Linnich - Notunterkunft: Linnichs Sorgen sind nicht zu überhören

Notunterkunft: Linnichs Sorgen sind nicht zu überhören

Von: Guido Jansen
Letzte Aktualisierung:
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Zum Bersten gefüllt: Über 300 Menschen waren in die Aula der Realschule gekommen, um über die Flüchtlings-Notunterkunft zu diskutieren. Emmanuel Ndahayo mahnte alle beteiligten Parteien, künftig besser zu kommunizieren und die Linnicher Bevölkerung dabei mit einzubeziehen.
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Verspürte mitunter heftigen Gegenwind: der stellvertretende Regierungspräsident Wilhelm Steitz (2.v.r.). Foto: Jansen
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Das Anrücken von Mitgliedern einer Polizei-Hundertschaft sorgte zuerst für Irritation auf der Bürgerversammlung.

Linnich. Es gab einen Moment, in dem deutlich wurde, wie aufgeladen die Atmosphäre in Linnich rund um die Notunterkunft für Flüchtlinge ist. Seit fast zwei Stunden führte der stellvertretende Regierungspräsident Wilhelm Steitz eine mitunter sehr hitzige Diskussion mit über 300 Menschen, die zur Bürgerversammlung gekommen waren, um über die Notunterkunft zu sprechen, in der seit zwei Wochen 500 Flüchtlinge untergebracht sind.

Dann marschierte die Verstärkung der Polizei auf, Angehörige einer Hundertschaft, in voller Schutzuniform. Bei dem Anblick machte sich große Unruhe breit, laute Zwischenrufe waren zu hören. „Wir sind diejenigen, die Schutz brauchen, und zwar vor denen. Nicht andersrum.“

Erst, als Bürgermeister Wolfgang Witkopp nach einer Unterbrechung erklärte, warum tatsächlich die Polizei voll aufgerüstet aufmarschiert war, kehrte das ein, was man Ruhe nennen mag, wenn der Puls der Diskussion ohnehin erhöht ist. Den Grund für den Einsatz erklärte ein Polizeisprecher mit der Anwesenheit von einschlägig bekannten Rechtsradikalen, die sich unter die Linnicher Bürger gemischt hatten.

Dem Vernehmen nach hatten sich mehr als 20 Personen im Internet verabredet, um das Linnicher Bürgerforum aufzumischen. Bestätigen wollte die Polizei das nicht. Als die Verstärkung anrückte, haben etliche vermeintliche Angehörige aus der rechten Szene den Heimweg angetreten. „Wir haben vor Ort keine Verstöße festgestellt“, lautete das Fazit der Polizei.

Gefühlte und erlebte Angst

Wilhelm Steitz zog am Ende von über drei Stunden Diskussion sein eigenes Fazit. „Dass es Kritik geben würde, damit habe ich gerechnet. Aber dass diese Kritik so vehement ausfallen würde, das hatte ich nicht gedacht, und das habe ich auch noch nirgends erlebt.“ Was Steitz mitgenommen hat, ist die Tatsache, dass die erlebte und die gefühlte Angst in der Bevölkerung in Linnich offenbar höher ist als an den anderen 49 Standorten im Bereich der Bezirksregierung Köln, an denen Flüchtlinge untergebracht sind.

Die Flüchtlingsunterkunft in der ehemaligen Polizeischule kann zu einem Sonderfall werden. Steitz räumte ein, dass „wir den Sprung von 300 auf 500 Flüchtlinge in der Linnicher Einrichtung noch nicht verkraftet haben“. Und er kündigte an, dass in Linnich ein Sozialarbeiter tätig wird, der darauf achten soll, dass die Flüchtlinge sich außerhalb der Notunterkunft anders verhalten als in den zahlreichen Beispielen, die die Redner aus dem Publikum aufzählten. „An keiner anderen Stelle gibt es solche Umfeldmanager. Wenn es sein muss, dann setzen wir in Linnich auch zwei oder drei ein“, sagte Steitz.

Zuvor hatten sich viele Linnicher ihren Ärger und ihre Ängste von der Seele geredet. Sie berichteten von vielen Diebstählen, davon, dass jungen Frauen lautstark und in beleidigender Weise Angebote zum Sex gemacht werden und dass sich ein Mann vor einem Mädchen entblößt und uriniert habe. Andere berichteten von Trinkgelagen auf dem Friedhof, bei denen die Grabsteine als Sitzgelegenheit genutzt würden und von zu viel Lärm in der Nacht. „Es kann nicht sein, dass ich als Frau Angst haben muss, alleine über die Straße zu gehen“, rief eine Rednerin.

Mehrfach wurde berichtet, dass die alarmierte Polizei nicht reagiert und stattdessen dazu geraten habe, die Situation einfach zu ertragen. „Egal, an wen ich mich wende. Keiner ist zuständig“, schilderte ein Mann, der unmittelbarer Anwohner der Notunterkunft ist, seinen Eindruck. Fast drei Stunden lang ließen die Linnicher Dampf ab.

Nicht gegen den Sozialfrieden

Emmanuel Ndahayo, früher als Flüchtling in Linnich aufgenommen und heute Mitglied des Dürener Kreistags, erhielt viel Applaus, als er betonte, dass die aktuelle Situation katastrophal sei. „Diese Maßnahme hier darf nicht gegen den Sozialfrieden gemacht werden.“ Deswegen riet er den beteiligten Parteien, eine bessere Kommunikation zu pflegen. Darauf hatten sich die Bezirksregierung, die Stadt Linnich, der Betreiber der Notunterkunft und der für die Sozialleistungen zuständige Jugendhilfeträger ZOF bereits in einem Treffen vor der Bürgerveranstaltung geeinigt.

Jeden Freitag gibt es jetzt eine Konferenz mit allen Parteien, bei der alle Probleme auf den Tisch kommen sollen. In der vergangenen Woche hatte die Stadt Linnich beklagt, dass mit ihr nicht kommuniziert werde. Das soll sich ändern. Auf der Internetseite der Bezirksregierung Köln sind Telefonnummer und eine Mail-Adresse hinterlegt, über die auch die Linnicher unmittelbar Kontakt zum Betreiber erhalten, auch, um ihre Beobachtungen und Ängste zur Sprache zu bringen.

Steitz betonte zudem, dass die Bürger auf ihrem Recht bestehen sollen. Sollte die Polizei auf die Hinweise aus der Bevölkerung so reagieren wie in den geschilderten Fällen, dann sollte der Landrat als unmittelbarer Vorgesetzter darüber in Kenntnis gesetzt werden. „Oder lassen Sie mich das wissen. Dann werde ich das ansprechen.“ Außerdem regte er an, dass die Bürger eine Vertretung bestimmen sollen, die regelmäßigen Kontakt mit der Bezirksregierung haben soll. Am Ende des Abends deutete sich eine solche Initiative an.

„Wir sind uns sicher, dass die Sorgen der Bevölkerung bei Ihnen angekommen sind. Wir werden Sie daran messen, welche Konsequenzen jetzt gezogen werden“, sagte Bürgermeister Witkopp zum Abschluss. „Dass wir jetzt beschlossen haben, uns einmal pro Woche auszutauschen, ist schon mal ein großer Fortschritt.“

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