Regionalhistoriker Ralf-Peter Fuchs über Herzog Wilhelm V.

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Prof. Ralf-Peter Fuchs ist Regionalhistoriker und kennt sich bestens mit dem mächtigsten Jülicher Herrscher aus: Herzog Wilhelm V..
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Geharnischtes Brustbild von Herzog Wilhelm V. aus dem Jahr 1566. Foto: Museum Zitadelle

Jülich/Essen. In diesem Jahr jährt sich der Geburtstag von Herzog Wilhelm V. zum 500. Mal. Wilhelm ragt aus der Linie der Jülicher Herrscher nicht nur deshalb heraus, weil er der mächtigste seiner Linie war.

„In einer Zeit, in der andere Herrscher die Angehörigen der anderen christlichen Glaubensrichtung als Ketzer hinrichten ließen, war Wilhelm ein ungewöhnlich duldsamer Herrscher“, sagt der Historiker Prof. Ralf-Peter Fuchs im Gespräch mit Guido Jansen. Am Mittwoch hält Fuchs in Jülich einen Vortrag.

Kriegen Sie Wilhelms kompletten Titel auf Anhieb zusammen?

Fuchs: Das ist nicht so einfach. Wilhelm, Herzog von Jülich, Berg und Kleve, Graf von der Mark und Ravensberg, Herr zu Ravenstein. Da mag es noch einige andere Herrschaftsrechte gegeben haben.

Und wie hat ein Untertan ihn angesprochen, wenn er vor ihm stand und um etwas gebeten hat?

Fuchs: Ihre Durchlaucht, in untertänigster Erwartung.....“

In Aachen gibt es einen großen Kult um Karl den Großen. Wäre ein solcher Kult für Wilhelm V. in Jülich nicht auch gerechtfertig? Oder anders gefragt: War Wilhelm V mehr als ein normaler Herzog seiner Zeit?

Fuchs: Wilhelm war ein Herzog in einer Zeit des Umbruchs, des Religionsstreits nach der Reformation. Er hat da immer versucht, eine vermittelnde Position einzunehmen und die Wogen zu glätten. Das war für einen katholischen Herrscher damals nicht selbstverständlich, da hat er sich von vielen anderen unterschieden. Er war nicht der mächtigste Mann seiner Zeit, aber er gehörte zu den wichtigsten Herrschern.

Vom heutigen Rheinland-Pfalz bis tief ins heutige Niedersachsen mit einer Fläche, die so groß ist wie NRW: War das Herzogtum damals zu groß? Schließlich ist es nach Wilhelm V. sehr schnell zerfallen.

Fuchs: Heute weiß man, dass der Anspruch der damaligen Zeit nicht zu verwirklichen war, jedes kleine Dörflein zu kontrollieren. Es gab einen Apparat, der die Verbindung zwischen der Obrigkeit und den Dörfern herstellen sollte. Wilhelm war Herrscher über mehrere Territorien. Jülich, Kleve, Berg, Mark und so weiter. Die hatten alle ihre Regierungsräte. Wenn die getagt haben, war der Herzog zuweilen dabei. Darunter gab es die Ebene der Amtmänner, der sogenannten Drosten. Das waren oft Adlige, die auf einer Burg gelebt haben und deren Familie das Amt mehrere Generationen ausgefüllt hat. Beispielsweise in Nörvenich, Neuenahr oder Mettmann.

Wie war Wilhelm als Herrscher zu seinen Untertanen? War er ein Tyrann oder sehr umgänglich?

Fuchs: Er hatte als Herrscher seiner Zeit beachtlich viel Verständnis für seine Untertanen. Heute würde man von einem echten Landesvater sprechen. Für ihn war es wichtig, Schaden von den Menschen in seinem Herzogtum abzuwenden, er hatte das Gemeinwohl im Sinn. Natürlich gab es Streit. Wie jeder andere Herrscher wollte er seine Steuern haben, es gab Streitigkeiten mit den Ständen. Aber es gab eben auch andere Herrscher. Kaiser Karl V war beispielsweise sehr rigoros in Sachen Religion. Menschen, die er für Ketzer hielt, ließ er hinrichten. Wilhelm war auch katholisch, hat aber zugelassen, dass man das Abendmahl auf beide Weisen ausführt. Duldsam, das trifft seine Art.

Was weiß man über ihn als Menschen? War er aufbrausend, träge, dynamisch oder schüchtern?

Fuchs: Es gibt wenige Selbstzeugnisse. Aber immerhin einige Briefe seiner Kanzlei, die ihn beschreiben. Er war duldsam, sehr gebildet. Überhaupt war ihm das Thema Bildung wichtig. Er hat mehrere humanistisch gebildete Lehrer an seinen Hof geholt. In den 1560er Jahren hatte er mehrere Schlaganfälle und war danach oft nicht mehr in der Lage, Politik zu betreiben. In seinen letzten Jahren standen die Zeichen dann mehr auf Konfrontation. Das war Resignation, weil der Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten trotz seiner Haltung immer noch ein Problem für das Herzogtum war, genau wie großen politischen Spannungen.

Warum hat er in Jülich, das vorher eine vergleichsweise normale frühneuzeitliche Kleinstadt war, die kolossale Zitadelle bauen lassen?

Fuchs: Er führte den Namen Jülich in seinem Herzogstitel, Jülich war ein Mittelpunkt. Düsseldorf war zwar seine eigentliche Zentrale, aber er war auch häufig in Jülich. Der Bau beginnt kurz nach seinem Antritt: Noch mit dem Elan eines jungen Herrschers versucht er, seinem Gebiet seinen Stempel aufzudrücken. Da spielt auch das Thema Bildung eine Rolle. Es war die Renaissancezeit, die Zeit der Rückbesinnung auf die großen Kulturen der Antike. Deswegen sollte aus Jülich eine ideale Renaissancestadt werden, um das zum Ausdruck zu bringen. Außerdem war es ihm wichtig, in allen seiner Territorien Städte zu haben, die ein höfisches Leben ermöglichen. Später hat er den Elan im Bezug auf Jülich dann etwas verloren.

Was sagt es über seinen Stellenwert aus, dass es ihm gelingt, seine Schwester Anna mit dem mächtigen englischen König Heinrich VIII zu verheiraten?

Fuchs: Als junger Herzog galt er als zukunftsfähige Person an den europäischen Höfen, als einer, aus dem ein ganz Großer werden könnte. Dass der englische König sich für seine Schwester und damit für eine Annäherung an ihn entscheidet, zeigt, wie viel Potenzial er in ihm gesehen hat. Dass die Hochzeit schnell gescheitert ist, lag an etwas ganz Privatem: Heinrich mochte Anna nicht. Wilhelm war so vielversprechend, dass die Stände aus Geldern ihm den Herzogtitel angetragen haben. Dort kommt ihm kein Geringerer in die Quere als Kaiser Karl V. 1543 musste er dann schmerzlich auf Geldern verzichten.

Er konnte es sich also leisten, den deutschen Kaiser zum Gegner zu haben?

Fuchs: : Naja, er hat ja später in die kaiserliche Familie eingeheiratet. Aber er ist Karl nicht in allem gefolgt. Zwar ließ der Kaiser ihn unterzeichnen, dass Wilhelm in seinen Landen nicht die neue christliche Lehre zulässt. Praktiziert hat Wilhelm das auf seine Weise. Er hat gesagt: Ja, ich bin Katholik und ich stehe dazu. Aber für ihn war es katholisch, das Abendmahl in beiderlei Gestalt zuzulassen.

Ein Aspekt des Katholizismus auch in der Zeit der Kirchenspaltung war die aufkommende Hexenverfolgung. In Jülich gibt es den Hexenturm, der daher seinen Namen hat. Hat Wilhelm Hexen verfolgt?

Fuchs: Er hat da durchaus reflektiert und das nicht so gemacht wie viele andere. Der Hofarzt Johann Weyer konnte unter Wilhelm ein Buch gegen die Hexenprozesse schreiben, in dem er kritisierte, wie die Geständnisse zustande kommen. Weyer schreibt im Vorwort, dass Wilhelm gesagt hat, dass er nicht glaubt, dass diese Menschen anderen Schaden zufügen können. Dass ein solches Buch in dieser Zeit an Wilhelms Hof veröffentlicht werden konnte, sagt schon einiges aus. Der Name Hexenturm stammt auch nicht aus Wilhelms Zeit, unter Wilhelm gab es nur wenige Prozesse, und wenn, dann in Gebieten, auf die Wilhelm weniger Einfluss hatte.

Aachen war geografisch umzingelt vom Herzogtum, es hat aber nie dazugehört. Wie ist das zu erklären?

Fuchs: Die Landesfürsten im Spätmittelalter wollten geschlossene Gebiete, aber das ist ihnen nicht gelungen. Das hat sich auch später zu Wilhelms Zeit fortgesetzt. Aachen schafft es immer wieder, plausibel zu machen, dass es eine freie Reichsstadt ist. Der Jülicher Herzog hatte zwar bestimmte Rechte in Aachen. So hat sich Wilhelm dort in Sachen Religion eingemischt.

Trotzdem war sein Herzogtum eines der mächtigsten im Reich. Gemessen daran hätte Wilhelm zum Kreis der Kurfürsten gehören müssen, die den Kaiser wählen. Warum hat der Jülicher Herzog da nie eine Rolle gespielt?

Fuchs: Das hat zum einen in Wilhelms Vorstellung eine sekundäre Rolle gespielt. Die Kurfürstenwürde basiert zum anderen auf der Tradition der Goldenen Bulle aus dem 14. Jahrhundert, in der klar geregelt wird, wer zu den sieben Kurfürsten gehört. Mit Blick auf diese Tradition hatte Wilhelm keinen Anspruch.

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