Stink-Schwaden nach nächtlicher Gülle-Düngung bei Koslar

Von: Guido Jansen
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Dass Gülle auf die Felder aufgebracht wird, gehört auch im Jülicher Land zum Alltag. Nicht alltäglich sind die Probleme, die deswegen in Koslar aufgetreten sind. Foto: dpa
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Häufig zu sehen: Gülle-Tanker, hier in der Nähe des Barmener Sees. Foto: Jansen
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„Mir haben die Augen getränt“, schildert Hans-Günter Felser. Foto: Jansen

Koslar. Um zu verstehen, warum Hans-Günter Felser am Mittwoch gegen 22.20 Uhr in seinem Garten nach eigener Aussage beinahe kollabiert wäre, muss man mehrere Expertenaussagen kombinieren. Zwei Beschwerden gehen zu dieser Uhrzeit aus Koslar bei der Polizei ein wegen „bestialischen Gestanks“, auch im Internet klagt ein Mann darüber.

Am Donnerstag erfährt die Redaktion, dass die Wolke des Gestanks auch in Bourheim zu riechen gewesen sein muss. Dass die Quelle Gülle ist, die am Mittwochabend auf Jülicher Felder aufgebracht wurde, steht von Anfang an fest. Es gibt genügend Augenzeugen, die die Gülletanker zum fraglichen Zeitpunkt haben fahren sehen.

„Frische Landluft“

Fraglich ist nur, warum der Gestank so konzentriert war. „Dass die Bauern ihre Felder düngen und dass es deswegen riecht, ist hier ganz normal“, sagt Felser. „Frische Landluft“ werde nicht als Störfaktor empfunden, wenn man in Koslar lebt. Es sei denn, es kommt so knüppeldick, wie Felser es für Mittwochabend schildert. „Mir haben die Augen getränt. Die Luft ist mir weggeblieben“, sagt er über die Sekunden, in denen er in seinem Garten eigentlich nur frische Luft schnappen wollte.

Beklommen habe er sich gefühlt, sogar in Gefahr gewähnt. Er sei schnell zurück ins Haus gegangen: Tür zu, Fenster zu. „Sowas darf man keinem Menschen zumuten“, sagt der 54-Jährige und steht damit nicht allein, wie die drei weiteren, der Redaktion bekannten Beschwerden zeigen.

Faktor Nummer eins, der dafür gesorgt hat, dass Felser sich von einer „Pestwolke“ angegriffen gefühlt hat: Er war draußen, als die Gestanksschwaden über sein Grundstück zogen.

Faktor Nummer zwei: die Wetterlage aus Sicht der Landwirte. Die Wettervorhersage haben sie im Blick, den vorhergesagten starken Regen für das Wochenende auch. „Auf nassen Feldern kann man nicht düngen“, erklärt Kreislandwirt Erich Gussen. Deswegen wurden die vergangenen Tage ausgiebig genutzt, um zu düngen. Da ist Zeit Geld. Die Landwirte selbst besitzen meistens keine großen Gülletanker, sie werden gemietet. „Das sind oft Lohnunternehmer aus den Niederlanden oder Belgien“, sagt Gussen und widerspricht damit dem Verdacht, dass im Jülicher Land vor allem Gülle aus dem Ausland auf die Felder gebracht werde. Meistens stammten die Fahrzeuge von da.

Gülle vom Schwein

„Dann kann es sein, dass statt Kuhdünger Schweinedünger aufgebracht wird. Der stinkt mehr“, erklärt Gussen, der um Verständnis für das intensive Düngen bittet, für das es oft nur kleine Zeitfenster gebe. Deswegen werde auch zu so später Stunde gedüngt. Das sei grundsätzlich erlaubt. „Allerdings sollten die Landwirte darauf achten, dass sie zu solchen Zeiten besonders Rücksicht auf die Anwohner nehmen. Zu solchen Geruchsbelästigungen sollte es nicht kommen.“

Faktor Nummer drei: das Wetter aus Sicht des Meteorologen. Dr. Axel Knaps betreut die Wetterstation im Forschungszentrum Jülich. Mittwochabend herrschte leichter Wind aus Richtung Nordwest bis Nord. „Was viel wichtiger war: Das war eine sogenannte Ausstrahlungsnacht“, sagt Knaps. Keine Wolke am Himmel, so gut wie kein Wind. Der Boden strahlt Wärme ab, die nicht reflektiert wird. Die Folge: Direkt über dem Boden entsteht eine Kaltluftschicht. „In 120 Metern Höhe war es am Mittwoch sechs Grad wärmer als am Boden“, berichtet Knaps. Unten stehe die kalte Luft. „Sie driftet dann ganz langsam in hoher Konzentration irgendwo hin.“

Irgendwo, dass dürfte in diesem Fall in Richtung Koslar sein. Denn der Jülicher Stadtteil liegt tiefer als die vielen Felder zwischen Koslar und Aldenhoven. Die kalte Luft sei also quasi langsam den Hang runter in Richtung Koslar gerutscht. Es sei gut vorstellbar, dass sich diese Luftmassen mit den Ausgasungen der gedüngten Flächen mischen. Das Ergebnis seien regelrechte Schwaden, durchsetzt von Güllegestank. „Wenn Wind weht, dann entsteht sowas gar nicht, dann wird das alles verwirbelt. Aber bei Windstille ist das was anderes. Da ist aus Sicht des Meteorologen dringend vom Düngen abzuraten“, sagt Knaps.

Felsers persönlicher Faktor: sein Grundstück, dass bauartlich bedingt zu einer Art Sackgasse für die tiefe, von Gestank durchsetzte Luftmasse geworden sein könnte. „Ich komme selbst vom Land, ich habe Verständnis, wenn die Bauern düngen. Aber sowas darf nicht passieren“, sagt er und verweist auf die Bestandteile der Düngergase, die in hoher Konzentration in der Atemluft durchaus gesundheitsschädlich sein können.

Zumindest wird es nicht sehr oft passieren. Die Wahrscheinlichkeit, dass alle Faktoren zusammenkommen, ist gering. Freitag war mehr Wind, da wehte wieder „frische Landluft“ durch Koslar.

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