Schmiedekurs: Aussterbendes Handwerk neu entdeckt

Von: Guido Jansen
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Einblick in einen besonderen Schulalltag: Einmal pro Woche gibt es in der schuleigenen kleinen Schmiede Unterricht in einem alten Handwerk. Die Schüler lernen viel über Sicherheit, anschließend dürfen sie sich selbst versuchen. Foto: Guido Jansen
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Inden. Das Schmiedhandwerk ist sicher über 2050 Jahre alt. Höchstwahrscheinlich noch viel älter. 2050 Jahre – das lässt sich aber ganz einfach und schnell nachweisen. Denn im Jahr 34 vor Christus ist der römische Geschichtsschreiber Sallust gestoben. Das ist der, der den Spruch „Jeder ist seines Glückes Schmied“ geprägt hat.

Schmiede gab es schon lange vor Sallust. Aber es wird sie nicht mehr lange geben. Das Jahrtausende alte Handwerk stirbt aus. Menschen, die mit Hilfe von Hitze Eisen umformen, werden von Maschinen ersetzt. Und trotzdem gibt es einmal in der Woche Schmiedeunterricht an der Indener Goltsteinschule.

Die vier Jungs, Jonas Greven, Niklas Krischer, Fabio Netten und Sascha Lenarduzzi, wollen später nicht Schmied werden. Aber auf die Mittwochnachmittage mit Hartwig von Hoyn (61) freuen sich die vier Schüler jedes Mal. Der Unterricht in diesem uralten Handwerk ist mittlerweile so weit von der Lebenswirklichkeit der Vier entfernt, dass es wirkt wie neues, heißes Zeug.

Heiß ist es auf jeden Fall, wenn die fünf Männer sich in dem kleinen weißen Häuschen mit den beiden Kaminen treffen, das am Rand des Schulhofs steht und so aussieht wie der vergessene Rest eines längst verschwundenen Handwerksbetriebs. Vergessen war die Schmiede. 15 Jahre hat sie abgeschlossen und ungenutzt auf dem Schulgelände herumgestanden.

Eine Schmiede wurde nicht gebraucht, der Beruf stirbt schließlich schon länger aus. Vor ein paar Jahren hat der passionierte Hobby-Schmied von Hoyn den Raum saniert und den Schmiedeofen wiederbelebt. Seitdem ist das Schmieden offiziell ein außerunterrichtliches Angebot im Rahmen der Ganztagsbetreuung. Noten verteilt von Hoyn keine, dafür aber jede Menge Tipps.

Motivationsprobleme haben seine vier Schützlinge nicht. Sie sagen sogar, dass sie sich auf die 90 Minuten pro Schulwoche in der Schmiede freuen. „Man sitzt den ganzen Tag in der Schule und muss auch schon mal die Faust in der Tasche machen“, sagt Jonas Greven. „Hier kann man dann mal so richtig Dampf ablassen.“ Zupacken ist gefragt, draufhauen. Und auch Vorsicht und Rücksicht.

Das Schmiedefeuer ist 750 bis 1350 Grad heiß. Ein paar Augenblicke reichen, dann kann das Eisen geformt werden. Auf dem Amboss darf der Schmied das Eisen spitzen, breiten, tordieren, verdrehen, biegen, schroten, spalten oder lochen.

Greven hat schon ein Praktikum bei einem Metallbauunternehmen absolviert. Später will er zur Feuerwehr gehen, freiwillig macht er heute schon mit. „Bei der Feuerwehr kann ich das Wissen auf jeden Fall gebrauchen“, sagt er über den Schmiedekurs. Zum Beispiel, dass das Eisen immer noch so heiß ist, dass es Holz entzünden würde, auch wenn es nicht mehr rot glüht. Man soll das Eisen schmieden, solange es heiß ist – ein anderer bekannter Schmiedespruch. Aber auch danach muss man aufpassen.

Für Niklas Krischer besteht der Reiz im konkreten Ergebnis der Arbeit. „Man hält da was in der Hand, das man selbst geschaffen hat und auf das man stolz sein kann.“ So konkret wird Arbeit heute nicht mehr oft. Das ist der Reiz des Anderen. Für die Schüler ist es neu, für den Lehrer etwas Altes, das er vor dem Aussterben bewahren will.

Mit der Schmiedekunst bringt von Hoyn den vier jungen Männern ein anderes Handwerk nahe, das verschwindet: den Bergbau. Das Eisenerz, das sie mit der Zugabe von Koks und Möller zu Schmiedestahl verarbeiten, wird unter Tage gewonnen. Genau wie die Schmiedekohle.

Heute läuft das Umformen von Eisen maschinell. „Es würde viel zu lange dauern und es wäre viel zu teuer, heute einen Maulschlüssel von Hand herzustellen“, sagt von Hoyn. Deswegen wird der Schmiedestahl in ein Gesenk gegossen und ist auf einen Schlag fertig geformt.

Die vier Schüler haben inzwischen einen Blick dafür entwickelt, wie viele Bauteile des modernen Lebens nach dem Prinzip des Schmiedens entstehen; vom Maulschlüssel bis zu den Bestandteilen eines jeden Motors. Und sie können nachvollziehen, wie anders und mit wie viel Arbeit mehr das Leben und das Handwerk verbunden waren, als der Schmied keine Maschine war, sondern ein Mensch, der Eisen geformt hat mit Hilfe von Feuer und Muskelkraft.

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