Roermond erinnert an Blutjustiz und Massenhinrichtung vor 400 Jahren

Von: gep
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Roermond/Jülich. Vor 400 Jahren wurden in Roermond 64 Hexen lebendig verbrannt und ein Arzt aus dem Herzogtum Jülich: Jan van Ool. Er war ebenfalls wegen „Zauberei“ zum Tode verurteilt hatten.

1613 war das Jahr einer grauenvollen Blutjustiz in der gegenreformatorischen Stadt, die gerade zur Bischofsstadt erhoben worden war und zum katholischen Spanien gehörte. Gepägt war die Zeit durch eine witterungsbedingte Ernährungskrise und religiöse Konflikte. Einen Monat lang brannten die Scheiterhaufen an der Rur. „Zy gherecht zyn alle daghen twee, beginnende den 24 September 1613 tot noch toe“, heißt es in der Flugschrift, in der die kommunale Obrigkeit Rechenschaft über ihr „gottgefälliges Werk“ ablegte.

Unter der Folter hatte Meister Jan van Ool gestanden, in 16 Jahren 150 Patienten verhext zu haben, so dass sie starben. Seine Frau habe er überreden wollen, auch einen Pakt mit dem Teufel zu schließen. Als diese sich weigerte, habe er sie in Stücke gehackt und in einen Brunnen geworfen. Meister van Ool „wert ondersocht, gedreycht met pynigen, heeft veel quaets bekent“, heißt es in der Flugschrift. Jan van Ool hatte 41 Frauen wegen Hexerei belastet. Diese gestanden dann, mit ihrem Zauber Kinder getötet sowie im Auftrag des Teufels Erwachsene, darunter auch die eigenen Eltern und Geschwister, zum Krüppel oder zu chronisch Kranken gemacht zu haben.

Unter dem Strich wurden die 64 Hexen und Jan van Ool für schuldig befunden, 600 unschuldige Kinder, 400 Erwachsene, 6000 Tiere, 50 Morgen Land und 200 Obstgärten verzaubert zu haben, so die niederländische Forscherin Lène Dresen-Coenders. Ausgelöst wurde der Verfolgungswahn durch harmlose Zaubertricks der zwölfjährigen Tochter der Hebamme Trijntje aus Sittard auf den Straßen von Roermond. Pfarrer in Sittard, das damals zum Herzogtum Jülich gehörte, war Franciscus Agricola (1545/50 - 1621), der eine Streitschrift gegen die Zauberei – „Gründtlicher Bericht ob Zauberey die argste und grewlichste Sünd auff Erden sey“ – verfasst hatte und diese seinem Landesherrn Johann Wilhelm von Jülich gewidmet hatte. Der streitbare Geistliche forderte den Feuertod für Hexen, denn nur durch diesen könnten sie den diabolischen Mächten entrissen werden. In Roermond folgte man dem Pfarrer.

Agricola, wahrscheinlich bäuerlicher Herkunft, wurde in Lohn geboren. Er besuchte das Jesuiten-Gymnasium in Köln, studierte Theologie in Löwen und wurde im Bistum Lüttich zum Priester geweiht. Seinen Landesherrn verdankte er wohl um 1570 seine erste Pfarrstelle in Rödingen, 1582 trat er seinen Dienst in Sittard an.

Der ehemalige Bischof und später dem Wahnsinn verfallene Johann Wilhelm regierte das Herzogtum von 1592 bis 1609, ohne Erben zu hinterlassen. In seinem Wahn glaube er zwar, von Hexen verfolgt zu werden, doch übte er eine relativ liberale Herrschaft aus. Nachfolger Wolfgang Wilhelm von Pfalz-Neuburg, ein Lutheraner-Sohn und ab 1609 Herzog von Jülich, trat 1613 auch aus Staatsräson zum Katholizismus über.

Auch im Herzogtum Jülich-Kleve-Berg wurden Frauen wegen Hexerei verurteilt. Es gab zwei Verfolgungswellen – von 1490 bis 1540 besonders in Bergheim, Düren, Grevenbroich und Heinsberg sowie von 1580 bis 1640. Überschätzt wird, so der Stand der Forschung, die Rolle des humanistischen Mediziners Johann Weyer, der von 1550 bis 1578 Leibarzt des Herzogs Wilhelm V., genannt der Reiche, in der Düsseldorfer Hauptresidenz war. Dr. Weyer hatte in „De praestigiis daemonum“ (Von den Blendwerken der Dämonen) von 1563 die Verfolgung von Hexen kritisiert, denn deren Selbstbezichtigungen seien sehr fragwürdig. Während der zweiten Verfolgungswelle gab es auch im Herzogtum Jülich „Massenprozesse“ so der Historiker Thomas P. Becker. Die treibenden Kräfte fanden sich aber nicht „in den Amtsstuben der Zentralregierungen, sondern in den Wirtshäusern und Gerichtsräumen der kleinen Döfer“.

Ein Beispiel ist die Jülicherin Grete Bogen. Sie wurde 1606 von Bürgern, angestiftet von einem auswärtigen „Pastor“, totgeprügelt und in die Rur geworfen.

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