Krauthausen - Steigung und Wetter setzen dem Läufer Eckhard Siegert zu

Steigung und Wetter setzen dem Läufer Eckhard Siegert zu

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Lauf 2017 auf den Mont Ventoux: Bei acht Prozent Steigung gilt es, nur nicht stehenzubleiben. Foto: Siegert

Krauthausen. Der 74-jährigen Krauthausener Langstreckenradfahrer und Hobbyläufer Eckhard Siegert bewältigte zum neunten Mal den französischen Mont Ventoux. Hier ist sein Bericht: Der Mont Ventoux ist mit seiner 1912 m Höhe für die Franzosen ohne Zweifel der heilige Berg der Provence, aber auch der „Schrecken der Tour der France“ mit seinem für jeden Radsportler anziehendem Ziel.

Beides ist richtig, begründet aus der dreieinhalbtausend Jahre alten ligurischen Geschichte sowie durch die Römer im 2. Jahrhundert unserer Zeitrechnung und aus der Empfindung, wenn man diese berühmte Umgebung besucht.

Verlässt man bei der Anfahrt und beim ersten Besuch zwischen Avignon und Orange die Autobahn oder die Nationalstraße in Richtung Osten, taucht in der fernen Hintergrundkulisse der Berg auf, den man stets im Blick behält, denn er thront unüberschaubar und unausweichlich über der ganzen Landschaft der „Vaucluse“. Ist man erst einmal in seiner Nähe, stellt man folgendes fest: Er ist von allen Seiten mit Kiefern, Eichen und Mandelbäume geschmückt, weiter oben fegt der ständige Mistral über sein kahles, weißes Haupt und zu seinen Füßen liegt ein Garten Eden, teilweise in lila Karrees eingeteilt, hier blüht der Lavendel.

Am 26. April 1336 erreichte Francesco Petrarca aus Neugier, freiwillig und lediglich aus Verlangen, zusammen mit seinem Bruder und zwei weiteren Begleitern den Gipfel des Mont Ventoux, des Windigen Berges. Weil er in dieser Wanderung aber auch Naturerlebnis, Zufriedenheit und Erregungen des Herzens empfand, wird er als „Vater der Bergsteiger“ bezeichnet und der 26. April 1336 als „Geburtsstunde des Alpinismus“. Sein Bericht von seiner Tour auf den Mont Ventoux ist zugleich die erste überlieferte Darstellung der freiwilligen Besteigung eines Berggipfels.

In sechs Tagen mit 1306 km

Bereits vor wenigen Jahren folgte der Krauthausener Eckhard Siegert seinen Radsportidolen Eddy Merckx und Miguel Indurain mit seinem Rennrad in sechs Tagen mit 1306 km von der Sophienhöhe über den Mont Ventoux nach Avignon und bereits in den 90er Jahren, also davor und danach bis heute war der ab 1500 m Höhe nackte mit blütenweißem Muschelkalk bedeckte Berggipfel das gigantische Ziel des Berg- und Ausdauerläufers.

26 Kilometer mit Start bei Sault, der Hauptstadt des Lavendels, manchmal hinauf und wieder hinab mit fast ständigen acht Prozent Steigung, Hitze, Kälte und ständigem wechselndem Wind. Eddy Merckx antwortete einmal auf die Frage, was an diesem Berg so schwer sein kann. Er sagte damals schon: „ Es ist das Wetter was die größten Schwierigkeiten bereitet, große Hitze oder eisige Kälte.“

Die wenigsten Radrennfahrer sind auch Läufer, und so ist fast nie ein einziger unter Hunderten mit Hochtechnikrädern auszumachen. Ist die Kanne einmal leer, kann man noch hinunterrollen, während der Läufer mit seiner Minimalverpflegung ums Überleben läuft und so gilt der Spruch: „Bedenke, eh du beginnst und Du gewinnst.“

Gut geübt für die Alpenregion, mit einem kohlehydratreichen Minimalfrühstück vorernährt, eine Trinkflasche mit Wasser im Rückenhüftgurt, zwei Müsliriegeln in der Gesäßtasche und drei Euro für eine Cola am Gipfel – und schon geht es die ersten 20 Kilometer in vielen endlosen Schleifen durch den beschattenden Kiefernwald. Jetzt heißt es wenig Kraft und Flüssigkeit verbrauchen und nicht mehr stehenbleiben, denn jeder Anlauf ist bei sechs bis acht Prozent schwer, will man in zwei Stunden die windumtoste Wetterwarte erreichen.

Hin und wieder hat man linksseits die herrliche Sicht zum „Plateau de Vaucluse“ und seiner tief liegenden Weinregion. Hilfreich sind dabei linkerhand die kleinen weißen Straßenkilometersteine, auf denen auch die Gesamthöhe abzulesen ist. So ist man ständig informiert wie hoch man bereits und wie weit es noch bis Chalet Reynard, dem Start zum dicksten Hammer, ist.

Noch wird man laufend von Radrennfahrern überholt und während die Einzelfahrer meist freundlich grüßen oder sogar ihre eigene Trinkflasche zum Trunk anbieten, verhalten sich die Gruppenfahrer wesentlich anders. Sie beachten niemanden außerhalb ihrer Gruppe. Darum sind, ob Radfahrer oder Läufer die Einzelkämpfer die sympathischsten Sportler.

Erfrischender Brunnen

Schlagartig lichtet sich die Vegetation und der Blick ist frei auf das von der Tour de France berühmteste Restaurant „Chalet Reynard“ und auf den hoch oben wie in einer Wüste stehenden noch sieben Kilometer entfernten Gipfelturm, dem Observatorium des Mont Ventoux. Der zum Teil helle Beton der Straße mit den zahlreichen Aufschriften der Tour de France vermischt sich mit dem weißen Kalkgeröll der gesamten Umgebung, und nichts hat mehr eine andere Farbe.

Der blaue Himmel und die gleißende Sonne tun ihr Übriges. Doch da taucht nur einmal auf der rechten Seite, versteckt in einer Kurve und verborgen für alle, die zu schnell sind, als Rettungsanker die „Fontaine le Grave“ mit seinem herrlichen kühlen sprudelnden Wasser auf.

Die einzigen Farbtupfer dieser farblos, gleißenden, einsamen Gegend sind neben der Straße die farbigen Holzstangen für die Schneepflugorientierung. Sie muten bei diesem sommerlichen Temperaturen etwas komisch an. Jetzt geht es ans Eingemachte! Recht bald entschwindet der Waldrand als unsichtbar nach unten und man befindet sich nur noch in diesem weißen Geröll.

Aber, um dem endlich ein Ende zu bereiten, hilft nur noch Laufen und Laufen. Jetzt kommen die Vorzüge des geübten Läufers mit konstante Laufschritt im Überholvorgang zum Zuge und die Radrennfahrer geben es, als sie erstaunt zur Seite schauen, dass da ein Läufer kommt, mit einer Handbewegung neidlos zu. Rechts und etwas erhöht sieht man nun das Steindenkmal für den hier an dieser Stelle verstorbenen Tom Simpson, der bei der Tour de France 1967, bei glühender Hitze vom Rad stürzte und hier starb.

Endlich bin ich in den letzten, sicherlich nochmals 16-prozentigen Kehren und stehe um 10.30 Uhr zum neunten Mal glücklich und zufrieden an dem weißen Koloss der Wetterwarte, trinke meine kraftspendende Cola und vergesse bei meinem anschließendem atemberaubenden nicht minder schweren Abwärtslauf das Denkmal Tom Simpson nicht.

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