Trotz Protest bleibt Beschluss: Rodung im Jülicher Nordviertel

Von: Volker Uerlings
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Der Baumbestand am Rurufer zwischen den Brücken Hesselmann und B56 (Bild/hinten) wird von einem Gutachter unter die Lupe genommen.
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Mit der Rodung der hochgeschossenen Bäume im Trommelwäldchen soll noch in diesem Jahr begonnen werden. Foto: Uerlings

Jülich. Das Trommelwäldchen im Nordviertel ist eine Jülicher Besonderheit. Derart naturbelassene Plätze findet man in einer Stadt selten. Das ist das, was man sieht. Unter den vielen Bäumen, die über Jahrzehnte hochgeschossen sind, befindet sich gleich in mehrfacher Hinsicht die Vergangenheit Jülichs.

1948 wurden wochenlang die Schuttreste nach dem verheerenden Luftangriff des 16. Novembers 1944 (und anderer davor) genau hier abgeladen. Wenn man so will, dann ruht unter dem Trommelwäldchen das alte Jülich mit den Überresten einiger durch den Bombenhagel getöteten Menschen. Es ist also auch ein Friedhof. Darunter befindet sich außerdem eine zerstörte alte Lünette (Festungswerk) als Bodendenkmal. Auf all das wiesen Jülicher Bürger die Politiker im Ausschuss für Planung, Umwelt, Bauen am Mittwoch hin, um eine Rodung des Wäldchens zu verhindern. Sie scheiterten. Mit großer Mehrheit (bei drei Nein-Stimmen) sprach sich das Gremium erneut für die Rodung und Wiederaufforstung der recht kleinen Waldfläche im Nordviertel aus.

Eigentlich war dieser Beschluss schon von allen Gremien gefasst, aber noch nicht umgesetzt worden. Nachdem aber ein neuer Bürgerantrag gestellt worden war, stellte man die Umsetzung bis zu dessen Diskussion im Ausschuss zurück. Die gab es am Mittwochabend mit dem genannten Ergebnis: Noch in diesem Jahr wird mit der Rodung des Trommelwäldchens begonnen. Das geschieht auf Anregung von Förster Moritz Weyland, der den Bereich inspiziert hat und dort Gefahrenpotential sieht. Er hält 80 Prozent der Bäume für geschädigt oder umsturzgefährdet, weil sie mit bis zu 35 Metern sehr hoch seien und im Schutt wurzeln.

Das bezweifelt Bernd Wollersheim, der im Ausschuss als Bürger sprach. Ihm liegt die Expertise eines Biologen vor, der den Bestand für ein „wertvolles Mikrobiotop“ hält, dessen Verlust „nicht ohne Schaden“ für die lokale Fauna bleibe. Im Trommelwäldchen seien 2012 über 70 Tierarten gezählt worden. Der Biologe sehe eine natürliche Verjüngung der Bäume in dieser Fläche durch zahlreiche Spitzahorn-Jungbäume, die genau standortgeeignet erscheinen. Wollersheim wollte von Dezernentin Kerstin Schippers-Haffner wissen, ob die Maßnahme im Einklang mit Bundesnaturschutzgesetz stehe. Die Juristin sagte: „Die Maßnahme ist weder rechtswidrig noch ein Verstoß gegen das Gesetz.“

Auch Landschaftswart Manfred Neulen stellte den Waldzustandsbericht in Zweifel: „Das Trommelwäldchen ist nicht so krank und so gefährlich, wie es dargestellt wird.“

Vertreter der Parteien und Beigeordneter Martin Schulz verteidigten den (abwesenden) Förster: Er verfüge über eine qualifizierte Ausbildung und habe sich fachlichen Rat von außen geholt.

Gerta Mojert (82) aus Jülich wies als Zeitzeugin auf die geschichtliche Bedeutung des Ortes hin, der über eine „Schuttbahn“ mit den Kriegstrümmern befüllt worden ist: „Diese Ecke wurde von den alten Jülichern immer geehrt. Wir haben damals die Leichenteile gesehen, und da soll heute gewühlt werden?“

Das Gremium unter Vorsitz von Heinz Frey (Jül) blieb letztlich bei seinem Beschluss, weil der Förster „vernünftige Vorschläge“ unterbreitet habe (Martina Gruben) und weiter „eine Grünanlage bestehen bleibt“ (Marco Emunds), obschon es eine Übergangszeit mit zunächst spärlichem Bewuchs gebe. Der Haupt- und Finanzausschuss muss das noch bestätigen.

Einigkeit bestand im Fachausschuss beim zweiten „Baum“-Thema: Ein externer Experte wird die Pappeln am Rurufer entlang der Kirchberger Straße prüfen und feststellen, ob und wie viele Bäume gefällt werden müssen. Er soll außerdem einschätzen, ob die Kastanien auf dem Rurdamm möglicherweise stärker sturmgefährdet sind, wenn Pappeln gefällt werden. Bevor aber etwas passiert, werden die gutachterlichen Empfehlungen erneut dem Ausschuss für Planung, Umwelt, Bauen vorgelegt. Die Stadt will mit dem Wasserverband Eifel-Rur feststellen, ob auch nur Teile der geplanten Renaturierungsmaßnahme umgesetzt werden können. Die Baumfäll-Pläne wurden durch sie aufgeworfen.

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