Weihnachtskiste

Oranje, les Bleus - und kein Retsina

Von: Otto Jonel
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Im vergangenen Jahr rieselte
Im vergangenen Jahr rieselte der Schnee. Diesmal lockte strahlender Sonnenschein die Menschen zu Tausenden auf die Flaniermeile des Foto: Jonel

Linnich. Auf einer Tanzbühne hätte der Spagat, den Bürgermeister Wolfgang Witkopp gedanklich ansetzte, Unwohlsein im Schritt verursacht: Griechenland und Linnich vergleichbar? Dafür reichen weder die Schulden des kleines Städtchens, noch seine Geschichte und selbst der strahlenden Sonnenschein von einem klaren blauen Himmel nicht aus.

Andererseits: Bankrott ist bankrott. Da hat Linnichs Erster Bürger unzweifelhaft Recht. Und als Überleitung zu der Erklärung, weshalb es doch einen Andreasmarkt-Empfang gibt, obwohl dafür eigentlich kein müder Euro im Stadtsäckel frei wäre, ist er Griechenland-Vergleich doch noch recht passabel.

Der klammen Stadt war RWE Deutschland zur Seite gesprungen und hatte das gesellschaftliche Gepräge des altehrwürdigen Bauernmarktes übernommen. Und Empfang-Retter Fridjoff Gerstner sichere zu, auch im nächsten Jahr den Tisch decken, sodass die Gäste Linnichs, allen voran die Freunde aus der französischen Partnerstadt Lesquin beruhigt anreisen können und wohl aufgenommen werden.

Diesmal war die französische Delegation sogar Zeuge eines historischen Moments. Der Andreasmarkt jährte sich zum 440. Mal. 1571 hatte Herzog Wilhelm V. der Stadt Linnich das Marktrecht verliehen. Ausgerechnet im Jubiläumsjahr nahmen die Vierbeiner, die den Ruf des Bauern- Viehmarktes begründet hatten, einen sehr bescheidenen Raum ein. Nicht einmal ein halbes Dutzend Pferde oder Ponys wartete auf einen neuen „Ritter”.

Die Farben Rot, Weiß und Blau beherrschen nicht nur die Trikolore, sie sind ebenfalls die Farben der niederländischen Flagge. Und die hätte ebenfalls vor dem Linnicher Rathaus gehisst sein können.

Aus Sittard war erstmals eine Abordnung der Prinzengarde zum Empfang angetreten. Aus gutem Grund. Die Stadtgarde Linnich richtet am 5. Februar ein großes Gardetreffen aus. Erwartet werden die Vertretung der Föderation Euregionaler Garden (FEG), in der die Linnicher Stadtgarde Mitglied ist - wie die Prinzengarde Sittard.

Die wiederum richtet 2013 das FEG-Gardetreffen aus und wird vom Vorgänger Linnich als Zeichen den Säbel entgegen nehmen. Fast wie bei der Flaggenübergabe der Ausrichterstädte der Olympiade. Und schon wieder ein griechisch-Linnicher Vergleich...

So obligatorisch wie die Zossen am Halteseil, ist das Geschenk, mit dem Ehrendechant Heinrich Jussen alljährlich zum Empfang im Rathaus aufwartet. Diesmal hatte er einen kunstvollen Hahn ausgesucht. Der sei ein Glückbringer, habe aus hoher Warte immer die Übersicht. Dem könne man nichts vormachen. Still lächelte dazu Landrat Wolfgang Spelthahn. Der sitzt auch ganz oben und hatte seinen denkwürdigen Wahlkampf 1999 mit dem Slogan „Der Hahn kommt” bestritten.

Ein Geschenk an den Bürgermeister hatten auch die Lesquiner mitgebracht. Ihre hübsch gemalte Dorfidylle dürfte einen etwas weniger hohen Platz an einer Rathauswand finden als der Hahn des Dechanten.

Wie im Vorjahr unternahm der Linnicher Bürgermeister einen Bild-gestützten Rückblick auf das fast abgelaufenen Jahr. Die Partner aus Lesquin vernahmen dazu den verständlichen Kommentar. Valerie Mairesse dolmetschte die Rede Witkopps - phasenweise in erstaunlich komprimierender Weise.

Und dann ging es hinaus zu den Ständen auf den Straßen. Nicht ganz 200 waren es heuer mit unverkennbarer Sockenvorherrschaft. Nur auf dem Place de Lesquin dominierte eindeutig schweres Gerät für die grobe Arbeit auf dem Feld. König der Ackergeräte war unzweifelhaft ein Mähdrescher für 220.000 Euro.

Dafür müsste die Sockengilde schon ganz schön lang stricken. Im Schatten des Giganten hopste das vielleicht skurrilste Ausstellungsstück: eine Mischung aus Schaukelpferd, Fahrrad und Raupe. Das Ponycycle kommt mit Muskelkraft des Reiters vorwärts. ein echtes Energieeinsparmodell.

Eher suboptimal lief es wieder einmal für die Glühwein-Vertreiber. Für dieses klassische Kaltwettergetränk war es einfach zu frühlingshaft. Da wäre ein süßer Retsina schon angebrachter gewesen. Aber Linnich und Griechenland sind eben doch nicht ganz vergleichbar.
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