Stadtgespräch mit dem Herzog: Intime Geständnisse

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Hoch erfreut nimmt Herzog Wilhelm V. das Geburtstagsständchen im Renaissancegarten entgegen. Foto: Guido Jansen
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Dr. Thomas Kreßner: „Wir dürfen heute nicht mit dem Finger auf Muslime zeigen.“ Foto: Guido Jansen
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Prof. Michael Gramm stellte fest, wie sich die Themen aus des Herzogs Zeit und heute ähneln. Foto: Guido Jansen
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Hatte ein Geburtstagsgeschenk im Gepäck: Biergläser namens Willy für den Biertrinker Wilhelm: Bürgermeister Axel Fuchs. Foto: Guido Jansen
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„Unter uns Adligen duzen wir uns“, sagt Prinz Albert-Henri von Merode (3.v.l.) im Spaß zu Herzog Wilhelm. Die Moderatoren Volker Uerlings (l.) und Wolfgang Hommel durften nicht duzen. Foto: Guido Jansen

Jülich. Als die Dunkelheit die Jülicher Zitadelle fast in Besitz genommen hatte und die Bühnenscheinwerfer die Schlossmauern in warmes Licht tauchten, da muss der Herzog von Heimeligkeit und Vertrautheit beschlichen worden sein. Kurz vor Ende des Stadtgesprächs anlässlich seines 500. Geburtstags gab Wilhelm V., mächtigster Jülicher Herzog jemals, intime Geheimnisse preis.

Er sprach über seine Weiber und über seine Leidenschaft für Bier. 250 Menschen hörten im Renaissancegarten beim Gespräch unserer Zeitung und des Vereins Stadtmarketing zu, wie Wilhelm ausplauderte, was damals gelaufen war mit seiner ersten Frau Johanna III., der Nichte des französischen Königs. „Ich habe mein entblößtes Bein unter Aufsicht unter ihre Bettdecke geschoben. Das war ein symbolischer Beischlaf“, sagte der Herzog und das Volk zu seinen Füßen kicherte.

Auch Guido von Büren, der Historiker in Diensten der Stadt Jülich, der sich in frühneuzeitliche Gewandung geworfen hatte und den Herzog mit beinahe allumfassendem biografischem Wissen mimte, musste grinsen über so viel Symbolik.

Von Bürens Herzog-Schauspiel bildeten den roten Faden durch zwei Stunden Gespräche, an dessen Ende alle Beteiligten viel Applaus und noch mehr Anerkennung erhielten. Humorvoll und informativ zugleich sei der Abend gewesen, das betonten etliche Besucher.

Prof. Michael Gramm (Stadtmarketing) sprach einleitende und abschließende Worte und kündigte jeden Gratulanten an, Wolfgang Hommel (Stadtmarketing) und unser Redakteur Volker Uerlings moderierten. 21 beheizte Räume habe er zu seiner Zeit in der Zitadelle gehabt, sagte Wilhelm, und Toilettenschächte. Das sei furchtbar modern gewesen. „Die Toiletten waren selbstverständlich mir vorbehalten. Was der Hofstaat gemacht hat, interessiert mich nicht.“

Wiedererkannt habe er seine Zitadelle. „Wenn ich mir den Innenhof betrachte, dann habe ich auch wiedererkannt, dass die Zitadelle zu meiner Zeit auch eine Baustelle war. Immer dieser Baulärm. Da war mir Schloss Hambach lieber. Da gab es nur das Gebell der Jagdhunde.“ Auch diesen Tümpel, an dem er seine Pferde gerne getränkt habe, habe er erkannt. Den Schwanenteich. „Allerdings fehlen heute die Schwäne, die an meinem Hof eine Delikatesse waren.“

Geläufig waren ihm auch die zu Merode, schließlich sei das Geschlecht der heutigen Prinzen zu Merode über 900 Jahre alt. Und den damals 17-jährigen Philipp zu Merode habe er auch zur Hochzeit seines Sohnes 1585 nach Düsseldorf eingeladen. „Wir haben eine tolle Geschichte und eine tolle Tradition. Das gilt für meine Familie, aber auch für ganz Europa“, sagte Prinz Albert-Henri von Merode, der erste Gratulant.

Er berichtete vom größten Projekt seiner Familie, dem immer fortlaufenden Wiederaufbau des 2000 abgebrannten Schlosses. „Das Schloss brannte noch, da sagte mein Vater: Ich will nicht der letzte Merode sein, der hier war“, berichtete der Prinz. Die Merodes schlugen einen neuen Weg ein, öffneten ihren Stammsitz noch mehr der Öffentlichkeit. „Die Dorfgemeinschaft bei uns ist großartig, da haben wir viel Unterstützung erfahren“, berichtete de Merode.

Die Diskussionen, dass Besucher seit der Wiedereröffnung 2009 Eintritt zahlen müssen, sei in der Öffentlichkeit aufgebrandet und wieder abgeflacht. Den Wiederaufbau bezeichnete er als Generationen-Projekt: „Ich habe Kinder, die müssen auch noch was zu tun haben.“

Etwas befremdet reagierte der Herzog auf seinen nächsten Gratulanten, Bürgermeister Axel Fuchs. „Ein gewählter Bürgermeister? Zu meiner Zeit unvorstellbar!“ Fuchs trauerte der Entscheidungsfreudigkeit Wilhelms nach.

„Der Herzog hätte einfach gesagt: Das machen wir“, spielte Fuchs auf die seitens der Stadt geplante Aufführung von Verdis Oper Nabucco an. „Da müssen wir jetzt die Fledermäuse fragen, ob wir das dürfen“, spielte Fuchs auf die Einwürfeseitens des Landes und der Bezirksregierung an. An einer Lösung werde gerade gearbeitet.

Der evangelische Pfarrer im Ruhestand Dr. Thomas Kreßner bedankte sich bei Wilhelm für dessen liberale Haltung in den Zeiten des Religionsstreites, dass er im Gegensatz zu vielen anderen katholischen Herrschern die Protestanten nicht verfolgt habe. Dieses Verhalten könne auch heute Vorbild sein. „Wir dürfen nicht mit dem Finger auf Muslime zeigen. Das Wort Konzil bedeutet Zusammenkommen.“

Kreßner erinnerte an die erste reformierte Gemeinde in Jülich. Am 4. September 1611 hielt deren erster Pfarrer Casparius Sibelius in der Schlosskapelle seine Antrittspredigt. Zum Schluss zog Michael Gramm einen Vergleich nach der Zeitreise zum historischen Herzog. Vieles wiederhole sich. „Die Themen Flüchtlinge oder der Konflikt zwischen den Religionen zum Beispiel.“

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