Jülich - Sally Perel: Versteckt in der Haut des Feindes überlebt

Sally Perel: Versteckt in der Haut des Feindes überlebt

Von: Sylvia Jagodzinska
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Zeitzeuge Salomon Perel auf Lesereise im Jülicher Land: Hier spricht er vor den Oberstufenschülern der Handelsschule, Höheren Handelsschule, Mittel- und Unterstufe des Beruflichen Gymnasiums und Berufsschulklassen der Kfz-Mechatroniker. Foto: Jagodzinska
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Salomon Perel weilte auf seiner Lesereise auch im Mädchengymnasium Jülich.

Jülich. „Shalom, Salam, Friede“. Mit diesen Worten begrüßte und verabschiedete sich „Sally“ (Salomon) Perel, der mit seiner einzigartigen Überlebensgeschichte des Nazi-Regimes auf einer Lesereise durch Schulen auch im Jülicher Land weilte, sein Publikum im Mädchengymnasium.

„Mein Schicksal sollte das einzige dieser Art sein, ich erlebte es versteckt unter der Haut des Feindes“. Dieser Satz unterstrich die Bedeutung der Begegnung mit dem heute fast 90-Jährigen, der gerne trotz seines hohen Alters immer wieder von seiner dritten Heimat Israel aus sein Heimatland Deutschland besucht. Die Veranstaltungen im Mädchengymnasium und anschließend im Berufskolleg ermöglichte eine Zusammenarbeit mit der Konrad-Adenauer-Stiftung. „Der Mensch vergisst zu schnell und zu leicht“, zitierte Organisatorin Monique Quarzag, zuständig für politische Bildung, einführend den Namensgeber der Stiftung.

Man hätte eine Stecknadel fallen hören können bei der knapp zweistündigen „Lesung“ von Perels später verfilmten Autobiografie „Ich war Hitlerjunge Salomon“. Eigentlich handelte es sich um die mit eigenen Worten geschilderte schmerzliche Lebensgeschichte des Deutschen jüdisches Glaubens, der log, um zu überleben.

„Für keinen Zweck auf der Welt sollte ein junges Leben ausgelöscht werden, rechtfertigte er diese Lüge als „effektive Waffe“. Bei den Angriffen der Wehrmacht 1941 hält sich „Sally“ in einem Dorf vor Minsk auf, wo ein Erschießungskommando die Bevölkerung in lange Reihen sortiert, vor allem nach Jude und Nichtjude. Geistesgegenwärtig vergräbt der damals 16-Jährige heimlich seine Papiere und behauptet mit fester Stimme: „Ich bin doch kein Jude, ich bin Volksdeutscher“. In Windeseile hat er zwischen der Mahnung seines Vater, eines streng gläubigen Rabbiners: „Glaube immer an Gott, bleibe immer Jude“ und dem hochgeschätzten Wunsch seiner Mutter „Geh, du sollst leben“ entschieden.

Ihm wird überraschenderweise geglaubt und er wird als Maskottchen und russischer Übersetzer namens „Jupp“ von der 12. Panzerdivision geliebt, später sogar von seinem kinderlosen Kompanie-Chef, Hauptmann von Münchow, adoptiert. Als der Feldzug nach Osten ins Stocken gerät, gelangt er an eine Art Berufsschule und Elite-Anstalt, die Führungsnachwuchs für verschiedene Parteiorganisationen heranbildet. Vier Jahre lang lebt er als Hitlerjunge, der in prächtiger Uniform mit Hakenkreuz „Heil Hitler“ und „Sieg Heil“ schreit, während „meine Glaubensbrüder zu Tausenden vergast werden, darunter eineinhalb Millionen Kinder“.

Einerseits verinnerlicht der Autobiograph die menschenverachtende Nazi-Ideologie und ist begeistert, am Tausendjährigen Reich mitzuarbeiten. Gleichzeitig beginnt er sich als Jude selbst zu hassen und lebt in ständiger Angst, anhand seiner Beschneidung entdeckt und getötet zu werden. Als aber „die Rassenkunde beschlossen wurde, den Juden zu vernichten, weil er auf Erden den Satan verkörpert, war ich nicht einverstanden. Ich wusste, ich war kein Satan. Die Grenze, jemanden zu erschießen, überschritt ich nie“, betonte er. Seine „Spaltung der Seele“ überdauerte die Zeiten, noch heute leben „Jude und Nazi in einem Körper, es entstand ein nicht wiedergutzumachender Schaden“. Der Zeitzeuge hat „sehr viele Fragen an Gott“. Er findet keinen „gemeinsamen Nenner“, unter anderem zwischen dem gläubigen „auserwählten Volk“ und dessen grausamster Vernichtung, aus der er einige schreckliche Details schilderte.

Angesichts der „braunen Gefahr heute in Deutschland, die in Bomberjacken und Springerstiefeln wieder Ausländer tötet und die Auschwitzlüge (als Synonym für die Judenvernichtung) verbreitet“, berichtet Perel unermüdlich über die Geschichte und fordert auf, „alles zu tun, damit sowas nie wieder passiert“. Wenn nur einer heute sein falsches Gedankengut ablege, habe der Friedensstreiter seine Mission erfüllt.

Die wohl interessanteste Frage der mitfiebernden Zuhörer wurde im Berufskolleg gestellt: „Sind Sie Hitler begegnet? Was haben Sie dabei empfunden?“ Ja, Perel sei dem Führer begegnet und habe ihn sogar fotografiert. „In dem Augenblick war ich wieder Jupp“.

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