St. Hildegard: Wenn Butter auf die Marmelade kommt

Von: Daniela Mengel-Driefert
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Hier kann der Schrank ausgeräumt werden: An Demenz erkrankte Menschen zeigen unterschiedliche Symptome. Manche räumen gerne Schränke um und aus. Wohnbereichsleiterin Manuela Behl zeigt einen Schrank auf der Demenzstation. Foto: Mengel-Driefert
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Aktivitäten am Vormittag: Die Pflegekräfte aktivieren die Bewohnerinnen im Aufenthaltsraum. Foto: Mengel-Driefert

Jülich. Es ist früh am Morgen. Agnes Zimmer, der Name ist von der Redaktion geändert, steht am Waschbecken. Altenpflegehelferin Sabine Lüddens assistiert der Seniorin beim Waschen, Kämmen, Zahnpflege, wenn nötig. Agnes Zimmer kann das nicht mehr alleine.

Sie ist 88 Jahre alt, an Demenz erkrankt, lebt auf einer Station für dementiell veränderte Menschen im Seniorenpflegeheim St. Hildegard. Damit ihr Alltag funktioniert, sind Fachkräfte wie Sabine Lüddens da, um die Bewohner da zu unterstützen, wo die Kräfte nicht mehr reichen, und sie gleichzeitig so oft wie möglich selbstständig handeln zu lassen. Die Arbeit auf einer solchen Station ist anders, bedarf spezieller Kenntnisse und manchmal auch Tricks. Ein Blick in den Alltag.

Die Pflegerin reicht Agnes Zimmer eine Protektorenhose, erklärt dabei: „Wenn die Bewohner stürzen, brechen sie sich nicht den Oberschenkelhalsknochen“. Menschen mit Demenz sind oft unruhig, haben einen gesteigerten Bewegungsdrang. Fixierung sei die allerletzte Möglichkeit.

Nach dem Waschen geht es zum Aufenthaltsbereich, hier sitzen weitere Bewohnerinnen, Schwesterhelferin Ilona Neunfinger übernimmt, bereitet das Frühstück zu. Insgesamt leben 14 Bewohnerinnen auf der Station, im Frühdienst sind drei Pflegekräfte eingeteilt, zwei davon gehen um 11 Uhr nach Hause. Im Schnitt wäscht eine Schwester vier bis fünf Bewohnerinnen, dafür sind jeweils 20 bis 30 Minuten eingeplant. Die Pflegekräfte helfen lediglich bei den Handgriffen, die nicht mehr alleine gehen.

Die Restressourcen werden gefördert, auf der Demenzstation wird sich Zeit genommen. Die Pflegekräfte gehen empathisch mit den Bewohnern um, folgen ihnen in ihre Welt. Wenn eine Bewohnerin wiederholend erzählt, sie müsse jetzt zu ihrem Mann, der aber schon lange verstorben ist, wird das so stehen gelassen. Das beruhigt, eine Erklärung oder Aufklärung über die tatsächliche Situation würde verunsichern und Unruhe erzeugen.

Die Bewohner leben in Zweibettzimmern mit angeschlossenem Badezimmer, ausgestattet mit Schrank, Bett, Nachtkommode, alles andere kann mitgebracht werden. Genutzt wird das Zimmer lediglich zum Schlafen, sagt Sabine Lüddens. Nach dem Frühstück, gegen 10.30 Uhr, folgt eine Aktivitätsphase. Es wird gebastelt, kleine Bewegungsspiele veranstaltet, oder Reibekuchen zubereitet, dann schälen die Bewohner die Kartoffeln. Um 11.30 gibt es Mittagessen, anschließend steht die Mittagsruhe an. Am Nachmittag kommen ehrenamtliche Mitarbeiter, machen Gedächtnistraining oder gehen mit den Bewohnerinnen spazieren.

Wer auf dieser Station lebt hat eine diagnostizierte Demenz, sagt Manuela Behl, Wohnbereichsleiterin. „Früher dachte ich: Das ist fürchterlich, alle dementiell Erkrankten in einem Bereich“. Doch heute ist sie überzeugt, dass die Bewohner sich so sehr wohlfühlen.

Es gebe Menschen mit Demenz, die wollen ständig nach Hause laufen, in ihrer Welt ihre Kinder versorgen, haben aggressive Ausbrüche oder packen alles in den Rollator, was gefällt. Festhalten könne sie niemand, sagt Manuela Behl. Die Station sei kein abgeschlossener Bereich. Tauchen derartige Probleme auf, helfen individuellen Lösungen. So wurde die Eingangstür des Wohnbereiches mit geschickten Malereien zu einem Fenster umgestaltet. Das vermeintliche Fenster schließt den Wohnbereich optisch ab.

Mehr Anerkennung

Das Personal ist geduldig im Umgang mit den Bewohnern. Gebe es Zeitdruck, dürften die Bewohner davon nichts bemerken, sonst funktioniere nichts mehr. Ziehen sich die Bewohner selbstständig an, sehe das zwar nicht immer schön aus, sei aber eine Eigenleistung. Wird die Butter beim Frühstück über die Marmelade geschmiert, ist das so, sagt Behl. Den Bewohner ihre Defizite aufzuzeigen sei kontraproduktiv, mache traurig und aggressiv. Damit die Schränke nicht gegenseitig ausgeräumt werden, seien sie abgeschlossen, ein Schrank im Gemeinschaftsbereich kann um- und ausgeräumt werden.

Monika Behl ist ausgebildete Altenpflegerin, absolvierte zusätzlich eine anderthalbjährige, berufsbegleitende Zusatzqualifikation zur Fachkraft für Gerontopsychiatrie. Die Arbeitsbelastung in der Altenpflege sei immens, keine Frage, sagt sie. Besonders hoch sei die psychische Anforderung: „Wenn sie selbst einen schlechten Tag haben und hören permanent eine Bewohnerin Schwester, Schwester rufen, das ist hart“, gibt sie zu. Doch wer hier arbeitet, weiß worauf er sich einlässt, alle Pflegekräfte hätten sich bewusst für die Demenzstation entschieden. Dabei stehe die Liebe zum Beruf im Vordergrund, die Bezahlung sei nicht höher als auf anderen Stationen.

Wichtig sei, den Bewohnern Interesse zu zeigen, brenzlige Situationen zu entschärfen. Der Arbeitsalltag sei anstrengend, doch gebe es auch Situationen, in denen gelacht werde, die witzig seien, räumt Behl ein. Die Pflegekräfte arbeiten zwölf Tage am Stück, erst dann folgen zwei freie Tage. Eine Hierarchie gebe es nicht, Küchenhilfe, Pflegehelferin oder Altenpflegerin ergänzen sich gegenseitig. Die Dokumentationspflicht sei enorm, werde jährlich mehr statt weniger. Wenn Monika Behl einen Wunsch frei hätte, würde sie sich eine größere gesellschaftliche Anerkennung für ihren Berufsstand wünschen.

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