen kann sie vergleichen. Das Plus der Jülicher Schüler hatte viel mit der damaligen Kernforschungsanlage zu tun, dem heutigen Forschungszentrum, die 1956 gegründet wurde. In den 60er Jahren wuchs die KFA und bescherte der Stadt ein zweites Wirtschaftswunder. „Mit der KFA kamen viele Akademiker nach Jülich“, erinnert sich Richter. Und die Männer, die als junge Wissenschaftler kamen, wurden von jungen Frauen begleitet, von denen viele Lehrerinnen waren.

Der Lehrermangel war schnell kein Thema mehr, junge Lehrerinnen auch nicht. Auf den Schulbänken lernten KFA-Kinder neben Kindern der Rübenbauern, hier versandete die Kluft zwischen Zugezogenen und Muttkraten, wie sich die Ur-Jülicher nennen.

„Jülich war attraktiv mit den schönen neuen KFA-Wohnungen im Nordviertel“, sagt Richter, Lehrerin für Kunst und Geografie. Nach ein paar Jahren wuchsen die Akademiker-Familien, die Wohnungen waren zu klein, als die Kinder kamen. Familien, die mit dem KFA-Schwung nach Jülich gekommen waren, bauten Häuser in den umliegenden Ortschaften. „Und dabei hatten wir doch alle gesagt, dass wir hier nicht alt werden wollten.“

Das gute Gefühl im Bezug auf Jülich war in den 70ern stärker als die Verlockung, Rektorin an einer anderen Schule zu werden. Das Angebot hatte sie, sie zog es vor, zu bleiben. 1998 ging sie in Pension. Zu einigen Schülern und ehemaligen hat sie heute noch Kontakt.

Mit der Mischung aus zugezogenen Akademikern und Alteingesessenen, unter denen es auch Rübenbauern gab, entstand ein neues Zuhause. Von Heimat will Roswitha Richter bis heute nicht sprechen. Das begründet sie mit der Geschichte ihrer Familie Ende des Zweiten Weltkriegs und der Vertreibung aus Berlin. Das Gefühl, heimatlos zu sein, sei nie verschwunden. „Aber ich fühle mich hier in Jülich sehr wohl“, erklärt sie, warum sie und ihr Mann geblieben sind.

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