Schützen: „Integration ist das, was wir leben müssen“

Letzte Aktualisierung:
10640327.jpg
Er steht 25 Bruderschaften im Bezirksverband Jülich vor und vertritt eine klare Foto: Mengel-Driefert

Jülicher Land. Der Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften (BHDS) schlägt eine Satzungsänderung im Schützenwesen vor. Offiziell sollen nicht-christliche, homosexuelle und geschiedene Schützenkönige auf Ortsebene möglich sein. In einem Thesenpapier an die Brudermeister im Land fordert der BHDS zur Diskussion über das Thema auf.

Daniela Mengel-Driefert spricht mit Bezirksbundesmeister Christian Klems über ein erstes Stimmungsbild im Jülicher Land.

Herr Klems, das Schützenwesen ist sehr traditionell, es gibt alle möglichen Riten, es gibt die Königswürde, Königsketten, Paraden, verschiedene Funktionsposten. Wie passt da ein muslimischer Schützenkönig rein?

Christian Klems: Im ersten Ansatz würde man sagen, er passt da überhaupt nicht rein. Wenn man die alte Tradition der Schützen sieht, ausgerichtet nach dem christlichen Glaubensbekenntnis, mit Glaube, Sitte, Heimat untermauert. Doch wir sind der Meinung – und da sage ich bewusst wir, also nicht nur ich als Christian Klems, sondern die Schützenbruderschaft im Bezirksverband Jülich – dass wir uns öffnen müssen. Da zählt für mich dazu, dass wir Menschen anderen Glaubens in die Schützenbruderschaft aufnehmen. Das wird hier auch so gemacht.

Im letzten Jahr kürte eine Bruderschaft im westfälischen Sönnern einen muslimischen Schützenkönig. Der Bund der Historischen Schützenbruderschaften legte ein Veto ein, ist jedoch später zurückgerudert. Sehen Sie da eine Verbindung, zu einer geplanten Liberalisierung im Schützenwesen?

Klems: Diese Verbindung sehe ich ganz deutlich. Aufgrund der Diskussion in der Öffentlichkeit um den muslimischen Schützenkönig, ist der Bund ein ganzes Stück zurückgerudert. Das schlägt sich nieder in einem Thesenpapier, in dem ganz klar beschrieben steht, dass die Möglichkeit besteht, Schützenkönig zu werden, auch wenn man einer anderen Religion angehört. Das finde ich auch gut so.

Ganz aktuell ist es so, dass der Bund der Historischen Schützenbruderschaft eine Satzungsänderung vorsieht.

Klems: Genau.

Alle Brudermeister erhielten ein Thesenpapier, das diskutiert werden soll. Was beinhaltet es noch?

Klems: Die Aufnahme von Nicht-Christen in die Bruderschaft ist möglich, letztlich auch die Möglichkeit für Geschiedene, auf den Vogel zu schießen. Auch sie dürfen dann die Majestätenwürde erringen. Nur – und das ist auch ganz klar so verbrieft – im Ort ja, aber an den weiterführenden Schießen wie die Bezirksschießen und Diözesanschießen dürfen die Damen und Herren nicht mehr teilnehmen. Das Thesenpapier befasst sich mit den Dingen, die zurzeit oder in der Vergangenheit, ausgelöst durch den muslimischen Schützenkönig, in der Diskussion waren. Grundsätzlich war es ja ein bisschen verpönt, wenn ein Nicht-Christ einen Vogel runter schießen durfte. Wir haben das trotzdem gemacht, weil wir sagen: Wir sind nicht der Hüter dieser Dinge und können die Maßstäbe eigentlich gar nicht anlegen, das ist überzogen.

Also, Sie waren hier schon immer liberaler.

Klems: Ja wir waren schon immer gut drauf. (lacht)

Wie sieht das mit homosexuellen Mitgliedern aus?

Klems: Das war auch in der Diskussion, schwuler Schützenkönig - rauf und runter ging das. Also nach wie vor besteht die Möglichkeit. Und demnächst dürfen sie es jetzt aufgrund dieses Thesenpapiers, wenn es denn abgestimmt wird. Das Thema wird in der Hauptvorstandssitzung am 14. November diskutiert und in der Bundesversammlung im März 2016 wird eventuell eine Beschlussvorlage verabschiedet. Es ist noch ein längerer Prozess, um das letztendlich umzusetzen. Aber Schwule und Lesben dürfen nach wie vor auf den Schützenvogel schießen, das ist überhaupt kein Thema. Das haben wir auch schon gemacht.

Es gibt eine Einschränkung. Während der Parade darf der schwule Schützenkönig nicht mit seinem Partner gehen, sondern mit einer Frau oder alleine.

Klems: Genau, nach der Tradition ist das so. Ob man das so handhabt, hängt ein bisschen von der Bruderschaft ab. Auch ich persönlich würde mich da schwer tun, sage ich ganz offen. Ich persönlich würde sagen dann soll sie oder er lieber alleine gehen, als mit der Partnerin oder dem Partner.

Es hört sich so an, dass Sie die Erneuerungen längst umgesetzt haben, die jetzt vom Bundesverband stattgegeben werden sollen.

Klems: Als die Diskussion hochkam über den schwulen und den muslimischen König haben wir das im Bezirksvorstand diskutiert. Da war eine breite Meinung, den Weg auch für Nicht-Christen nach wie vor offen zulassen, weil wir der Meinung sind, dass Integration das ist, was wir leben müssen. Wir sind global, wir können uns nicht als Schützen hinter Mauern zurückziehen. Wir sind zwar eine christliche Vereinigung. Klar, das sind wir, aber wir müssen auch Mauern öffnen, damit die Leute zu uns kommen. Das war im Bezirksverband Jülich immer eine sehr wichtige Prämisse.

Für Sie ist es kein Widerspruch, Traditionen des Schützenwesens mit Neuerungen zu verbinden?

Klems: Nein. Ich bin ein gläubiger Mensch, gehe zur Messe, aber wenn ich sehe, wie wenig Leute noch zu einer Messfeier gehen, dann muss ich sagen, dass die Katholische Kirche sich auch neu ausrichten muss. Wenn die Katholische Kirche sich erneuert, dann müssen das die christlichen Verbände auch. Das ist für mich ein ganz klares Muss. Sonst gehen wir den Bach runter.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert