Reihe „Zeitzeugen“: Das Kind, das die NS-Verfolgung überlebte

Von: ptj
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Zeitzeugin Hannelore Göttling-Jakoby (2.v.r.) berichtet in der überfüllten ehemaligen Synagoge, wie sie als „Geltungsjüdin“, als Kind aus einer Mischehe, die NS-Zeit überlebte. Rechts im Bild ist Moderatorin Dr. Ursula Reuter zu sehen. Foto: Jagodzinska

Rödingen. „Skepsis bestand immer, und Skepsis besteht auch bei mir heute noch, nicht bei der jüngeren, aber bei der älteren Generation.“ Das betonte Hannelore Göttling-Jakoby, derzeit wohnhaft in Hamburg, die als jüdisch-katholisches Kind die NS-Verfolgung überlebte.

Denn sie weiß, dass mit der Befreiung 1945 „die (braune) Gesinnung nicht weggewischt war“.

Anlass war das sechste Gespräch in der Reihe „Zeitzeugen“ im LVR-Kulturhaus Landsynagoge, moderiert von der Historikerin und Judaistin Dr. Ursula Reuter. Erneut war die ehemalige Synagoge einschließlich Frauenempore überfüllt, dermaßen groß scheint das Interesse an Zeitzeugengesprächen zu sein, auch bei jüngeren Leuten.

Untermauert von einigen, in eine Powerpoint-Präsentation eingebetteten Original-Dokumenten, erzählte die 1933 in Köln geborene Hannelore Göttling-Jakoby ihre Geschichte. Diese ist geprägt von einem Wechselbad der Gefühle, von Anfeindungen, Ausbombungen, Verlusten und etlichen Wohnungswechseln, aber auch von einem „Netz an Unterstützern“, ohne das sie „hier nicht mehr sitzen würde“.

Dass ihre katholische Mutter, im Übrigen eine „Kämpfernatur“, 1932 ihren jüdischen Vater heiratete, nahm ihr die Familie so übel, dass sie mit ihr brach. Glücklicherweise brachte die Mutter aber schon ein Mietshaus als Besitz mit in die Ehe, sonst hätte die Arierin nicht den Gestapomann Engels immer wieder bestechen können, um zu erfahren, „was als nächste Aktion gegen die Juden geplant war“. Weil die Großmutter Wert darauf legte, wurde Hannelore als Jüdin erzogen.

Rechtlich galt die Tochter aus einer Mischehe sowieso als Jüdin, sie war eine sogenannte „Geltungsjüdin“. Hannelore besaß praktischerweise zwei Geburtsurkunden, eine mit dem Namens-Zusatz „Sarah“. Als sie einen festgenähten Judenstern hätte tragen müssen, heftete ihr die Mutter das Erkennungszeichen nur von innen an den Kragen. Je nach Notwendigkeit klappte das Mädchen dann den Kragen einfach um.

Ihr jüdischer Vater wurde 1938 verhaftet, kam zunächst in die Arbeitsanstalt Brauweiler, dann ins KZ Dachau und kehrte später gebrochen zurück. Hannelore besuchte von 1940 bis 1942 die jüdische Volksschule in Köln, dort konnte sie erstmals mit Kindern spielen und Freundschaften schließen. Denn zuvor in Hennef wollte kein Kind etwas mit ihr zu tun haben. Sie überlebte als Einzige aus ihrer Klasse. Unter den Dokumenten befand sich auch eine Postkarte von ihrer Mitschülerin Inge Stern aus Theresienstadt.

Nach diversen Wohnungswechseln wurde die Familie auch in ein „Judenhaus“ eingewiesen. Um sie zu schützen, ließen die Eltern Hannelore taufen und 1943 zur Heiligen Kommunion gehen, obwohl das „rechtlich nicht half“. Sie ging also „einerseits zur jüdischen Schule und wurde gleichzeitig ganz offiziell katholisch“.

Der katholische Religionsunterricht gefiel ihr, vor allem die Wundertaten Jesu, „das hatten die Juden nicht“. Mit christlichem Antisemitismus wurde sie erst nach ihrer ersten Ausbombung konfrontiert.

Als schlimmstes Erlebnis schilderte die Zeitzeugin die Deportation ihrer geliebten Tante Hilde nach Riga und die stumme Frage der beiden: „Sehen wir uns je wieder?“

Aus ihrer großen Familie überlebte letztendlich nur ihr Cousin Günter diverse Lager. „Tante Malchen“ kam nur deshalb aus Theresienstadt zurück, weil sie zu krank war, um deportiert zu werden.

Nach dem Krieg begegnete die Überlebende natürlich denselben Menschen wie vorher. „Es war normal, dass man nicht mehr darüber spricht.“ Wie sie damit zurecht gekommen sei, lautete eine Frage aus dem Publikum. „Schlecht“, antwortete die Zeitzeugin. Ob sie nie daran gedacht habe auszuwandern? „Wohin denn? Ich war im eigenen Land fremd und wäre auch in einem anderen Land fremd gewesen.“

Weil Göttling-Jakoby „immer bedrängt wurde, etwas über die NS-Zeit zu schreiben“, startete sie „als Ausweg“ mit der Genealogie ihrer Familie. „Das lag so weit zurück und tat mir nicht mehr so weh.“ Hat sie nun ihre Lebensgeschicht zu Papier gebracht? „Ich habe etwas zu Papier gebracht, aber das müsste schwer überarbeitet werden“.

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