Jülich - „Schummelsekt” mit Kohlensäure aus dem Tank

„Schummelsekt” mit Kohlensäure aus dem Tank

Von: Volker Uerlings
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„Spürnasen” aus Jülich: Prof. Hilmar Förstel (l.) und Dr. Markus Boner vom TUV-Labor Agroisolab haben in vielen Flaschen deutschen Sekts Industrie-Kohlensäure nachgewiesen. Foto: Uerlings

Jülich. Wenn der Korken mit dem Plopp den Flaschenhals verlassen hat, strömt sie aus: Kohlensäure. Und wenn die feinen Perlen im Glas moussieren, dann ist der Kenner gewiss, dass er edlen Sekt oder gar Schampus genießt, der in der Regel in der Flasche gereift ist. Das scheint nicht selten ein Trugschluss zu sein, wenigstens aber Etikettenschwindel.

Sekt großer deutscher Hersteller ist vielfach mit industrieller Kohlensäure versetzt. Bis zu 80 Prozent wiesen Jülicher Spezialisten jetzt im Auftrag des ZDF-Magazins „Frontal21” nach - und zwar in nahezu allen getesteten Flaschen.

Damit ist die Bezeichnung „Sekt” formal nicht mehr korrekt. Vielmehr finden Verbraucher „Schaumwein mit zugesetzter Kohlensäure”, der aber so nicht etikettiert ist.

Mit der Prüfung beauftragt war die TÜV Rheinland Agroisolab GmbH in Jülich, die bei ihren Stichproben zum Beispiel in den Marken „Schwarze Mädchentraube” 80 Prozent des sogenannten exogenen Kohlendioxids nachwies, in „Schloss Munzingen” 59 Prozent und in „Rotkäppchen” 32 Prozent. „Ab 20 Prozent” fing es an, wie Agroisolab-Geschäftsführer Dr. Markus Boner im Gespräch mit unserer Zeitung berichtete. Ob und inwieweit der Zusatz industrieller Kohlensäure geschmackliche Veränderungen verursacht, ist seines Erachtens zweitrangig.

Er sieht vor allem preisliche Auswirkungen: Betroffen seien in erster Linie deutsche Hersteller, die mit einem Tank-Gärungsverfahren arbeiten und durch den Einsatz von exogener Kohlensäure „sehr günstig produzieren können”. Günstiger als europäische Mitbewerber aus der Industrie, die eine Maßgabe der Europäischen Union beachten und auf Fremd-Kohlendioxid verzichten - und vor allem günstiger als die vielen kleinen deutschen Winzer, die noch die „echte Flaschengärung” betreiben.

Markus Boner: „Die deutschen Hersteller müssten gar nicht mit Kohlendioxid arbeiten. Sie könnten Stickstoff oder Argon nehmen. Das ist aber technisch anspruchsvoller und in der Produktion letztlich teurer.” Stickstoff, Argon und endogenes (beim Gärprozess entstehendes) Kohlendioxid sind laut EU erlaubt, sonst nichts. Die entsprechende Resolution ist von der deutschen Regierung abgesegnet worden und damit für die Produzenten bindend.

Was nicht nur dem Geschäftsführer des Jülicher Unternehmens, das erst vor kurzem in die TÜV Rheinland-Gruppe integriert wurde, sauer aufstößt: Die Sekthersteller wüssten seit Jahren, dass Fremd-Kohlensäure „drin ist, aber informieren die Kunden nicht”. Boner: „Sekt hat einen bestimmten Nimbus, doch die notwendige Deklaration erfolgt nicht.”

Einen „Vertrauensbruch gegenüber dem Verbraucher” sieht auch Norbert Schindler, Präsident der Landwirtschaftskammer Rheinland-Pfalz, wie er der Redaktion von „Frontal21” sagte. Käufer, die einige Euro mehr ausgeben, dürften erwarten, dass sie auch eine bestimmte Qualität erhalten.

Der Verband Deutscher Sektkellereien weist die Kritik zurück und sieht keine Verbrauchertäuschungen und führt an, dass sich Verbraucher nicht für „Exkurse zu Isotopenverhältnissen in Kohlensäure” interessierten.

Damit spielt er auf das Verfahren an, mit dem die TÜV Rheinland Agroisolab GmbH prüft: Per Isotopenanalyse können die Lebensmitteldetektive aus Jülich den „Fingerabdruck der Natur” ermitteln und eindeutig zuordnen.

Die Sekt-Testreihe im Jülicher Labor ist unterdessen noch nicht ganz abgeschlossen. Noch eine ansehnliche Auswahl verschiedener Marken wird mit Hilfe von Massenspektrometern analysiert. Bislang waren die Ergebnisse sehr eindeutig.

Dr. Markus Boner glaubt, dass die jetzigen Erkenntnisse „über Europa zu einem echten Problem für die deutsche Sektwirtschaft werden könnten”. Wenn nämlich Brüssel auf die Einhaltung der Verordnung pocht und damit „Schummel-Schaumwein” einen Korken vorschiebt.
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