Preis für Zivilcourage: Das Wirken junger Leute ehren

Von: ptj
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Eine große Zahl lokaler Preis
Eine große Zahl lokaler Preisträger und Projektbegleiter rief die Jülicher Gesellschaft zur Würdigung auf die Bühne. Foto: Jagodzinska

Jülich. Einiges Aufsehen weit über die Region hinaus erregte die 8. Preisverleihung der Jülicher Gesellschaft gegen das Vergessen und für die Toleranz in der Schlosskapelle. Das Interesse der Zeitung „Die Welt” war Zeugnis dafür.

Die Gesellschaft verlieh den „Preis für Zivilcourage und Solidarität” gleich 13 Mal: Ausgezeichnet wurden acht Schulen und das Titzer Jugendparlament für ihren Beitrag zu den Pogrom-Gedenkveranstaltungen zum 9. November.

Herausragende Verdienste

„Gerade das Wirken der jungen Leute ist wichtig, Demokratie in den Herzen der Menschen zu verankern”, wie Vize-Vorsitzender Dr. Walter Liedgens es auf den Punkt brachte. Bei den Schulen handelte es sich im Einzelnen um die Käthe-Kollwitz-Realschule, die katholische Jugendgruppe und die Konfirmanden der evangelischen Kirchengemeinde (alle Aldenhoven), KGS und GGS, GHS und Realschule Linnich und die Realschule Jülich. Preisträger waren ferner die Linnicher Heribert Emunds und Hubert Plum für ihre herausragenden Verdienste, „das Gedenken an die ehemals große jüdische Gemeinde in Linnich zu fördern und wach zu halten”.

Dr. Hermann Paulißen, ebenfalls aus Linnich, wurde dafür ausgezeichnet, „jüdisches Leben in Rödingen, Müntz, Boslar und Linnich lebendig gemacht zu haben”.

Schüler und Projekt-begleitende Lehrer traten auf Einladung der Vorsitzenden Gabriele Spelthahn nach vorn, um einen Querschnitt aus ihrem Beitrag zur Gedenkveranstaltung (wir berichteten) zu zeigen. Erstmalig war das Jugendparlament Titz unter den Preisträgern, denn die Kinder und Jugendlichen hatten ihr erstes Pogrom-Gedenken im Titzer Rathaus mitgestaltet. Das Besondere dabei war, wie der Titzer Jugendbetreuer Rolf Sylvester hervorhob: „Sie haben es in ihrer Freizeit getan.”

Wie wichtig es ist, schon als Jugendlicher bei derartigen Preisverleihungen präsent gewesen zu sein, bewies in der zweiten Hälfte der knapp dreistündigen Veranstaltungen das überregionale Medieninteresse für die Arbeit des Geehrten Dr. Jan-Robert von Renesse aus Hamm, Richter am Sozialgericht NRW in Essen. Wie Laudator Heinz Spelthahn wortreich betonte, führten seine „Anstrengungen dazu, dass das Bundessozialgericht seine Rechtsprechung zugunsten der Geschädigten änderte”. Die Rede ist von den Überlebenden der Ghettos im Holocaust in ihrem Ringen um Rente.

„Von Anfang an begleitet von kollegialem Unmut” und persönlichen Nachteilen, war Renesse achtmal zu Gerichtsverhandlungen nach Israel gereist, wo er persönlich mehr als 100 Kläger und Zeugen vernahm. „Ein deutsches Gericht amtierte mit deutscher Hoheitsgewalt in Israel!”

Seitdem werden 60 statt 10 Prozent der Rentenanträge Holocaust-Überlebender anerkannt, Altfälle sollen mit Blick auf die neue Rechtsprechung überprüft werden. Ein ergreifender Film informierte die zahlreichen Gäste über Hintergründe

„Es ist mir eine Ehre, Sie zu ehren”, sprach Kuratoriumsvorsitzender Heinz-August Schüssler den Zuschauern aus dem Herzen. Ein Grußwort von Emmanuel Nahshon, Geschäftsträger der Israelischen Botschaft in Berlin, musste verlesen werden, weil Nahshon als Begleiter von Außenminister Guido Westerwelle nach Israel unabkömmlich war. „Er gab einem bürokratischen Prozess ein menschliches Gesicht”, lautete zusammengefasst Nashons Lob an den Richter mit Zivilcourage.

Renesses Verdienst soll allerdings nicht den der lokalen Preisträger schmälern, deren Lobredner Heinz Bielefeldt war: Nach der Lehr-Perspektive des Frankfurter Philosophen Theodor Adorno „Erziehung nach Auschwitz” fühlten sich die Linnicher Preisträger „in die Pflicht genommen, dass Auschwitz nicht noch einmal sei”.

Bielefeldt resümierte über einige Beispiele unter Verantwortung der Linnicher Preisträger: Projektwochen in Linnicher Grundschulen und an der Hauptschule Titz, Aufräumarbeiten außerhalb der Schulzeit auf dem jüdischen Friedhof in Müntz und in der ehemaligen Synagoge Rödingen. Das heimatkundliche Werk „Geschichte der Juden in Rödingen, Müntz, Boslar und ihre Friedhöfe” sei als „imponierender Beleg jugendlicher Forschungstätigkeit” sogar ins Archiv von Yad Vashem aufgenommen, hob Bielefeldt hervor.

Einige Gedanken zum 67. Jahrestag der Befreiung in Auschwitz des Aachener Rabbiners Max Mordechaj Bohrer über „physische und geistige Freiheit” ergänzten den Themenkreis aus jüdischer Sicht.
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