Synagogen: Orte des Erinnerns und der jüdischen Identität

Von: ptj
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Dr. Ulrich Knufinke (am Pult) referiert in der voll besetzten ehemaligen Synagoge über Synagogenarchitektur in Deutschland seit 1945. Foto: Jagodzinska
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Große Resonanz herrscht bei der nachmittäglichen Kooperationsführung der „Rödinger Historetten“ durch den Ort. Foto: Jagodzinska

Rödingen. „Architektur, Identität, Erinnerung“ war die ganztägige Veranstaltung im LVR-Kulturhaus Landsynagoge Rödingen überschrieben, die mit einem Vortrag zum Thema „Synagogen in Deutschland seit 1945“ begann. Referent war Dr. Ulrich Knufinke, Privatdozent an der Universität Stuttgart.

Seit vielen Jahren widmet sich Dr. Ulrich Knufinke der Erforschung und Geschichte jüdischer Architektur und arbeitet derzeit an der „Bet Tfila“-Forschungsstelle für jüdische Architektur in Europa der Technischen Universität Braunschweig. „Bei Synagogen in Deutschland stellt sich besonders die Frage des Erinnerns“, stellte Knufinke sogleich den Kernpunkt der Architektur der Synagogen heraus, von denen in den letzten 60 Jahren über 100 entstanden sind.

Sie werden als Ausdruck jüdischen Selbstverständnisses und des Zusammenlebens von Juden und Nicht-Juden in Deutschland verstanden und sind Zeugnisse der architekturgeschichtlichen Entwicklung seit dem Zweiten Weltkrieg. Wenn auch nicht im katholischen Sinne geweiht, handelt es sich um Sakralbauten. Sie sind gleichzeitig „Ort der göttlichen Anwesenheit und Ort der Erinnerung an den Verlust der göttlichen Anwesenheit“, umriss der Referent die komplexe Problematik, die mit der Zerstörung des Tempels in Jerusalem und der Plünderung der Bundeslade begann.

Nach dem Holocaust waren die jüdischen Gemeinden vernichtet, ihre Bauten zerstört oder zweckentfremdet. 1945 lebten in Deutschland zudem über 100.000 Juden, die aus anderen Staaten in die Konzentrationslager verschleppt worden waren. Sie wurden „Displaced Persons“ (DPs) genannt, hatten „keine Verwurzelung in Gemeinden und kein Interesse daran, im Land der Täter zu bleiben“. So gestaltete sich die Gründung neuen religiösen Lebens schwierig. Aus dieser ersten Phase der jüdischen Nachkriegsgeschichte in Deutschland sind nur wenige bauliche Spuren erhalten, etwa eine als Synagoge genutzte Baracke des DP-Lagers Trutzhain oder die barocke Synagoge in Celle, die 1945 für die Überlebenden des Konzentrationslagers Bergen-Belsen hergerichtet wurde. Um 1950 waren die meisten DP-Lager aufgelöst, viele Bewohner emigriert. Einige Gemeinden hatten sich aber etabliert, neue Synagogenbauten wurden eingeweiht.

In den 50ern bis Anfang der 60er Jahre kam es in der Bundesrepublik sogar zu einer regelrechten „Neubauwelle“, was als ein Zeichen einer gelingenden Wiedergutmachungspolitik gesehen wurde. Kanzler Adenauer sprach sich sogar für die „Freiheit im religiösen Bekenntnis“ aus. Architekten dieser Neubauten waren zumeist Zvi Guttmann und Helmut Goldschmidt, die mit dem Gotteshaus im Sinne der Gemeinschaftsbildung und Identifikationsschaffung ein ganzes Gemeindezentrum konzipierten.

Mit der Stagnation der Mitgliederzahlen jüdischer Gemeinden ebbte nach 1965 die Bautätigkeit ab. In den wenigen realisierten Projekten war der allmähliche Übergang von der Nachkriegsmoderne in die Postmoderne zu bemerken. Ein Beispiel für die entstandene Erinnerungsikonographie sind die „geborstenen Gesetzestafeln“ am Frankfurter Gemeindezentrum, die den Holocaust in das jüdische Gemeindeleben einbeziehen. Anlässlich des 50. Jahrestags der Zerstörung der Synagogen wuchs 1988 das öffentliche Interesse an den historischen Synagogen. Einige wurden restauriert und der Öffentlichkeit als Gedenkstätten, Museen oder Kulturstätten zugänglich gemacht.

Ein ortsnahes Beispiel für die vielen von Knufinke präsentierten Baustile ist die 1899 im neuromanischen Stil errichtete Synagoge in Köln, die nach ihrer Zerstörung durch die Nazis 1959 wiederaufgebaut wurde. Die jüdische Gemeinde hätte einen Neubau bevorzugt, aber Adenauer hatte interveniert, die Außenfassade zu rekonstruieren. Weil man sich „zuerst an die Opfer erinnern und sich dann zur Gemeinschaft der Lebenden versammeln“ will, befindet sich im neu gestalteten Innern neben der Dauerausstellung zur 2000-jährigen jüdischen Geschichte Kölns auch ein Gedenkraum für die Opfer der Shoah.

Erwähnenswert ist die Kooperationsveranstaltung des LVR und der „Rödinger Historetten“ am Nachmittag, die auf große Resonanz in der Bevölkerung stieß. Zwei Stunden lang führten Hans Bert Cremer und Franz Felix Schüller von den „Rödinger Historetten“ durch den Ort. Inhalte der interessanten Führung mit Bildbeispielen waren die jüdische Bevölkerung im Mittelalter, die jüdische Familie und ihre Namenswahl, jüdisches Schulwesen, die kaufmännische Bedeutung des Ortes oder damalige Ortsgrenzen. Jüdische Sagen waren Thema im Neubaugebiet. Judaistin Monika Grübel übernahm die Vorstellung des Jüdischen Friedhofs und der Synagoge.

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