Trampelpfade verwüsten den „Urwald“

Von: gep
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Trampelpfade verwüsten den Urwald: Forstdirektor Konrad Hecker auf einer gefällten Eiche am Wegesrand. Foto: gep

Stetternich. Ein eisiger Ostwind fegt durch den Lindenberger Wald, noch ist der Boden nicht mit einem einem Blütenteppich aus Frühblühern wie Buschwindröschen und Maiglöckchen überzogen, nur hier und da sprießt schon das Geißblatt. „Das ist kein Zustand“, sagt Forstdirektor Konrad Hecker, Leiter des Forstamtes Rur-eifel-Jülicher Börde, mit Blick auf die entlang der Waldwege aufgeschichteten Haufen aus Ästen und Zweigen. Aber es müsse wohl sein.

Die Sperren sollen – Barrikaden gleich – verhindern, dass Spaziergänger die beiden Naturwaldzellen Nr. 52 und 53 betreten, Mountainbiker oder Motorradfahrer den Waldboden zerfurchen und freilaufende Hunde Brutvögel und anderes Getier aufstöbern.

Just in diesem Moment bricht eine Gruppe von fünf Joggern durch das Unterholz, überquert an einer abgestorbenen Hainbuche vorbei den geschotterten Wanderweg und verschwindet durch eine Lücke in den Reisighaufen an einer knapp 30 Meter hohen Eiche wieder im Wald.

Schilder „liest kein Mensch“

„Die Vegetation ist hin“, verdeutlicht Hecker die Folgen für den Bodenbewuchs. „Die Hinweisschilder liest kein Mensch“, klagt er. Kreuz und quer ziehen sich Trampelpfade durch die beiden 7,2 beziehungsweise 12,3 Hektar großen Naturwaldzellen. In deren Kern befindet sich jeweils eine ein Hektar große wegen des Wildverbisses umzäunte Zone, die der wissenschaftlichen Forschung vorbehalten ist. Aber auch hier wird nur beobachtet und nicht mehr eingegriffen.

Die Baumsperren stoßen allerdings in der Nachbarschaft nicht überall auf Zustimmung. „Plötzlich war da zu“, schildert ein Stetternicher seinen Frust – und den von Bekannten aus Welldorf, Spiel, Steinstraß oder Hambach. Hier seien „einfach Wege blockiert“ worden, kritisiert er. Dabei handele es sich auch um Trampelpfade, die schon seit Jahrzehnten bestanden hätten „Auch ich liebe den Wald“, da sei es selbstverständlich, dass man nur die Wege nutze, aber bei den Absperrungen vermisse er zudem Systematik. Es gibt hier „Platz genug für die Menschen“, sagt dagegen Werner Sihorsch, Leiter der Rekultivierung bei RWE Power. Und zudem steht auf der benachbarten Sophienhöhe mit über 1500 Hektar Wald ein gut erschlossenes Wegenetz mit mehr als 100 Kilometern zur Verfügung. RWE ist Eigentümer des Lindenberger Waldes.

Insgesamt umfasst das Naturschutzgebiet mit den beiden Naturwaldzellen 106 Hektar und ist damit der größte und älteste Laubwald der Jülicher Börde. Es ist der Wald der Spechte, Fledermäuse und Baumveteranen, die teilweise aus der Zeit Napoleons stammen. Botaniker sprechen hier von einer so genannten „Geißblatt-Stieleichen-Hainbuchen-Waldgesellschaft mit Winterlinden“. Dieser Vegationstypus soll erhalten werden und sich zum Urwald entwickeln können, erläutert Hecker. Deshalb sind die Naturwaldzellen 1982 bzw. 1983 aus der forstwirtschaftlichen Nutzung herausgenommen worden.

Nur morsche Bäume entlang der (offiziellen) Wege werden gefällt, weil sie eine Gefahr für Spaziergänger darstellen. Wenn eine große Eiche umkippt, etwa wegen Windwurf, krachen bis zu drei drei Tonnen zu Boden, wie Hecker vorrechnet. Auch deshalb sollten Waldbesucher tunlichst auf den Wegen bleiben. Die Wege seien bewusst an die Ränder von Altholzbeständen oder Nadelwald-Parzellen gelegt worden.

Reichlich Leben im Totholz

Gerade die alten Bäume bieten, so der Forstdirektor, mit ihrem stehenden und liegenden Totholz, mit Baumhöhlen, alten Stubben, tiefgründiger Borke und riesigen Baumkronen Lebensraum für seltene und gefährdete Baumspezialisten. So sind alle sechs mitteleuropäischen Spechtarten im Lindenberger Wald heimisch – vom Grauspecht über den gefährdeten Mittelspecht, der in den toten Ästen im Kronenraum nach Nahrung stochert, bis zum Dreizehenspecht. Die Baumkronen bieten Nistplätze für Greifvögel wie den Rotmilan und Wespenbussard. Viele Baumhöhlen, die die Spechte mit ihren Spitzhacken-Schnäbeln schaffen, werden vom Waldkauz als Brutplatz genutzt.

Mindestens vier seltene Fledermausarten haben hier ihre Wochenstuben eingerichtet: Fransenfledermaus, Große Bartfledermaus, Kleiner Abendsegler und das Braune Langohr, das nachts die Insekten von den Blättern pflückt.

Auch die seltenen Hirschkäfer und einige Hornissen-Arten fühlen sich im morschen Holz wohl. Der Lindenberger Wald ist daher nicht nicht nur als Naturwaldzelle und Naturschutzgebiet geschützt, sondern hat den Status eines europäischen Naturerbes: als „Fauna-Flora-Habitat-Gebiet“ (FFH).

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