Krauthausen - Radveteran erreicht nach 1133 km seine alte Heimat

Radveteran erreicht nach 1133 km seine alte Heimat

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Krauthausen. Zum dritten Mal bewältigt der Krauthausener Eckhard Siegert per Rennrad die Streck von Krauthausen zur Schneekoppe. Das Geheimnis einer solchen dreifachen Fünftagetour mit 1133 km, auf stets verschiedenen Routen: Der 72-jährige Siegert ist am Fuß von ehemals Preußens höchstem Berg geboren!

Doch auch ohne diesen Hintergrund wird diese Radfernfahrt wie jede andere auch angegangen. Die Tagesetappen sind lang und anspruchsvoll, bei Wind von vorn und Hitze von allen Seiten geht es über Wetzlar, Eisenach, Altenburg/Thüringen, Bautzen nach Bad Warmbrunn im Riesengebirge, heute Cieplice lskie-Zdrój genannt, in Polen.

Keine Minute ist zu verschenken, selbst im Anschlussprogramm vor Ort, heißt es sich sputen. Die Route führt durch die nahe Eifel, zwischen Ölberg und Drachenfels hindurch, über die Höhen des Westerwaldes, auf lästigen Bundesstraßen fast ohne Radwegkontakt stets nach Osten. Das Kopfsteinpflaster der mitteldeutschen Dörfer und Städte mit seinen Mittelgebirgen zerrt an dem acht Kilogramm leichten und 37 Jahre alten Rennrad, das mit sechs Kilogramm Gepäck beladen ist.

Unter dem Motto: Speichen, Reifen und Material sind wichtiger als Unterhosen und Socken, beginnt die gnadenlos eingeübte Tretarbeit durch Rheinland Pfalz, Hessen, Thüringen, Sachsen und Schlesien. Jugendherbergen sind die bevorzugten Etappenziele.

Altenburg, die uralte Spielkartenstadt, ist eine davon – der Ort, wo der Veteran nach der Vertreibung ab 1949-1957 seine Schulzeit verbrachte. Dresden mit Frauen- und Kreuzkirche und die Elbterassen sind das Schöne und der schreckliche Stasiknast Bautzens als Kontrast, sind die Highlights des vierten Tages.

Hinter Görlitz, theoretisch bereits in Schlesien, aber jetzt in Polen, taucht rechterhand der wuchtige endlose Kamm des Isergebirges und des Riesengebirges auf. Spätestens ab jetzt muss zweisprachig gedacht werden. Aus den Orten Lauban werden Luba, aus Greifenberg werden Gryfów lski und aus Hirschberg werden Jelenia Góra und schließlich aus Krummhübel wird Karpacz und die Schneekoppe heißt inzwischen nieka. Trotzdem ist es die Heimat, und das Hotel Caspar in Bad Warmbrunn liegt, wie schon früher, mit Sicht auf die Schneekoppe, gegenüber dem Schloss Schaffgotsch und der evangelischen Erlöserkirche, in der Siegert 1943 getauft worden ist.

Am ersten freien, aber auch wieder gut gefüllen Tag, geht es mit abgepacktem Rad hinauf nach Agnetendorf (Jagnitków), ca. 700 Meter zum Haus Wiesenstein, dem letzten Wohnort des Nobelpreisträgers Gerhart Hauptmanns, anschließend wieder hinab und ca. 20 Kilometer durch malerische Riesengebirgsheimat schon wieder hinauf nach Krummhübel (Karpacz) und seiner berühmten Stabholzkirche Wang auf 850 Metern, der Hochzeitskirche von Siegerts Eltern.

Dann wird es ernst: Das wertvolle Rennrad findet einen sicheren Platz in des Pfarrers Haus. Die Besteigung der Schneekoppe (1605 m) dauert im Normalfall sieben Stunden über Stock und Stein, wird aber durch die Eile auf viereinhalb abgerundet. Das Wetter spielt mit und eröffnet einen herrlichen Blick nach Böhmen und ins Hirschberger Tal. Am Spätnachmittag werden die kleine Bergkirche Wang und das Rad mit dem Dank an Pfarrer Pech wieder erreicht. Mit einem jetzt in der Tat verdienten 25 cm hohen handgeschnitzten Rübezahl in der Trikottasche wird in sausender Abfahrt über Hirschberg das Quartier erreicht.

Am nächsten Vormittag ist nach vorheriger Absprache mit dem Pfarrer die Besichtigung der evangelischen Taufkirche möglich. Errichtet wurde die spätbarocke Kirche Bad Warmbrunns zwischen 1774 und 1779. Die hölzerne Innenausstattung, vollkommen in Weiß gehalten und mit einer Orgel als Augenweide, ist ein Werk von Heinrich Wagner aus Hirschberg. Unumgänglich ist im Anschluss auf der Rückseite des Stammsitzes der Grafen Schaffgotsch ein Gang durch den Kurgarten mit Theater und Musikpavillon, zu dem Siegerts Vater als Sägewerksmeister schon vor dem Krieg das Holz lieferte.

Nach dem Mittag geht es nochmals auf eine fast 100 km langen Tour über Stonsdorf, das auch im Rheinland durch den Kräuterlikör berühmt geworden ist. Schloss Lommnitz und Schildau präsentieren sich im hervorragend restaurierten Zustand, die Straßen jedoch nicht, denn die waren reine Reifenkiller und brachten den Radfahrer aus Krauthausen in große Nöte. Dem Flüsschen Bober (Bóbr) folgend, mit vielen malerischen Gehöften und Dörfern, in denen einmal Vertriebene ihr Zuhause hatten. Hier in der Umgebung von Leipe (Lipa) verbrachte Siegerts Vater seine ärmliche, entbehrungsreiche Kindheit.

Das Gelbe vom Ei war jedoch nach langer Überlegung der Besuch am Abend im eigenen vom Vater erbauten Haus in Bad Warmbrunn. Die Enkelin der früheren Bewohner hießen Siegert willkommen und bestaunten die mitgebrachten Fotoerinnerungen in nicht geahnter Freude.

Am Abreisetag folgt noch mit aufgepacktem Rad hinter der Kirchentür voll Wehmut und bereits im Trikot in der Erlöserkirche der letzte Gottesdienst. Mit den Tönen der Orgel in den Ohren, die vermutlich schon 1943 zur Taufe erklang, macht sich der Radveteran glücklich und zufrieden mit dem Rübezahl in der Trikottasche, stets nach links zum malerischen Riesengebirgskamm schauend, auf die letzte 80-Kilometer-Fahrt nach Görlitz. Doch gut drei Kilometer vor dem Ziel bricht der Gepäckträger kurz hinter der Neiße-Grenze ab. Erst 30 Minuten vor Abfahrt des Nachtzuges über Dresden und Berlin wird schließlich der östlichste Bahnhof Deutschlands erreicht, das Rad schiebend und zu Fuß. Nach einer langen Nacht wird zu guter Letzt müde und mit notdürftig geflickten Gepäckträgerstreben das letzte Stück von Düren nach Krauthausen, trotzdem glücklich und zufrieden, zurückgelegt. Was für eine Woche, mit Sport, Vergangenheit und Zukunft und Unvergesslichen Eindrücken!

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