Preisträger Giordano ist tot, sein Wirken nicht

Von: Kr.
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Überwiegend junge Gesichter in den Reihen der Preisträger lassen hoffen, dass weiterhin die Opfer des Naziregims nicht in Vergessenheit geraten und damit sich solche Gräueltaten nicht wiederholen. Foto: Kròl

Jülich. Es war ein denkwürdiges Datum, der 27. Januar 1945, als russische Truppen das Vernichtungslager Auschwitz befreiten und damit der Welt vor Augen führten, welche Gräueltaten das Naziregime an Juden, Sinti, Roma und anderen Menschen verübt hatte, die nicht in ihr Weltbild passten.

Einer von ihnen, der verfolgt wurde und nur Dank des Mutes und der Zivilcourage einer einzelnen Frau, die seine Familie im Keller ihres Hauses versteckte, überlebte, war Dr. Ralph Giordano. Sein Leben widmete der Journalist, Buchautor und Regisseur daraufhin dem Kampf gegen Antisemitismus und Extremismus.

„Ich glaube schon, dass ich mit meinen Büchern die Welt ein bisschen bewohnbarer gemacht habe. Ich stelle mich vor jeden Menschen, der von dieser braunen Pest attackiert wird“, hatte er noch im vergangenen Jahr zu Gabriele Spelthahn gesagt, der Vorsitzenden der Jülicher Gesellschaft gegen das Vergessen und für die Toleranz, die ihn noch kurz vor seinem Tod in Köln besuchte. Er sollte den Preis der Gesellschaft für Zivilcourage entgegen nehmen. Aus gesundheitlichen Gründen war damals schon klar, dass er an der offiziellen Feier nicht würde teilnehmen können und so entstand ein beeindruckender Videofilm.

Wachsam sein

„Ich war beeindruckt von seiner Offenheit und Warmherzigkeit, mit der er uns begegnete“, erinnerte sie sich bei der Feierstunde in der Schlosskapelle der Zitadelle, zu der sie zahlreiche Ehrengäste begrüßte. Als einen leidenschaftlichen Demokraten, der in einer brillanten Sprache seinem Deutschland ins Gewissen redete und dessen geistiges Vermächtnis immer gegenwärtig sein werde, bezeichnete sie Giordano, den sie dreimal persönlich getroffen habe. Gegenwärtig wurde er an diesem Abend mit dem Film, in dem er aus seinem Leben und seinen Erfahrungen berichtete.

„Ralle, mit dir spielen wir nicht mehr. Du bist Jude. Einen solchen Satzvergisst man nicht mehr“, erklärte er im Film und so berichtete er weiter, habe er sein Leben in den Dienst gestellt, Menschen aufzuklären, das ihnen nicht das passiert, was ihm geschehen ist. „Unsere jüdische Existenz war in ihren Augen ein Verbrechen, wie soll man damit fertig werden“, fragte er sich und mahnte, wachsam zu sein und den Anfängen zu wehren. Und so war sich die Jülicher Gesellschaft gegen das Vergessen und für die Toleranz sicher, in Dr. Ralph Giordano einen würdigen Preisträger gefunden zu haben und verliehen ihm diesen Preis posthum. Er verstarb am 10. Dezember. Die Gesellschaft hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Erinnerung an diese Gräueltaten lebendig zu halten, damit sie nicht wieder geschehen.

Ein wichtiger Baustein in der Arbeit des Vereins ist es auch, die junge Generation mit einzubeziehen, sie aufzuklären und zu sensibilisieren. Daher stehen stets zahlreiche junge Menschen mit auf dem Podest, die für ihr Engagement ausgezeichnet werden. An diesem Abend war dies Torben Appuhn, der eine Arbeit über die Auswirkung der Schoah auf jüdisches Leben gestern und heute schrieb. Praktische Arbeit leisteten David Merz, die Jusos aus Jülich, Linnich sowie die St. Georg Pfadfinder Jülich. Sie organisierten nicht nur einen Vortragsabend zum Thema Nationalsozialismus, sie rückten auch den „braunen Schmierereien“ zu Liebe, die überall in Jülich sichtbar wurden.

Aldenhovener Realschüler hatten sich mit ihrer Lehrerin Nicole de Bus mit der Pogromnacht beschäftigt und dem Brand der Aachener Synagoge. Sie rekonstruierten die Gedanken der Menschen, die tatenlos zusahen. „Erst wenn ihre Namen vergessen sind, sind sie wirklich tot“, besagt ein jüdisches Sprichwort. Patenschaften hatten daher die Konfirmanden der evangelischen Kirchengemeinde Aldenhoven für Opfer der Nationalsozialisten übernommen und sogar Briefe an sie verfasst.

Ausgezeichnet wurden auch die Schüler und Schülerinnen der Gemeinschaftshauptschule Jülich, die an der Gestaltung der Gedenkfeier zum 9. November teilnahmen. Dirk Neumann und sein Projektkurs des Gymnasiums Zitadelle hatten sich mit der Zerstörung Jülichs befasst und in dem Zusammenhang auch mit dem Holocaust. Als Welt Ethos-Schule gehören die Beschäftigung mit dem Holocaust und die Förderung von Toleranz und gegenseitigem Respekt zum Schulprogramm dazu. Deshalb wurde auch diese Schule ausgezeichnet.

Es war eine bewegende und würdevolle Feierstunde, die die Jülicher Gesellschaft gestaltet hatte. Dazu trugen auch die Musikvorträge bei. „Kol Nidrei“ von Max Bruch führten Igor Byaly Violoncello und Sofia Shapiro auf, sowie einen jüdischen Tanz.

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