Jülich - Rosemarie Nitribitt: Ein Jülicher rollt den Mord neu auf

Rosemarie Nitribitt: Ein Jülicher rollt den Mord neu auf

Letzte Aktualisierung:
8155190.jpg
Guido Golla aus Jülich schreibt ein Buch über den Mord an Rosemarie Nitribitt und kommt zu einem überraschenden Ergebnis.

Jülich. Ein rätselhafter Mord sorgte in den 50er Jahren für Aufsehen in der Bundesrepublik. Eine Prostituierte wurde in ihrer Frankfurter Wohnung tot aufgefunden. Nicht irgendeine, sondern Rosemarie Nitribitt, die mit Hilfe eines Mercedes 190 SL, gezielt Herrschaften der gehobenen Gesellschaft ansprach und zu ihren Kunden zählte.

Die Vermutung lag nahe, den Mörder aus dem illustren Kreis der Freier zu suchen. In Folge entstanden allerlei Verschwörungstheorien und Mutmaßungen, Politer oder die Staatssicherheit seien in den Tod der Edel-Prostituierten verwickelt.

Dr. Guido Golla greift den Fall erneut auf und legt seine Recherchen über den lange zurückliegenden, aber nie gänzlich aufgeklärten Mord in einem unlängst erschienenen Buch „Rosemarie Nitibitt: Recherchen und Theorien“ dar. Er trägt die Fakten erneut zusammen, verwendet Quellen, die erst kürzlich freigegeben wurden, rekonstruiert den Tathergang und kommt zu einem überraschenden Ergebnis.

Im Gespräch mit unserer Mitarbeiterin Daniela Mengel-Driefert schildert Guido Golla sein Interesse an dem Fall, gibt Einblicke in die Lebensumstände der Rosemarie Nitribitt und der „Adenauer-Republik“.

Der ungeklärte Tod Rosemarie Nitribitts erschütterte das damals junge Westdeutschland. Was fasziniert Sie an dem Fall, dass Sie ihn heute noch einmal aufgreifen?

Dr. Guido Golla: Das Zusammentreffen mit Rosemarie Nitibitt war eher zufälliger Natur. Bei einem meiner zahlreichen,beruflich bedingten Aufenthalte in Frankfurt begann ich mich für die Geschichte von Rosemarie Nitribitt und den ungeklärten Mord zu interessieren.

 

 

Hierbei hat von Anfang an ein gewisser Reiz darin bestanden, doch etwas mehr Licht in die Umstände des Mordfalls zu bringen, um den sich ja zahlreiche Theorien ranken. Sicherlich auch aus einer Art „Problemlösungsoptimismus“ heraus, einer beruflichen Eigenart meinerseits.

Rosemare Nitribitt ist in der Eifel aufgewachsen?

Golla: Rosemarie Nitribitt ist bei einer Pflegefamilie in Mendig (Eifel) aufgewachsen. Später hat Nitribitt- noch minderjährig - einige Monate in der Arbeitsanstalt Brauweiler verbracht, nachdem sie Anfang April 1952 von der Polizei in Frankfurt aufgegriffen wurde. Sie führte 1000 DM in bar mit sich, was nach heutigen Maßstäben etwa 6.500 Euro entspricht. Sie wird zunächst in das Erziehungsheim „Kloster Maria Trost“ nach Koblenz überstellt, dann in die Arbeitsanstalt Brauweiler, wo sie eine Einzelzelle bezieht.In den ersten zwei Monaten verbringt sie gemäß der Hausordnung des Frauenheims neun Stunden pro Werktag in der Tütenkleberei. Später arbeitet sie in der Weberei. Am 15. April 1953 wird sie entlassen.

In ihrem Buch schreiben Sie, dass Nitribitts kognitive Leistungsfähigkeit zeitweise in Frage gestellt wurde.

Golla: Man kann sicherlich behaupen, dass Nitribitt aufgrund einer kurzen schulischen Karriee nicht besonders gebildet gewesen ist. Man wird aber nicht so weit gehen können, ihr kognitive Defizite zu unterstellen. Gegen eine solche Deutung sprechen sowohl ihre durchschnittlichen Leistungen während der Grundschulzeit in Mendig, zumindest bis zu ihrer Vergewaltigung, wie auch die spätere, mit Nachdruck betriebene kluge Inszenierung ihrer Person, wobei neben dem gepflegten äußeren Auftritt Nitribitts, wohl ihr Mercedes 190 SL den nachhaltigsten Eindruck hinterlassen hat.

In ihrem Buch taucht der Begriff „Bonner-Adenauer-Moral“ auf. Was ist darunter zu verstehen und in welchem Zusammenhang steht er zu dem Fall rund um Rosemarie Nitribitt?

Golla: Frauen wurden in den 1950er Jahren der Adenauer-Republik im Zuge des Wiederaufbaus und der Konsolidierung eines Wirtschaftswunders zunehmend auf ihre traditionellen Rollen zurückgeführt. Sexuelle Freizügigkeit gehörte nicht zum Rollenbild, wie die zahlreichen Sittenskandale in den 1950er Jahren belegen. Der rasche finanzielle Erfolg Nitribitts deutet zumindest an, dass sich die Bedürfnisse der männlichen Klientel in einer Zeit, in der die „gewohnheitsmäßige“ oder „eigennützige Gewährung oder Verschaffung von Gelegenheiten zur Unzucht“ beziehungsweise zu außerehelichem Geschlechtsverkehr oder „beischlafähnlichen Handlungen“ (so genannter Kupplerparagraph) mit Zuchthaus bestraft wurden, durchaus von den propagierten Moralvorstellungen unterschieden haben müssen.

Was überraschte Sie in Ihrer Recherche und warum sollten Interessierte das Buch lesen?

Golla: Überraschend war vor allem, wie allein die Faszination, dass der Täter Nitribitts unbedingt in der Hautevolee der 50er Jahre zu suchen sei, den Blick für die Fakten versperrt hat. Die einschlägigen Akten und Unterlagen lassen zwar in ihrer Interpretation und Auslegung des Tatablaufs gewisse Freiräume zu, allerdings wird man, so banal es am Ende ist, sämtliche Verschwörungstheorien als nicht mit den Fakten und logischen Schlussfolgerungen vereinbar zurückweisen müssen. Besonders faszinierend ist, wie sich aus dem am Anfang unüberschaubar vielen Puzzleteilen am Ende ein recht geschlossenes Bild des Tagesablaufs am 29. Oktober 1957 zusammensetzen lässt. Wobei wiederum das Auto Nitribitts eine wichtige Rolle spielt. Interessant auch deshalb, weil man die nähere Umgebung des Tatorts wie auch das Appartementhaus, in dem Nitribitt getötet wurde, heute noch besichtigen kann. Mit etwas Glück ist im Sommer die Tür zum Hausflur geöffnet...

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert