Titz - Ohne Leidenschaft ins neue Energiezeitalter

Ohne Leidenschaft ins neue Energiezeitalter

Von: Christian Rein
Letzte Aktualisierung:
Einstieg in die Energiewende:
Einstieg in die Energiewende: Mit dem Bau des Windparks in Titz startet RWE eine Reihe von Projekten im rheinischen Revier. Die insgesamt zehn Windräder sollen ab Herbst Strom liefern. Foto: RWE Innogy

Titz. Die Kräne müssen heute kein Gewicht tragen. Reglos ragen ihre stählernen Skelette in die Höhe, frei schwebt der Haken in der Luft. Unten, wo die schweren Fahrgestelle aufgebockt sind, hebt Boris Ossadnik seine Hände entschuldigend in die Höhe.

Es gebe Lieferprobleme bei den Bauteilen für den Turm, sagt der Projektleiter. Nichts ernstes, „aber wir können heute leider keine spektakulären Bau-Aktivitäten zeigen”. Zu sehen gibt es freilich trotzdem schon eine Menge.

Mitten in den Feldern nördlich der kleinen Gemeinde Titz, ganz in der Nähe des Autobahndreiecks Jackerath, baut RWE Innogy derzeit einen Windpark. Park, das klingt nach einer Menge Windräder. Dabei sind es nur zehn, die dort ab Mitte Juli in die Höhe ragen werden. Für manchen Kritiker sind es schon zehn zu viel. Für RWE Innogy, die im Essener Großkonzern für die erneuerbaren Energien zuständige Tochter, ist es indes der Auftakt zu einem größer angelegten Engagement im rheinischen Braunkohle-Revier.

Der Flügelmann des Konzernchefs

Man kann es sogar noch weiter fassen: Der designierte RWE-Vorstandschef Peter Terium hat in dieser Woche einen grundlegenden Kurswechsel des Konzerns öffentlich gemacht, mit dem er sich deutlich von seinem Vorgänger Jürgen Großmann distanziert. Deutschlands größter Stromproduzent gibt grundsätzlich alle Pläne für den Neubau von Atomkraftwerken auf, in erster Linie im Ausland, und setzt stattdessen voll auf den Ausbau erneuerbarer Energien, auch in Deutschland. Die Aktivitäten der Tochter RWE Innogy werden also künftig innerhalb des Konzerns ein deutlich größeres Gewicht bekommen. Da hierzulande die Projekte im rheinischen Revier ein klarer Schwerpunkt sind, kann man den Windpark in Titz also auch als Einstieg von RWE in die Energiewende interpretieren - auch wenn die Planungen natürlich schon vor dem politischen Beschluss begonnen haben.

Der Sockel des fünften Windrades ragt nur ein kurzes Stück aus dem Fundament. Auf ihn werden einmal die Turmteile gesteckt, insgesamt fünf, bis auf 100 Meter hinauf. Dort befindet sich das Motorgehäuse mit der Nabe, an der die Rotorblätter befestigt werden. Bis zur Blattspitze beträgt die Gesamthöhe des Windrades etwa 150 Meter. Solch ein Koloss muss stabil stehen. Seit Monaten arbeiten Projektleiter Ossadnik und sein Team in Titz deshalb schon an den Fundamenten. „Bodenverbesserung” nennt der Ingenieur das im Fachjargon. Dazu zählen etwa Schottersäulen, die unter den Fundamenten jeweils acht bis 13 Meter tief in die Erde gesetzt werden. Für ein Fundament selbst mit einem Durchmesser von rund 16 Metern werden 375 Kubikmeter Beton und 46 Tonnen Stahl verarbeitet.

Wenn Terium am 1. Juli die Konzernleitung übernimmt, steht auch bei RWE Innogy ein Wechsel an der Spitze an. Der bisherige Vorstandschef Fritz Vahrenholt geht dann in den Aufsichtsrat, sein Nachfolger wird Hans Bünting.

Den Satz „Wir sind Kaufleute” formuliert Bünting mit nüchterner Präzision. Der promovierte Wirtschaftswissenschaftler hat im Prinzip sein gesamtes Berufsleben bei RWE verbracht. Seit Mitte der 90er Jahre ist er in dem Konzern tätig. Er hat als Controller angefangen, war leitender Angestellter im Risikomanagement und schließlich seit Februar 2008 Finanzvorstand bei RWE Innogy. So einer ist kein Idealist.

Die Energiewende betreibt Bünting weder mit Herzblut noch aus einer politischen Überzeugung heraus. Er betreibt sie, weil sie sich für sein Unternehmen rechnet. Deshalb sagt Bünting Sätze wie: „Ich bin durchaus offen für alle Technologien. Aber wir gehen nicht in die teuerste Produktion.”

Bünting ist also Teriums Flügelmann bei der Neuausrichtung des Konzerns. In Titz erklärt er, warum Nordrhein-Westfalen in Deutschland für RWE Innogy eine so wichtige Rolle beim Ausbau der Windenergie an Land spielt. NRW sei ein Windland, speziell das rheinische Revier verfüge über gute Verhältnisse, sagt er und zeigt einschlägiges Kartenmaterial. Allerdings müssten die Anlagen schon eine gewisse Höhe haben. Denn dort, etwa in 120 Metern, weht der Wind natürlich stärker, aber vor allen Dingen auch stetiger. Deshalb begrüßt Bünting den Windenergieerlass, mit dem die rot-grüne Landesregierung im vergangenen Jahr restriktive Vorgaben wie etwa eine Höhenbeschränkung stark aufgeweicht hat.

Der zweite entscheidende Aspekt sind laut Bünting die Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit RWE Power, die im Konzern hauptsächlich für die Stromerzeugung aus den klassischen Energieträgern und für die Braunkohle-Tagebaue im rheinischen Revier zuständig ist. Dabei geht es natürlich um die Nutzung von Rekultivierungsflächen, die dem Konzern ohnehin schon gehören. Aber auch um Dinge wie etwa den Netz-Anschluss. So könne man für die Titzer Windmühlen die Schaltanlage in Jackerath nutzen, nennt Bünting ein Beispiel. Günstig sei aber auch, dass es insgesamt im rheinischen Revier keine Durchleitungsprobleme gebe, da bereits viel Infrastruktur vorhanden sei.

Die Rotorblätter liegen am Rande des Feldes, fast so, als hätte sie jemand achtlos auf die Seite geschoben, um den Weg frei zu machen. Dabei wiegt nur eines der 45 Meter langen Stücke neun Tonnen. Drei von ihnen werden pro Windrad an der Nabe befestigt. Der Stern mit einem Gewicht von 46 Tonnen und einem Durchmesser von 92 Metern wird dann als ganzer auf den Turm montiert.

RWE hat beim Ausbau der erneuerbaren Energien großen Nachholbedarf. 3700 Megawatt (MW) Gesamtkapazität hat der Konzern mit Stand vom vergangenen Dezember. Der Anteil der Erneuerbaren an der RWE-Stromerzeugung beträgt gerade mal vier Prozent. Nur zum Vergleich: Alleine das Braunkohle-Kraftwerk in Weisweiler hat eine Netto-Leistung von rund 2600 MW.

Die stellvertretende NRW-Ministerpräsidentin Sylvia Löhrmann von den Grünen hat kurz vor der jüngsten Landtagswahl in einem Interview mit dem „Handelsblatt” kritisiert: „Es ist doch absurd, wenn RWE vor der schottischen Küste Windkraftanlagen baut, aber nicht hier bei uns.” Bünting ärgert das, er hat das der Landesministerin auch geschrieben. „Natürlich sind wir etwa im Vergleich zu RWE Power nicht gewaltig groß, aber wir haben doch schon was”, sagt er.

In Nordrhein-Westfalen hat RWE Innogy bislang acht Windkraft-Standorte mit einer Gesamtleistung von 38,5 MW. Die zehn Windräder in Titz sollen ab Herbst 20 MW liefern. Wenn man sich vergegenwärtigt, dass sich zusätzlich in Jüchen ein Windpark mit 13,6 MW Leistung im Bau befindet und vor allen Dingen ein weiterer in Bedburg mit rund 60 MW Leistung geplant ist, dann zeigt das den Ehrgeiz des Konzerns. Bis zum Jahr 2025 wolle RWE 30 Prozent seines Stroms aus erneuerbaren Energien gewinnen, erklärt Bünting. 50 Prozent davon sollen mit Windkraft erzeugt werden.

Boris Ossadnik, der Projektleiter in Titz, atmet auf. Die Schwertransporter mit den Turmteilen sind natürlich noch gekommen, es kann weitergehen. Anderthalb bis zwei Windräder kann sein Team pro Woche aufstellen, wenn das Wetter es zulässt. Der Wind darf keinesfalls stärker wehen als mit 32 Kilometern pro Stunde. Es ist die einzige Phase im Leben eines Windrades, in der es möglichst windstill sein sollte.
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