Rödingen - Ritualmorde und Hostienfrevel: Vortrag über Judenverfolgung

Ritualmorde und Hostienfrevel: Vortrag über Judenverfolgung

Von: ptj
Letzte Aktualisierung:
Publikum interessiert sich fÀ
Publikum interessiert sich für „harte Kost”: Referentin ist Volkskundlerin Dr. Dagmar Hänel. Foto: Jagodzinska

Rödingen. Das Vortragsthema „Haben das allerhailigst sacrament vilfeltiglich gestochen...” zu Ritualmorden- und Hostienfrevel-Legenden des späten Mittelalters und ihren Folgen erwies sich als harte Kost. Trotzdem oder gerade deshalb war die ehemalige Synagoge im LVR-Kulturhaus überfüllt.

Referentin war Volkskundlerin Dr. Dagmar Hänel, Leiterin des Instituts für Landeskunde und Regionalgeschichte in Bonn. Das zur christlichen Passionszeit passende Thema hatte auch einen lokalen Hintergrund: In Rödingen wurden 1287 acht Juden erschlagen.

Bei der Recherche war Judaistin Monika Grübel auf dieses Themenfeld gestoßen. Hostienfrevel und Ritualmord waren laut Hänel zwei Facetten antijüdischer Propaganda in Mitteleuropa seit dem Dogma der Transsubstantationslehre 1215, nach der die Hostie der geweihte Leib Christi ist. So wiederholt sich im Missbrauch der geweihten Hostie die Kreuzigung.

Ein berühmtes Beispiel ist eine Legende aus 1337 in Deggendorf. Dort sollen Juden von einer Magd geweihte Hostien gekauft haben. Diese blieben trotz Marterung, Verbrennung und dem Versuch des Essens unzerstörbar, das Bildnis eines Kindes erschien auf ihr. Erst in siedendem Wasser sollen sie sich in Fleisch und Blut verwandelt haben.

Hierbei spielt die Symbolik ebenfalls eine große Rolle. So verweist etwa die Verbrennung nicht nur auf die Todesstrafe als „spiegelnde Strafe”, die eine solche Freveltat zur Folge hatte, sondern auch darauf, dass ein Verbrennungsopfer nicht auferstehen würde. Die Folgen solcher Legenden waren einerseits stets blutige Judenpogrome, in denen die als „Ketzer” und „Gottesmörder” Beschuldigten angegriffen, vertrieben und getötet worden. Gleichzeitig waren sie Auslöser für Verehrungskulte und Wallfahrten, die bis ins Ende des 20. Jahrhunderts hineinreichten.

In Deggendorf entstand 1339 die Heilig-Grab-Kirche mit den Patrozinien „Leib Christi” und „Petrus und Paulus”, wohin die Wallfahrt zur „Deggendorfer Gnad” mit vollkommenem Ablass für die Gläubigen bis 1990 praktiziert wurde. Die Beschuldigung des Hostienfrevels führte in Deggendorf zu Vernichtung der ansässigen Juden. Im Ritualmord finden sich ebenfalls die Begriffe Opfer, Unschuld und Blut wieder. Hier soll, immer in der Osterzeit, ein unschuldiges Kind entführt oder gekauft worden sein, an dem Jesu Martyrium nachgeahmt worden sei. Das „gewonnene” Blut sollen die Juden ihrerseits für rituelle Zwecke gebraucht haben.

Der „Blutdurstvorwurf” sei besonders abstrus, da die strengen jüdischen Nahrungsregeln auf dem Ausschluss von Blut beruhen. Der „Schuldbeweis” wurde schließlich durch Wunder der Opfer erbracht, durch die sie den Status der Heiligkeit erlangten. Durch mediale Verbreitung setzte sich der Verehrungskult der Opfer wie Werner von Oberwesel (getötet 1287) oder Simon von Trient (1475) sehr schnell durch.

Hierzu präsentierte die Referentin eine Reihe von Ikonographien mit ganz bestimmtem Darstellungstypus aus der Passionszeit. Aus der vorgeblich religiösen wurde in der Nazizeit eine rassisch-rassistische Motivation. Noch heute tauchen auf Neonaziseiten im Internet solcherlei Themen in abgewandelter Form auf.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert