Schallplatte als Propagandainstrument: Die politische Dimension der Musik

Von: ptj
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Strafverteidiger Michael Lang präsentiert eine achttönige Sopran-Schalmei. Foto: Jagodzinska

Rödingen. Die ehemalige Synagoge im LVR-Kulturhaus Landsynagoge war überfüllt. Auf breites Interesse stieß das Thema „Musik als Waffe“ mit dem Untertitel „Das politische Lied in Weimar und im Dritten Reich“. Referent Michael Lang ist Kölner Strafverteidiger und langjähriger Sammler und Kenner historischer Tondokumente und möchte, dass sie gehört werden.

In gut 90 Minuten präsentierte er Schlaglichter politischer Propaganda auf Schellack-Platte und stellte anschaulich unter Beweis, wie tief sich „das in die Köpfe eingebrannt hat“. Die Verbreitung der Schallplatte als eines der ersten modernen Massenmedien „begann vor Goethe und hat heute noch nicht aufgehört“, wie er betonte.

Die Fachkunde des Publikums wurde gleich bei der ersten Präsentation offenkundig. Warum spielte Lang die Marseillaise als Aufnahme vor? „Weil es 1877 noch keine Schellack-Platte gab“, lautete prompt die richtige Antwort. Weil das Radio in den 20er Jahren ganz bewusst ein politikfreies Medium war, entdeckten zunächst KPD und SPD 1928 die Schallplatte „als Propaganda-Medium für sich“. Als erste Schellack-Platte spielt Lang das Bundeslied der SPD „Bet und arbeit“ vor, auf Veranlassung Lasalles geschrieben. Die Kommunisten, die sich stilistisch „absetzten“ wollten, setzten die Schalmei als politisches Signal bei ihren Demonstrationen ein.

Der Referent ließ eine achttönige Sopran-Schalmei erklingen, genauso wie ein Koffergrammophon mit „mittellauter Nadel“. So konnte die politische Botschaft per einklappbarem mechanischen Plattenspieler schnell und problemlos mit dem Fahrrad unters Volk gebracht werden. Ganz typisch waren auf Platte gepresste Ansprachen, gefolgt von Kampfliedern, die einen einprägsamen emotionalen Eindruck hinterließen.

Zum Repertoire der „Agitprop-Truppen“ – die aktivste waren die „Roten Raketen“ – zählten neben der Musik auch Sketche, politische Revue und Pantomime. Breiten Raum im Referat nahm der zunehmende Musikdiebstahl ein, „meistens von Rechts klauend bei den Linken“. Die Idee dahinter ist, dass ein Liedtext einer bereits bekannten Melodie eher im Gedächtnis bleibt. Erste Hörprobe war der Marsch „Der neue Stern“ mit seiner Kernaussage „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“.

Dieser entwickelte sich textlich weiter zum Fliegermarschlied „Roter Flieger“ und wurde drei Jahre später mit unveränderter Melodie von den Nazis unter dem Titel „Heraus zum Kampf“ gespielt. Die Dreistigkeit der Kopie wusste Lang zu toppen mit dem Soldatenlied aus dem Ersten Weltkrieg „Argonnerwald“. Umgedichtet wurde es aus Sicht aufständischer Arbeiter 1919 als „Büxenstein-Lied“. Die Nazis verwandten zur gleichen Melodie den Text „Durch deutsches Land marschieren wir“. Die Instrumentalversion wird noch heute im Karneval gespielt sowie mit Text im Fußball, etwa als Hommage an die Kölner Geißböcke.

NSDAP-Parteihymne

Durch SA-Sturmführer Horst Wessel gelangte die Schalmeien-Kapelle auch zur Nazi-Propanda. Das „Horst-Wessel-(Kampf)Lied“, das bis heute nur zu Aufklärungszwecken anzuhören erlaubt ist, avancierte zur Parteihymne der NSDAP und zum Bestandteil der Deutschen Nationalhymne. Ein anderes Beispiel dafür, wie sich „Melodien im Kopf einbrennen“, war das Sendezeichen (B-B-B-F) der BBC während des Krieges. Es entspricht den ersten Noten der fünften Symphonie von Beethoven und stimmt mit dem Morsezeichen für „V“ (Victory) überein: dreimal kurz, einmal lang.

Erwähnung im Vortrag fand auch die „V“-Kampagne mit dem „kleinen internationalen Zeichen des Widerstandes“, das die Nazis später als „Victoria“-Zeichen pervertierten. Als „gruseligste Aufnahme“ spielte Lang die NS-Neukomposition aus 1936 vor: „Nun lasst die Fahnen fliegen. In das große Morgenrot. Das uns zu neuen Siegen leuchtet oder brennt zum Tod“, vorgetragen von einem Kinderchor. Groß war auch die Bandbreite der Anti-Nazi-Propaganda. Ein Beispiel war das jiddische Partisanenlied „Sag nie, du gehst den letzten Weg“, ein zweites der Walt-Disney-Kurzfilm „Des Führers face“.

Dieser vermittelt durch zynische Anspielungen auf das Dritte Reich und vermeintlich deutsche Tugenden die Überlegenheit der USA und ihrer Freiheitswerte. Als Politsong aus der jüngeren Vergangenheit nannte Lang das bekannte Antikriegslied aus 1968 „Sag mir, wo die Blumen sind“, abschließend erinnerte er an die „Schulhof-CDs“ der Neo-Nazis...

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