Titz - Titzer überlebt den Horror auf Costa Concordia

Titzer überlebt den Horror auf Costa Concordia

Von: Guido Jansen.
Letzte Aktualisierung:

Titz. Ein Gefühl überkommt Patrick Gottschalk im Moment zunehmend. Es ist die Wut, die den Mann aus Titz packt, wenn er an eine Szene aus den frühen Morgenstunden des 14. Januars zurückdenkt.

Auslöser ist das Bild von Francesco Schettino, Kapitän des havarierten Kreuzfahrtschiff-Giganten Costa Concordia. „Er stand am Ufer und hatte eine warme Jacke an”, erzählt Gottschalk. Der Titzer und etwa 4200 anderen Passagiere hatten es nicht so gut. Stundenlang mussten sie auf dem sinkenden Schiff vor der Küste Italiens in der Kälte um ihr Leben kämpfen. Sie hatten keine Jacke.

„Pullover, Hose, Schuhe”, zählt Gottschalk die Dinge auf, mit denen er das Schiff als einer der letzten Passagiere verlassen hatte. „Manche hatten nur ihren Schlafanzug an”, schildert der 41-Jährige einen der vielen Momente, die sich tief in sein Gedächtnis eingebrannt haben. Die Wut wächst, weil Patrick Gottschalk nach seiner Heimkehr aus den Medien erfahren hat, dass Schettino, der die Costa Concordia mutmaßlich ins Unglück gesteuert hatte, das Schiff vor vielen Passagieren verlassen hat. Elf Menschen sind bei der Katastrophe nach derzeitigem Stand gestorben.

Die Hilfkräfte auf dem Kreuzfahrtschiff hätten versucht, den Passagieren zu helfen. „Aber von den Offizieren haben wir die ganze Zeit über nichts gesehen.”

Also haben Gottschalk und seine zwei Bekannten ihr Schicksal in die eigenen Hände genommen und wurden nach fünf Stunden schließlich gerettet. Noch größer als die Wut ist die Freude bei Gottschalk, dass er und seine Freunde das Unglück überstanden haben. Vielleicht schwingt auch ein bisschen Stolz mit, weil sie Gesundheit und Leben ihrem überlegten Handeln zu verdanken haben.

Am Freitag, dem 13., gegen Viertel vor Zehn abends beginnt die Tragödie für Patrick Gottschalk, als der Zauberer während der Show von der Bühne fällt. Von dem Ruck, den der Aufprall des Ozeanriesen auf einen Felsen verursacht, merkt der Titzer nicht viel. Die Costa Concordia ist 290 Meter lang, der Aufprall war am hinteren Teil des Schiffes, das Theater mit der Zauber-Show liegt vorne. Gottschalk und Freunde sitzen hinten im Publikum. Sie gehören zu den Wenigen, die aufstehen und an Deck gehen.

„Da haben wir dann gesehen, dass das Schiff Schräglage hatte und einer Insel sehr nah gekommen war.” Sie besorgen sich Rettungswesten. 15 Minuten später kommt die erste Lautsprecherdurchsage des Kapitäns, der von einem elektrischen Problem spricht, das keinen Anlass zur Panik darstelle. Die Durchsage ertönt in der kommenden Stunde mehrfach.


„Wir haben aber gesehen, dass das Schiff immer mehr Schlagseite kriegt”, so Gottschalk. Deswegen fällen die Freunde die Entscheidung, in Richtung der Rettungsboote ein paar Decks tiefer zu gehen. Auf dem Weg ertönt die nächste Durchsage. „Das Schiff ist nicht mehr kontrollierbar. Alle Passagiere müssen das Schiff sofort verlassen.” Als der Titzer an den Rettungsbooten ankommt, sind dort „hunderte oder tausende Menschen in Panik.

Die Leute haben sich geprügelt. Da ist Blut geflossen. Und wir konnten die Boote nicht mehr erreichen.” Gottschalk und seine Bekannten sind an der Seite Schiffs von der Massenpanik an den Booten weggegangen. „Die sind erst nach einer Stunde zu Wasser gelassen worden. Aber nicht alle. Bei ein paar klemmte offenbar der Mechanismus. Das Schiff hatte da schon so weit Schlagseite, dass ein Boot auf dem Rumpf aufgesetzt und sich gedreht hat, so dass die Leute herausgefallen sind.” Plötzlich kippt die Costa Concordia ganz schnell, Geschrei ertönt, Menschen, Tische und Stühle rutschen ab. Dann herrscht Stille.

Die Schräglage ist jetzt so stark, dass der Boden zur Wand und die Wand zum Boden geworden war. Ein Stück weiter unten herrscht Panik, weil viele Menschen versuchen, über eine einzige Aluminium-Leiter nach oben zu klettern. Die Gruppe um Gottschalk hilft und zieht andere nach oben. Mit etwa zehn anderen Menschen sitzt Gottschalk dann auf der Seite des Schiffes, durch die Schräglage also „oben”. Zwei Stunden passiert nichts, der Großteil der Passagiere ist mittlerweile evakuiert. Dann fällt die Gruppe die Entscheidung, auf der Seite weiter zur Mitte des Schiffes zu gehen. An einem Seil klettern sie herunter auf den Rumpf des Schiffes. „Da kam dann ein Rettungsboot. Immer, wenn die Wellen hoch genug waren, ist einer nach dem anderen in das Boot gesprungen.” Nach ein paar Stunden werden die Passagiere aufs Festland gebracht.

Angst um das eigene Leben hatte Patrick Gottschalk. Die Momente, in denen der Stahl-Koloss ein Stück weiter gekippt ist, haben ein mächtiges Gefühl von Ohnmacht ausgelöst. „Aber wir sind nicht in Panik verfallen und haben uns von den Menschenmengen fern gehalten. Und wir sind den Ansagen des Personals nicht einfach blind gefolgt.” Vielleicht auch, weil Patrick Gottschalk schon vor der Katastrophe misstrauisch war. „Wir haben eine kurze Sicherheitseinweisung bekommen. Das wars. Und die Einweisung habe ich, als an den Tagen danach Leute zugestiegen sind, nicht mehr gesehen.” Was den 41-Jährigen auch skeptisch gemacht hat: Am ersten Abend der Rundfahrt herrschte starker Sturm. „Die Türen zum Deck waren trotzdem nicht verschlossen. Obwohl da oben die Gefahr bestand, dass du weggeweht wirst.”

Jetzt verfolgt Patrick Gottschalk die Geschehnisse um die Costa Concordia in der Zeitung und im TV.

Wenn das Schiff sinkt, ist alles weg, was er mit zur Kreuzfahrt genommen hatte, inklusive Kamera, Geldbörse und Papieren. Pullover, Hose und Schuhe - das ist alles, was er zurück nach Titz gebracht hat. Und ein Gefühl von Glück, dass er eine der größten Schiffskatastrophen der jüngeren Geschichte gesund überstanden hat.


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