Rituelles Schreiben erfolgt nach strengen Vorgaben

Von: ptj
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Groß ist das Interesse am Vortrag von Referentin Dr. Annett Martini (l.) über „das Schreiben der heiligen Schriftrollen im Judentum“. Mittig in der Rückansicht ist Moderator Dr. Alexander Schmalz abgebildet. Foto: Jagodzinska

Rödingen. Welch große Bedeutung das rituelle handgeschriebene Kopieren der heiligen Schriften sowie das geschriebene Gotteswort im jüdischen Denken haben, vermag kaum ein Nicht-Jude zu erahnen.

Einen detaillierten Einblick vermittelte unlängst die Judaistin und vergleichende Religionswissenschaftlerin Dr. Annett Martini aus Berlin interessierten Gästen im voll besetzten LVR-Kulturhaus Landsynagoge.

Der Text der Heiligen Schrift markiert die geistige Grenze des jüdischen Volkes, deshalb ist seine unveränderte Weitergabe gerade für das Diasporajudentum wichtigste Aufgabe. Eine besondere Bedeutung nimmt dabei die Gesetzesrolle „Sefer Tora“ ein, die ausschließlich die fünf Bücher Mose beinhaltet und zentraler Kultgegenstand im synagogalen Gottesdienst ist.

Aus Pergament genäht

Die Tora besteht aus etwa 40 zusammengenähten Pergamentbögen, die beidseitig auf mit Griffen und Holzscheiben versehenen Holzstangen aufgerollt sind. An Festtagen wird sie in feierlichem Ritual aus dem Toraschrein herausgenommen und zum „Bima“ (Lesepult) getragen. Dort empfangen sie der „Kore“ (Vorleser), der „Chazan“ (Vorsänger) und der Rabbiner, um den entsprechenden Wochenabschnitt in einer Art Sprechgesang vorzutragen.

Besondere Bedeutung haben die Texte „Schma Jisrael“ (Höre Israel), das Moseslied am Ende vom Deuteronomium und das Schilfmeerlied des Mose. Die handgeschriebene Torarolle ist nicht vokalisiert, also reiner Kosonantentext, ohne Satzzeichen oder Akzente. „Mein Sohn, sei vorsichtig bei deiner Arbeit, denn sie ist Arbeit des Himmels; wenn du nur einen Buchstaben auslässt oder einen Buchstaben zu viel schreibst, zerstörst du die ganze Welt“.

Dieser Auszug aus dem Babylonischen Talmud, die Worte, die „Rabbi Jischmael“ zu einem Tora-schreiber sagt, vermitteln einen Eindruck von der Strenge des rituellen Schreibens und von der Anforderungen an den „Sofer STaM“, den Toraschreiber. „Sofer“ bedeutet einfach Schreiber, das Akronym „StaM“ setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der Begriffe „Sefer Tora“, „Tefillin“ und „Mezuzah“ zusammen. Denn gleichermaßen hoch sind die Anforderungen für die Herstellung der kleinen Schriftrollen in den „Tefillin“ (Gebetsriemen) und „Mesusot“, das sind Kapseln mit Bibelversen an den Türrahmen.

Möglichst identische Kopie

Als „wesenhaften Kern“ betonte die Referentin „das Bedürfnis nach Konservierung einer möglichst identischen Kopie der Tempelrolle“, nach Zerstörung des Tempels in Jerusalem 70 n. Chr. durch die Römer. Beim Schreiben der Torarolle gilt zunächst die „strenge Reinheitsvorschrift des Materials“.

Mit schwarzer Tinte als „Träger der göttlichen Weisheit“ schreibt der „Sefer STaM“ mit seiner „Kulmus“ (Feder) auf speziellen Tierhäuten. Seine Vorlage muss „mehrfach geprüft“ sein und er muss vor dem Schreiben jeden einzelnen Buchstaben laut aussprechen.

Er benutzt die asyrische Quadratschrift, die auf dem aramäischen Alphabet basiert und „beinahe Druckcharakter hat. Jedes kleinste Strichlein und dessen Neigung ist genau vorgeschrieben“. Hintergrund sei, dass die Buchstabenkörper „als Erinnerungszeichen und mystische Sinnbilder dienen“. Der hebräische Buchstabe „Aleph“ (A) etwa sieht aus wie ein „aufrecht stehender Mensch, der mit erhobener Hand die Wahrheit Gottes bezeugt“.

Weil besondere „Scheu und Ehrfurcht“ beim Schreiben des Gottesnamens bestehen, dürfen bestimmte Gottesbezeichnungen wie „Adonai“ oder „Zeba‘ot“ „nicht ausradiert, sondern müssen herausgeschnitten werden“.

Was die inneren Werte des männlichen Toraschreibers betrifft, so wurde ein frommer und untadeliger Idealtypus mit asketischem Lebenswandel entworfen, „der heilig bleibt in Gedanken und Tat“. Die von einem solchen „Sefer STaM“ geschriebenen Torarollen seien eine „Kostbarkeit für hohe Feiertage“. Überhaupt sei eine „in Reinheit geschriebene Tora das beste Geschenk, das man Gott bereiten kann“. Im Verständnis frommer Juden „ist die Tora ein Fenster zur göttlichen Welt und wird als Vertreter Gottes im Ritual verehrt“. In liberaleren Kreisen gäbe es „erfreulicherweise“ auch Frauen, die Torarollen schreiben, diese müssen aber als solche gekennzeichnet sein...

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