Jülich - Polizei im Stress: Karneval ist, wenn man trotzdem lacht

Polizei im Stress: Karneval ist, wenn man trotzdem lacht

Von: Guido Jansen
Letzte Aktualisierung:
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Präsenz gezeigt: Die Polizisten der Hundertschaft treten auf der Kölnstraße als Gruppe auf. Ernsthaft einschreiten müssen sie an Weiberfastnacht nicht. Foto: Guido Jansen
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Endstation: Pritsche zum Schlafen links, eine in den Boden eingelassene Toilette rechts – so sieht eine Ausnüchterungszelle aus.

Jülich. Manchmal mag es aussehen, als würde man mit Kanonen auf Spatzen schießen, wenn Polizisten mit maximal gepanzertem Körper und versteinerter Miene darüber wachen, wie Jülichs Jugend an Weiberfastnacht Karneval feiert. Es gibt keinen Hinweis auf Terrorgefahr für das Treiben auf dem Jülicher Schlossplatz rund um die Jugendschutzdisco im Zelt.

Kölner Karnevalsverhältnisse mit Abertausenden Menschen auf den Straßen – das passt auch nicht nach Jülich. Trotzdem patrouillieren 30 Polizisten aus einer sogenannten Einsatzhundertschaft auf dem Schlossplatz und der Kölnstraße. Pistolen, Schlagstöcke und Handschellen hängen in ihren Halftern. Wenn kein Karneval ist, tun sie Dienst bei Fußballbundesligaspielen, Staatsbesuchen oder Demonstrationen, also immer dann, wenn es zur Sache gehen könnte.

Jetzt sind sie in Jülich, zusätzlich zu den Kräften der Jülicher Wache. Wie viele Polizisten insgesamt an Weiberfastnacht Dienst tun, das verrät Willi Sommer nicht. Die Polizei lässt sich da nicht in die Karten gucken. „Auch von unserer Wache sind mehr als sonst im Einsatz“, sagt er. Sommer ist der Einsatzleiter. Und er betont, dass er froh ist, dass die Hundertschaft-Polizisten da sind. „Sie machen einfach einen anderen Eindruck“, sagt der erfahrene Polizist. Respekt sollen sie einflößen. Der Plan geht auf.

Der Alkohol

Nicht nur deswegen handeln diese Zeilen nicht von Schlägereien und Straftaten allenthalben. Sollte an Weiberfastnacht irgendwo Anarchie, Ausnahmezustand oder Sodom und Gomorra gewesen sein – in Jülich war es nicht. Trotzdem gilt der Tag, an dem Frauen gerne die Krawatten der Männer kürzen, als einer der stressigsten im Jahr eines Polizisten. „Das liegt am Alkohol“, sagt Markus Solger kurz bevor sein Dienst am Donnerstagabend endet. „Das ist so ein Tag, an dem sich Nachbarn plötzlich auf die Nase hauen. Und am nächsten Tag ist dann wieder alles in Ordnung. Völlig unnötiger Kleinscheiß.“

Das mit den Nachbarn haben die Polizisten erlebt, dreimal sind sie am frühen Donnerstagabend deswegen zu einer großen Feier in der Stadt ausgerückt. „Wenn ich sehe, was Alkohol mit den Menschen macht, dann verliere ich die Lust“, schiebt Solger als Erklärung hinterher, nachdem er die Frage, ob er sich nach Dienstschluss noch in den Karneval stürzen wolle, mit „ganz sicher nicht“ beantwortet hat. Mit Karneval habe er überhaupt kein Problem, mit der Sauferei dabei schon.

Die Bilanz für Weiberfastnacht: Die Polizisten der Wache Jülich haben zwei Personen in Gewahrsam genommen. Für sie endete der Abend in der Ausnüchterungszelle, 13 Mal wurde ein Platzverweis ausgesprochen, zwei Strafanzeigen wurden gestellt. „Das war ein ruhiger Einsatz“, stellt Sommer am Abend fest und bekundet, damit zufrieden zu sein.

Im vergangenen Jahr gab es acht Menschen, für die der Abend in der Ausnüchterungszelle endete, und sechs Anzeigen. Damals waren die Polizisten der Hundertschaft nicht in Jülich, sondern wegen der Vorfälle der Silvesternacht in Köln zusammengezogen.

Außerhalb der Veranstaltung auf dem Schlossplatz registrierte die Jülicher Polizei zudem vier weitere größere Einsätze. Bei einer Karnevalsfeier sollen einem 15 und einem 16 Jahre alten Mädchen K.o.-Tropfen verabreicht worden sein, zudem gab es drei weitere handfeste Auseinandersetzungen, ein Mann sei am späten Abend nur schwer zu beruhigen gewesen. Dazu kommen die Fälle ohne Karneval, unter anderem zwei Unfälle, einer mit Fahrerflucht, und die Folgen von Sturmtief Thomas.

Mehr Präsenz

Normalerweise rückt in solchen Fällen eine Streifenwagenbesatzung mit zwei Polizisten aus. An Karneval ist das anders. Als die Sache mit den Nachbarn zum dritten Mal zum Problem wird, ist nicht nur Markus Solger da, sondern wenigstens sechs andere Polizisten auch. Einerseits, weil das Aufklären der Lage schwieriger ist. „Wenn zwei Alkoholisierte ihre Version erzählen, dann klingt das oft wie zwei völlig unterschiedliche Geschichten“, sagt Solger. Die Wahrheit verschwindet im Alkoholdunst, die Hemmschwellen sinken. Dem begegnet die Polizei mit mehr Präsenz.

Und viel Geduld. Die ist notwendig, wenn es gerade erst gelungen ist, einen alkoholisierten Randalierer im Indianerkostüm in der Ausnüchterungszelle unterzubringen und am Eingang der Wache ein Cowboy Worte wie Anwalt und „Ich kenne meine Rechte“ lallt und die Freilassung fordert.

Geduld braucht der Polizist. Und Humor. Den hat sich Norbert Hermanns bewahrt. Er ist Jugendschutzpolizist in Jülich, hat ein Auge auf die Disco auf dem Schlossplatz. „Manche Sprüche kommen immer wieder. Der zum Beispiel, dass ich ein tolles Kostüm habe“, sagt er. Und fast wie zum Beweis ruft ihm ein Mädchen im Polizei-Kostüm ein „Tschüss, Kollege“ zu, als sie das Zelt verlässt. Hermanns macht eine Handbewegung, die so viel heißt wie „sag ich doch“ und lächelt.

Lächeln können auch die maximal Gepanzerten von der Hundertschaft, auch wenn sie respekteinflößend aussehen sollen. Patrick Cosler ist einer. Er verzieht keine Miene auf die Frage, ob er ein Seminar im Fach „böse gucken“ belegt hat. „Wir üben das auch regelmäßig vor dem Spiegel“, wirft eine Kollegin ein. Zuerst keine Reaktion. Dann lachen alle vier, die gerade zusammenstehen. Karneval ist, wenn man trotzdem lacht.

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