Linnich - Tourette-Syndom: Selbsthilfegruppe in Linnich gegründet

Tourette-Syndom: Selbsthilfegruppe in Linnich gegründet

Von: Daniela Mengel-Driefert
Letzte Aktualisierung:
9189914.jpg
sway<

Linnich. Stellen wir uns vor: Ein Kobold sitzt in unserem Körper, lässt uns schmatzen, komische Laute austoßen, absurde Bewegungen auszuführen. Was sich nach einem lustigen Puppenspiel für Kinder anhört oder nach einem schrecklichen Albtraum, ist Realität für Corinna Schmitz. Sie ist am Gilles-de-la-Tourette Syndrom erkrankt, leidet unter motorischen und vokalen Tics.

Das könne ein ständiges Augenzukneifen, ein Husten, Augen reiben, unterm Arm riechen, mit der Hand gegen die Stirn schlagen, Laute ausstoßen, Sätze des Gegenübers wiederholen und vieles mehr sein. „Sie müssen sich Tourette wie einen Fingerabdruck vorstellen“, erklärt Schmitz, „die Tics können sich ähneln, sind aber völlig unterschiedlich“. Ein Bruchteil der Erkrankten stoße obszöne Worte aus, in der Fachsprache heißt das Koprolalie.

Schmitz hat sich im vergangenen Jahr geoutet, nach 41 Jahren. Warum? „Mein innerer Kobold wurde immer lauter“, sagt Schmitz, die aufgrund einer zusätzlichen Autoimmun-Erkrankung an den Rollstuhl gefesselt ist.

Als die Diagnose in der Tourette-Ambulanz in Aachen feststand, wurde klar, dass sie seit ihrem siebten Lebensjahr darunter leidet. Damals wusste niemand, was los war. Nach der Diagnose geht es Schmitz besser. Es gibt eine Erklärung für viele Marotten, die bis in Kindertage zurückreichen.

Oft werden die Tics von Zwängen begleitet, von Impuls- und Angststörungen, Depressionen oder ADHS mit Hyperaktivität oder ohne. Schmitz: „Ich sprayte täglich eine Flasche Haarspray, rieb mir im Sekundentakt die Stirn und die Augenbrauen“, gibt sie zwei Beispiele. Zwischen Tic und Zwang gebe es fließende Übergänge. Manche verschwinden plötzlich, dann tauchen andere ebenso plötzlich auf.

Auch ihr Sohn ist von Tourette betroffen und seit dem dritten Lebensjahr erkrankt. Heute ist er 15 Jahre alt. Als die Diagnose gestellt wurde, schwankte die Mutter zwischen Weinen und Verzweiflung, andererseits machte sich Erleichterung breit. Denn: „Nun konnten wir unser Kind fördern.“ Viele Jahre habe sie sich gefragt, was sie falsch gemacht habe, auch der Druck der Umgebung sei groß. So hörte sie häufig: „Erziehen sie ihr Kind mal richtig.“

Die Ursache des Tourette-Syndroms ist bis heute ungeklärt. Heilbar ist die Krankheit nicht, Symptome können lediglich gelindert werden. Medikamente sollen den Tic-Pegel senken, Verhaltenstherapie den Tic umlenken.

Tourette-Erkrankte seien genauso intelligent wie andere, oft besonders kreativ, sagt Schmitz. Sie betont, es sei wichtig, sich nicht zu verstecken, sondern rauszugehen und zu sagen: „Ja, ich habe Tourette, aber sonst bin ich normal.“

Aus diesem Grund ergreift Corinna Schmitz die Initiative und ist Gründerin einer Selbsthilfegruppe. Die Zusammenarbeit mit Ärzten, Therapeuten und Kliniken ist geplant. Ein erstes Treffen für Betroffene, Angehörige und Interessierte ist für den 25. Januar in Linnich geplant. Infos gibt Corinna Schmitz, Telefon 02462/ 2034493, E-Mail: Initiativgruppe@tourette-tir.de; Facebook: Tourette-Syndrom Initiativgruppe Rheinland

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert