Rehkitz Bee springt dem Tod von der Schippe

Von: Niklas Zehbe
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Spielen, Kuscheln und die Welt entdecken: So sieht der Alltag von Rehkitz Bee heute aus. In den ersten Tagen nach ihrer Geburt hatte Bee eigentlich keine Chance, zu überleben. Heute wiegt sie 14 Kilo und ist kerngesund. Foto: Guido Jansen
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Ersatzmutter: Kerstin Martensen betreut Bee seit gut dreieinhalb Monaten. Foto: Niklas Zehbe

Barmen. Eigentlich hatte Bee keine Chance auf Leben. Als die Polizei das neugeborene Rehkitz am frühen Morgen des 31. Mai an einem Gleisbett bei Stolberg fand, hätten die Beamten das Tier erschießen müssen. Der Jagdpächter gab Bee keine Chance, so lange zu überleben, bis die Tierarztpraxen öffnen.

Das Neugeborene war viel zu schwach, um aufzustehen, die Mutter zeigte sich nicht, obwohl Bees Finder zuerst abwarteten. Überlebt hat Bee, weil die junge Polizistin, die sie hätte töten sollen, stattdessen ihre gute Bekannte Kerstin Martensen angerufen hat.

Heute springt Bee vergnügt durch Martensens Garten in Barmen. Das hat die Aachener Polizei jetzt mitgeteilt. Bis dahin musste die kleine Ricke aber zuerst um ihr Überleben kämpfen. „Sie konnte weder ihren Kopf hochhalten noch laufen“, erinnert sich Kerstin Martensen. „Jeden Morgen, wenn ich nach ihr geschaut habe, dachte ich: Jetzt ist sie tot.“ Das kann Martensen heute mit einem Lächeln auf den Lippen berichten. Dass Bee den Garten mittlerweile grundlegend neu gestaltet hat, stört ihre Ersatzmutter nicht.

Als Fachkraft für tiergestützte Therapie hat die 51-Jährige Erfahrung mit Tieren: Unter anderem Hühner, Bartagamen und Frettchen leben auf ihrem Grundstück in Jülich-Barmen. Vor etwa 15 Jahren hat sie mit einer Freundin den Verein „Tiere als therapeutische Begleiter“ gegründet. Seitdem besucht sie Förderschüler, Gefängnisinsassen und demnächst eventuell auch eine Wachkomapatientin. Gegenüber Tieren hätten Menschen weniger Berührungsängste: „Tiere können eine heilsame Wirkung haben. Einem Junge, der zwei Jahre nicht gesprochen hatte, hat eine unserer Bartagamen dazu verholfen, wieder zu reden.“

So schwer wie ein Meerschwein

Die Aufzucht des Rehkitzes, das sie auf den Namen Bee getauft hat, ist aber selbst für sie etwas Neues. Nur 1100 Gramm – ungefähr so viel wie ein ausgewachsenes Meerschweinchen – wog das Tier, als Martensen es aufnahm. Das liegt knapp unter dem Normalgewicht eines neugeborenen Rehkitzes.

Anfangs musste also dringend Erstmilch her – am besten von Ziegen oder Lämmern –, ohne die das Rehkitz nicht überlebt hätte. „Ich musste ihr dann alle drei Stunden die Flasche geben. Zu dieser Zeit war ich mit den Kräften am Ende, weil Bee von keinem anderen die Flasche nahm“, sagt Martensen. 39,5°C muss die Milch haben, sonst kann das Rehkitz Koliken bekommen.

Auch beim Fressen ist Bee wählerisch: Erde von Maulwürfen, Pellets für Schafe und ein spezielles Aufzug-Müsli für Rehe stehen auf dem Speiseplan. Einige Blumen, zum Beispiel Flieder, sind hingegen giftig und mussten aus dem Garten der vierköpfigen Familie entfernt werden. Einen Großteil dieser Informationen holt Martensen sich bei der Deutschen Rehkitzhilfe. Auch ihr Mann Andreas Böker und ihre beiden Söhne Tim und Jann unterstützen sie und fahren beispielsweise nach Müntz, um Ziegenmilch zu kaufen. „Es ist bekannt, dass meine Frau tierlieb ist und da ist es selbstverständlich, dass wir ihr helfen“, sagt Andreas Böker.

Nach der pflegeintensiven Anfangszeit war sich Martensen sicher, dass Bee überleben würde: „Als sie anfing zu laufen, da wusste ich, dass sie es schafft.“ Heute – knapp dreieinhalb Monate später – geht es Bee sichtlich besser. Gesunde 14 Kilogramm bringt sie auf die Waage. Im Garten spielt das Rehkitz mit den Hühnern, Kaninchen und Katzen der Familie und springt über niedrige Zäune und Liegestühle.

Die positive Entwicklung bedeutet aber auch, dass ihre Pflegemutter bald Abschied nehmen muss von Bee. Noch wenige Monate bekommt sie die Flasche, im Frühjahr wird Martensen sich von ihr trennen müssen. Wo es dann für Bee hingeht, weiß sie noch nicht.

Das Rehkitz wieder in die Wildnis zu lassen, sei keine Option: „In einer Herde würde sie jetzt keinen Platz mehr finden. Es gibt aber Einrichtungen, in denen vom Menschen aufgezogene Rehe versorgt werden.“ Bis dahin haben Bee und ihre Ersatzmama aber noch viele pflegeintensive und verschmuste Stunden vor sich.

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