Pater Költringer über Heimat, Glauben und Leben

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Seit 2011 an Haus Overbach: Pater Josef Költringer vor dem Franz von Sales Brunnen in Overbach. Foto: Laura Broderius

Barmen. Ein Leben im Kloster – erstrebenswert auch ohne Familie? Als Ordensmann der Oblaten des Hl. Franz von Sales ist Pater Josef Költringer seit 2013 Geschäftsführer des Hauses Overbach und seit 2011 Hausoberer des Klosters. Im Interview redet er über seine Laufbahn und seine Heimat.

Als Subsidiar des Kreises Düren unterstützt Költringer außerdem insbesondere die Gemeinde Aldenhoven. Aufgewachsen ist er (Jahrgang 1960) in Österreich in Obernberg am Inn, in der Nähe von Passau. Zeit seines Ordenslebens setzte er sich für Bildung ein – Hauptmission der Oblaten. Nach seiner Priesterweihe war er Lehrer und Erzieher an einem Internat, hat in Indien an Colleges und Schulen unterrichtet und drei Jahre auf den ­Philippinen gearbeitet. Laura Broderius hat mit Költringer über das Leben als Ordensmann gesprochen.

Wann war Ihnen klar, dass Sie dem Orden beitreten wollen, und was wären Sie geworden, wenn Sie nicht Priester geworden wären?

Költringer: Nach dem Abitur war mir klar, dass ich Ordensmitglied werden will. Ich hab zunächst ein bisschen in die Medizin hineingeschnuppert, war auch ein guter Mathematiker und habe überlegt, ob ich Mathematiklehrer werden soll. Ich habe auch mal überlegt, in Richtung Rechtswissenschaften zu gehen. Ich habe überall ein bisschen hineingeschnuppert, bin aber am Ende doch bei der Theologie und Philosophie gelandet, weil mich das einfach am meisten fasziniert hat. Daraufhin bin ich dann in den Orden eingetreten.

Was waren Ihre größten Zweifel?

Költringer: Der größte Zweifel war bei mir immer die Frage, ob ich nicht doch lieber eine Familie haben will. Das war die schmerzlichste Entscheidung, die ich treffen musste, als ich in den Orden gegangen bin.

Warum ist es eine solche Lebensweise wert, auf eine Familie zu verzichten?

Költringer: Ich wollte auf nichts verzichten, sondern das finden, was für mich am besten passt. Mich hat das Christentum so fasziniert, dass ich die jesuanische Lebensweise unbedingt nachahmen wollte. Ich habe die Person Jesus einfach bewundert. Der zweite Grund ist die Freiheit, die entsteht, wenn ich mich nicht an Ehe und Familie binde. Dass ich 15 Jahre lang in Asien gelebt habe, dass ich jetzt in Overbach bin, sind alles Möglichkeiten, die ich mit Familie so nicht gehabt hätte.

Ist das nicht eine Schein-Freiheit? Es wird doch immer noch fremdbestimmt, wohin man versetzt wird.

Költringer: Das ist richtig. Die Richtung wird einem vorgegeben. Aber man kann durchaus mitentscheiden, was das Richtige für einen ist. Somit fühlt es sich schon nach Freiheit an.

Wenn Sie austreten würden, was würden Sie am meisten vermissen?

Költringer: Zum einen meine Ordensgemeinschaft, die einfach Heimat für mich geworden ist. Zum anderen vor allem eine Art innere Freiheit, die man als Ordensmann hat.

Ist diese innere Freiheit etwas, das andere Menschen nicht erreichen können, wenn Sie keinem Orden beitreten?

Költringer: Nein, das kann jeder erreichen. Trotzdem ist es bei uns von Vorteil, dass alles besser strukturiert ist und von der Gemeinschaft getragen wird. Wir machen täglich Dinge, die ein im Beruf stehender Mensch vielleicht eher nicht macht. Dazu gehört z.B. eine halbe Stunde Meditation jeden Morgen. Es ist einfach in der Struktur unseres Tagesablaufs verankert.

Wie ist die Beziehung innerhalb der Ordensgemeinschaft?

Költringer: Es ist wahrscheinlich ähnlich wie in einer Familie. Es gibt die Urgroßväter, die Großväter, die Väter und die Kinder. Es gibt die Schwierigkeit, dass die Jungen die Alten nicht verstehen, dass die Alten die Jungen nicht verstehen, und das mittlere Alter ist immer das Alter, das meint, alles am besten zu wissen. Wer bei uns lebt, wird eine Gemeinschaft erleben, wie er sie draußen auch erlebt. Unsere Form des Umgangs ist natürlich irgendwo etwas anders, weil wir eine religiöse Gemeinschaft sind, aber sonst ist es sehr ähnlich. Wir haben die gleichen Macken wie andere auch (lacht).

Was ist Gott für Sie?

Költringer: Zeitlich gesehen ist Gott für mich Gegenwart und Zukunft. Er steckt für mich lesbar in der Bibel und in anderen heiligen Schriften wie in den hinduistischen Schriften oder in Teilen des Korans. Er ist die Kraft und die Energie, dass ich am Morgen aufstehe. Er ist der Geist, der uns verbindet, der mich über nationales Denken hinaus motiviert, mit anderen Menschen zusammenleben zu wollen. Er ist Schöpfer, der Grund, dass wir existieren. Es gibt so viele Symbole und Metaphern, dass man es mit einem Wort nicht sagen kann.

Wenn doch in den anderen Religionen ebenfalls ein Teil der gleichen Wahrheit vorhanden ist, wieso schließt man sich dann einer bestimmten Religion an?

Költringer: Das stimmt zwar, aber es gibt trotzdem einen Grund, sich einer Religion anzuschließen. Zum einen hängt es mit unserer Kultur zusammen, die mit einer bestimmten Religion verbunden ist, die ich nicht leichtfertig abgeben kann. Zum anderen finde ich es wertvoller, sich in einer Religion immer mehr zu vertiefen, als überall gegenwärtig zu sein und nie wirklich in die Tiefe zu gehen. Deshalb bleibe ich Christ, bin aber auch gleichzeitig jemand, der alle anderen Religionen voll akzeptiert.

Glauben Sie, dass alles vorherbestimmt ist?

Költringer: Ja, das ist mein Glaube. Ich glaube an die Evolution, an einen Beginn und ein Ende. Ich höre irgendwann auf, so zu existieren, wie ich heute existiere. Und so wird auch die Welt irgendwann aufhören so zu existieren, wie sie heute existiert. Das heißt, wir gehen alle auf irgendeinen Punkt zu, den wir Ewigkeit, Erfüllung oder Glück nennen, und ich denke, dass deshalb alles besser wird. Deshalb bin ich Optimist, was die nächsten Generationen betrifft und davon überzeugt, dass es einen Plan gibt.

Also folgt auch Ihr Leben diesem Plan?

Költringer: Ja. Ich glaube, dass die Tatsache, dass ich mich für den Orden entschieden habe, dass der Verlauf meines Lebens und auch meine Zukunft Teil dieses Plans ist. Im Vorhinein erkenne und verstehe ich ihn nicht, aber im Nachhinein ergibt alles einen Sinn und ich kann alles so akzeptieren und als gut ansehen, wie es geschehen ist. Deswegen bin ich selten wirklich verzweifelt und weiß, dass ich in manchen Momenten nicht verstehe, wo das Gute ist, aber die Richtung trotzdem immer stimmt. Manchmal fühle ich mich wie in einem Tunnel, in dem man das Licht am Ende nicht sieht, aber den überwinde ich meistens. Der Plan verläuft natürlich nicht so linear, dass alles nur auf das Ende hindeutet. Man muss auch zurückstecken – durch Krankheit oder Leid.

Und wenn es keinen Plan gibt und alles Zufall ist?

Költringer: Dann macht es mir gar nichts, dann habe ich gut damit gelebt. Das ist ja auch das Schöne am Glauben. Gibt es Gott oder gibt es ihn nicht? Besser ich glaube daran und lebe leichter, als es zu verneinen, womit mir etwas fehlen würde. Über beide Antworten habe ich gleich wenig Gewissheit. Ich habe mit dem Glauben ein Stück mehr in meinem Leben, was andere vielleicht vermissen.

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