Reizthema Fracking: Warnung vor dem „Schwemmgas”

Von: ptj
Letzte Aktualisierung:
„Bürgerinitiativen bilden un
„Bürgerinitiativen bilden und vernetzen”: MdB Ingrid Remmers informiert über „Fracking” im gut besuchten AWO-Heim. Foto: Jagodzinska

Jülich. „Fracking kann man nicht regeln, man muss es verbieten”, forderte Ingrid Remmers, Bundestagsabgeordnete der Linken, die im AWO-Heim Jülich zu diesem Thema referierte. Was ist Fracking überhaupt? Es steht für „hydraulic fracturing”, eine Tiefbohrtechnik zur Förderung von Erdgas in „unkonventionellen Lagerstätten” rund zwei Kilometer unter der Erde.

Hier ist das Gasvorkommen „in vielen kleinen Flecken” nur wenig durchlässig und kann nicht frei wandern. Um es zu fördern, wird ein Gemisch aus Wasser, Chemikalien und Quarzsand mit 5000 Bar in den Boden gepresst, um die Gesteinsschichten aufzusprengen. Für eine Förderbohrung mit sechs horizontal abgelenkten Bohrsträngen werden bis zu 174.000 Kubikmeter Wasser gebraucht.

„Mit so viel Wasser wäre ganz Jülich einen halben Monat lang versorgt”, warf Hugo Friedel ein, ehemaliger Geschäftsführer der Stadtwerke Jülich, der sich engagiert und mit viel Fachwissen in die Infoveranstaltung einbrachte.

Neben der riesigen Wassermenge bedarf es ferner 600 verschiedener Chemikalien, die Kontakt zu Trinkwasser führenden Schichten haben. 17 von ihnen sind toxisch für aquatische Organismen und 38 akut toxisch für die menschliche (und tierische) Gesundheit. Acht Chemikalien sind Krebs erzeugend, sechs enthalten Verdachtssubstanzen, sieben sind mutagen (Erbgut verändernd), und fünf wirken sich auf die Zeugungsfähigkeit aus. Nur neun von 35 Prozent der hinein gepumpten Flüssigkeitsmenge kommen wieder aus der Erde. Zusätzlich gelangen Schwermetalle, Quecksilber, Blei, Arsen, radioaktive und organische Verbindungen, Radium, Thorum, Uran, flüchtige und halbflüchtige Kohlenwasserstoffe ins „Abwasser”.

Obwohl Erdgas einen vergleichsweise sauberen Ruf hat, sei Fracking laut Studie selbst im Vergleich mit Kohle- und Erdölförderung klimaschädlicher, weil es die Treibhausgasemissionen durch viele und aufwändige Bohrungen erhöht. Um die russischen Gasimporte um ein Prozent zu senken, sei eine Gasförderung von 900 Millionen Kubikmetern nötig. Das entspräche rund 200 Förderstellen, zwei bis vier Millionen Kubikmeter Wasser und 10 bis 40 Millionen Liter Chemikalien im Jahr.

Doch die Förderraten einer Bohrung sinken nach einem Jahr bereits um 30 bis 70 Prozent, deshalb sprach Remmers von einem „Schneeballsystem”. Nicht zu vergessen sei eine Erdbebentätigkeit von 1,3 auf der Richterskala - bei jeder Bohrung. Förderer dieser Methode sind die Firmen Wintershall und Exxon Mobil, die Förderung unterliegt dem Bergrecht.

In Frankreich und Bulgarien ist das Fracking bereits verboten. In Niedersachsen wurden durch schadhafte Rohrleitungen Ackerflächen mit Benzol und Quecksilber kontaminiert, trotz vorheriger Umweltverträglichkeitsprüfung im Genehmigungsverfahren. In den USA hat es bereits Methangasexplosionen gegeben.

Dieses Thema ist gerade im Nordkreis interessant. Wie eine Karte beweist, sind 18.000 Quadratkilometer in NRW bereits geclaimt, also ungefähr die Hälfte. Die Claims verteilt die Bezirksregierung. Verstärkte Bürgerproteste setzten einen Dialogprozess und ein Erdgas-Moratorium in NRW in Gang, dieser Stopp endet allerdings im Sommer. Exxon Mobil gehe laut Referentin auf „Werbetour, wie ungefährlich das Ganze doch ist”, Großveranstaltungen für Berliner Politiker inklusive. Hugo Friedel schlug die Hände über dem Kopf zusammen: „Schon Probebohrungen sind eine Katastrophe für Jülichs einzigartiges Wasser!” Wenn das Thema im Bundesrecht durchgehe, „ist nichts mehr zu machen”, warnte die Politikerin.

Die zahlreichen engagierten Zuhörer, keineswegs nur Linke, bombardierten Remmers mit Fragen. Folgende Tipps wurden im Anschluss gemeinsam erarbeitet: Der erste empfohlene Schritt ist eine Anfrage im Stadtrat. „In jeder Gemeinde brauchen wir Bürgerinitiativen, die sich am besten vernetzen”, und als unabhängige Großgruppe den Abgeordneten in ihren Wahlbüros „auf die Füße treten”.

Ein „subtiles Mittel” sei die Beantragung einer namentlichen Abstimmung und eine öffentliche Petition, die 50.000 Unterschriften in vier Wochen erfordere. So gelange das Thema in die öffentlichen Ausschusssitzungen, also auch in die Presse.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert